Dienstag, 28. Juni 2011

Eine Theorie des sprachlichen Fortschritts

Während es sonst auf diesen Seiten mitunter recht lustig zugeht – nicht, weil der Autor dem Humor besonders zugetan wäre, sondern weil es oft gar zu lustige Vorkommnisse sind, die er zu kommentieren hat – wird es dieses Mal ernst, nämlich wissenschaftlich.
Sprachwissenschaftler mögen im allgemeinen die Sprachwandelkritiker, die sie gern Sprachnörgler nennen, nicht. Sie bringen folgenden Einwand vor: Wir haben in jahrzehntelanger mühevoller Forschungsarbeit herausgefunden, was jeder sowieso schon weiß, nämlich daß die Sprache sich ständig wandelt. Wenn sie sich aber wandelt, dann liegt das oft, ja meist daran, daß das, was heute als Fehler gilt, morgen als richtig angesehen wird. Ist  das aber so, dann ist doch gar nichts dagegen zu sagen, wenn jemand Fehler macht. Und wenn besonders viele Fehler gemacht werden, dann ist das nur ein Zeichen dafür, daß die Sprache sich gerade ein wenig schneller wandelt, und als fortschrittliche Menschen, die wir sind, ist uns Veränderung als solche ja sympathisch. Die naheliegende Konsequenz, die Abschaffung des Deutschunterrichts zu fordern, haben allerdings meines Wissens bisher nur wenige gezogen.
Andere Wissenschaftler, nämlich Logiker, beginnen die Stirn zu runzeln, wenn sie das hören, aber mit den Logikern haben’s unsere Sprachwissenschaftler nicht besonders. Der logische Fehler ist der sogenannte Sein-Sollens-Fehlschluß. Den machen die Sprachwandelkritiker allerdings meist auch, indem sie nämlich zu der Auffassung neigen, daß das, was jetzt als richtig gilt, auch in Zukunft als richtig zu gelten hat.
Uns scheint es darum an der Zeit, diesen irrigen Auffassungen eine umfassende Theorie des Sprachwandels entgegenzusetzen, von der wir aus Platzgründen in diesem Blog leider nur eine Skizze bieten können.

Die Sprache ändert sich ständig. Das kommt in den meisten Fällen dadurch zustande, daß irgendwer einen Fehler macht, z. B. einen Rechtschreibfehler, einen Grammatikfehler, oder er benutzt Wörter in falscher Bedeutung, ihm mißlingt eine Metapher oder ihm unterläuft irgend ein anderer Stilschnitzer. Der fehlerhaft Sprechende sammelt eine erste Gruppe von Anhängern um sich[1], die nicht merken, daß es sich um einen Fehler handelt, wohl aber von der Neuheit beeindruckt sind, weil sie Neues grundsätzlich für besser halten als Altes, und zwar deshalb, weil sie mit diesem nicht zurechtkommen. Das heißt, daß sie mit dem Alten, also dem richtigen Sprechen, Schwierigkeiten haben und sich darum immerzu verlacht fühlen. Oft haben sie auch Schwierigkeiten anderer Art, vor allem mit sich selbst, und dann greifen  sie nicht nur  nach völlig Neuem, sondern auch nach dem, was ihnen in irgendeinem Sinn aus einer höheren Sphäre zu kommen scheint und dort durchaus schon älter sein kann.
Diese ersten Anhänger sind, eben wegen ihres quälenden Gefühls, so klein zu sein oder so sehr am Rand zu stehen, daß man sie nicht hört, im allgemeinen außergewöhnlich laute Menschen, und darum hat, obwohl es erst nur wenige sind, doch der anfangs weit größere Rest der Sprachgemeinschaft bald den Eindruck, daß man halt so redet und schließt sich an.  
Die Neuerungen sind in den meisten Fällen neue Wörter, oder wie wir Sprachwissenschaftler sagen:  Der Wandel findet vorzugsweise auf der lexikalischen Ebene statt, weniger auf der strukturellen. Vor allem die importierten Neuwörter sind oft weder falsch noch häßlich noch dumm oder in irgendeiner anderen Hinsicht kritikwürdig; nicht selten fügen sie sich auch ganz gut in die deutsche Sprache ein. Aber man merkt ihnen an, daß sie denen, die sie benutzen, helfen, mit dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit fertigzuwerden, und daß das der primäre Daseinszweck dieser Wörter im Deutschen ist. Man riecht ihnen, wie wir anderswo – leider an einer in einem wissenschaftlichen Text wie dem vorliegenden nicht zitierfähigen Ort – ausführlicher dargelegt haben, den Schweiß an, den die Angst vor der Entdeckung ihrer Mickrigkeit ihren Sprechern heraustreibt. Meist handelt es sich um Importe aus Ländern, die man mit der großen Welt in Verbindung bringt – heute Amerika, früher Frankreich –, oder sie stammen, wir deuteten es bereits an, aus dem Jargon von Gesellschaftsschichten oder Berufsgruppen, die man für etwas Besseres hält; so breiteten sich die Fremdwörter griechisch-lateinischen Ursprungs aus, ebenso Wörter aus wissenschaftlichen Fachsprachen und aus der Amtssprache. An sich sind diese Wörter also oft harmlos oder haben gar lobenswerte Eigenschaften. Da sie aber nun unvermeidlich mit dem Subtext „Ich bin gar nicht das Würstchen, der Provinzler, der Banause, für den du mich hältst; hör’ doch nur, welch kraftvolle Superlative ich verwende, wie weltgewandt, wie gebildet ich mich ausdrücken kann“ verknüpft sind, weil sie also den Geruch ihrer Sprecher angenommen haben, sind sie leider ganz unverdient mit dem, was von vornherein mißraten ist, in eine Klasse geraten.
Damit dieser Mechanismus des sprachlichen Fortschritts gut funktioniert, hält sich die Gesellschaft Journalisten. Sie vereinen alle erforderlichen Eigenschaften: Ihre Kenntnisse der deutschen Sprache sind im allgemeinen bescheiden, ihr Ansehen mäßig, ihr Selbstwertgefühl darum niedrig, weshalb sie von den Politikern und Bürokraten, die von ihnen verehrt werden und die noch schlechter Deutsch können, jeden Mist sofort übernehmen (und umgekehrt), und sie sind laut wie keine andere Gruppe.
Der Leser wird fragen, warum wir hier von Fortschritt sprechen, wo dieses Wort doch mit dem Gedanken eines fortwährenden Besserwerdens verbunden ist, während es nach dem bisher Ausgeführten scheinen könnte, also ob die Sprache im Laufe der Zeit immer ungenießbarer werden müßte. Wir könnten es uns leicht machen und sagen, Fortschritt solle hier diese Bedeutung nicht haben, sondern werde ganz wertungsfrei im Sinnes eines Schreitens vom jeweiligen Zustand fort gebraucht[2]. Aber so ist es nicht. Es handelt sich durchaus um einen Fortschritt zum Besseren hin. Fehler sind keine mehr, wenn sie auch von den wenigen, die Deutsch können, ohne Schwierigkeiten eindeutig mit dem gemeinten Sinn verknüpft werden, und das ist der Fall, wenn der nicht gemeinte Sinn, der ihnen anfangs ins Auge sprang und den nur die Sprecher und ihresgleichen nicht bemerkten, verblaßt ist. Und der penetrante Geruch der Neuerungen und der Importwörter verliert sich in dem Maße, wie sie sich ausbreiten, denn wenn alle so reden, kann man sich damit ja nicht mehr herausheben; der Gestank von „Bullshit“ ist schwer zu ertragen, aber der Gebrauch von Wörtern englisch-amerikanischer Herkunft wie „Sport“, „Trainer“ oder „Jeans“ eignet sich heute nicht mehr, seine Weltläufigkeit zu demonstrieren. Im Laufe der Zeit hat sich aber mit der Semantik der Importwörter einiges ereignet. Sie bedeuteten von Anfang an nie ganz genau das, was irgendein deutsches Wort bedeutet, und darum ist auch die hirnrissigste Neuerung zugleich eine Bereicherung. Aber am Anfang liegt die Nuance, um die sich ein der englischen Sprache entnommenes Wort von dem unterscheidet, an dessen Stelle es getreten ist, im allgemeinen nur in jener Zusatzbotschaft: Ich bin gar nicht  das Würstchen usw., und die Bereicherung besteht eben darin, daß genau dies nun auf eine neue und oft anders nur schwer mögliche Art mitgeteilt werden kann. Allmählich jedoch verknüpft sich das neue Wort mit allerlei Gedanken, mit denen weder das deutsche Wort, an dessen Stelle es trat, verknüpft war, noch irgendein angeblich deutsches Ersatzprodukt von der Art der „Anschrift“, das man in der Hoffnung ausklügelte, es könnte das französischstämmige „Adresse“ aus dem Land drängen, je verknüpft werden kann.[3] Das Importwort ist dann unentbehrlich geworden, obwohl es nach wie vor schlecht riecht, und wer die Nuance ausdrücken will, die sich nur mit ihm, ohne es allenfalls durch umständliche Erläuterungen fassen läßt, gerät in einen entnervenden Konflikt. Der endet, wenn der Geruch verflogen ist, und die deutsche Sprache ist nun um neue Ausdrucksmöglichkeiten reicher. Mit Fug und Recht also können wir hier von Fortschritt im vollen Sinn des Wortes sprechen. – Damit ist auch eine Frage beantwortet, die seit 1000, wenn nicht 2000 Jahren einen Teil der Wissenschaft, nämlich die theologische, unter der Bezeichnung Theodizee plagt: Warum hat Gott die Knalltüten überhaupt erschaffen oder wenigstens ihre Erschaffung (durch den Teufel, der wird’s ja dann wohl gewesen sein) zugelassen? Er ist doch allmächtig und hätte das nicht tun müssen, und er kann doch an ihnen keine Freude haben, das widerspräche der Notwendigkeit anzunehmen, daß er absolut vollkommen und also auch in Dingen des Geschmacks vollkommen ist. Wir haben einen Teil der Antwort gefunden: Indirekt tragen sie dazu bei, daß die Sprache reicher wird, und daran wird er schon seine Freude haben. Offen bleibt die Frage, ob es denn keinen anderen Weg zu diesem Ziel gegeben hätte. Nun, ein paar Geheimnisse unenthüllt zu lassen steht auch uns Wissenschaftlern gut an.

Der sprachliche Fortschritt scheint auf dem ersten Blick dem Fortschritt in technischen und künstlerischen (insofern man hier überhaupt von Fortschritt reden kann) Dingen in einem bestimmten Aspekt ähnlich. Auch der Erfinder wird oft zunächst verlacht, man hält seine Ideen für abwegig, und das revolutionäre Kunstwerk geht unter im Buhgewitter. Aber mit dem Sprachfortschritt verhält es sich in einer wichtigen Hinsicht anders, nämlich so wie mit der Mode. Einige skurrile, vom Rest der Gesellschaft zu Recht verlachte Figuren setzen sich als erste den neuen Hut auf und nach einiger Zeit tragen ihn alle. In der Mode wie in der Sprache sind es nicht die kühnen und scharfen Denker und die Kraftgenies, sondern die Dumm- und Knallköpfe, die den Fortschritt vorantreiben. Während man nach einiger Zeit merkt, daß man den Erfinder zu Unrecht verlacht, den Komponisten zu Unrecht ausgebuht hat, sie das also auch im Moment der Neuerung nicht verdient haben und darum rehabilitiert werden, geht es dem Modegecken nicht so. Er wird nicht zum bewunderten Neuerer, wenn alle so herumlaufen wie er es als erster vorgemacht hat, er ist, wenn die etwas paradoxe Formulierung erlaubt ist, damals für alle Zeiten ein Modegeck gewesen. Und ein Sprachfehler bleibt für die Zeit seiner Einführung ein Sprachfehler, er wird nicht im Nachhinein für diese Zeit richtig, auch wenn er nun kein Fehler mehr ist; wer ihn als erster aufgegriffen und verstärkt hat, war damals entweder ahnungslos oder er war ein Sprachmodegeck. Sollte er das inzwischen nicht mehr sein, ist es auch mit seinem segensreichen Wirken im Dienste des sprachlichen Fortschritts vorbei.

Natürlich ist der Gang der Dinge nicht immer so, und wenn Sie, verehrter Leser, in Ihrem Wortschatz „Trainer“ durch „Coach“ ersetzt haben, dann haben Sie sich sicher nicht aufblasen wollen, sondern waren getrieben von ehrenwerten Motiven. Vielleicht haben Sie ja gedacht: Da spare ich zwei Buchstaben ein, und Sparsamkeit ist und bleibt eine Tugend. Und es gibt Neuerungen, an denen vom Augenblick ihres Auftauchens an nicht nur nichts auszusetzen ist, die nicht nur unmittelbar eine Verbesserung darstellen, sondern denen man sogar die Genialität ihrer Schöpfer anmerkt. Man weiß ja, daß die deutsche Sprache von Goethe um neue Worte bereichert worden ist. Andere ähnlicher Größe haben es auch versucht, sind aber gescheitert, z. B. Karl Valentin; sein „zerwutzelt“ hat sich leider nicht halten können. Und schließlich sind manche Neuerungen zwar Fehler oder stilistisch unmöglich, aber sie haben doch einen ganz anderen Ursprung als jenen Drang, größer scheinen zu wollen als man zu wirken glaubt und auch nicht so etwas doch ein bißchen Pedantisches wie das Bemühen um Sprachökonomie: Den Anfang machen oft Jugendliche, Stammtischbesatzungen, vornehmlich Dialekt sprechende, und ähnlich schöpferische und mit Recht um Regeln und Traditionen sich nicht kümmernde Kreise. Ihre Kreationen sind oft genial, funktionieren aber im Hochdeutschen nicht. Manche, die letzteres sprechen, benutzen sie ironisch – so wie sie auch die deppenhaften Erzeugnisse von Bürokraten, Politikern, Journalisten, Werbefuzzis usw. ironisch aufgreifen und damit verstärken – und sorgen so ungewollt dafür, daß sie sich unter denen durchsetzen, die weder die Ironie bemerken noch die Untauglichkeit im Hochdeutschen.
Aber in den meisten Fällen erklärt sich der Sprachwandel auf die oben beschriebene Weise. Die falsche Verwendung von „Erhalt“ z. B. hat sich so durchgesetzt: Das Wort wurde vor Jahrzehnten von einem korrekten Beamten zur Welt gebracht, und der wußte, was er damit sagte. Aber in den sprachkomtepenzdefizitären Schichten – in einem streng wissenschaftlichen Text wie dem vorliegenden darf ich mir dieses streng klingende, ja sogar etwas streng riechende Wort erlauben –, die es aufschnappten und sofort gierig hinunterschlangen und wieder von sich gaben, weil ihnen die Welt der Beamten als eine höhere erschien, hat man es nicht verstanden und mit „Erhaltung“ verwechselt. Über lange Zeit hin fristete der Fehler ein bescheidenes Dasein in Periodika von der Art des Dinkelsbühler Gaststättenboten, in Flugblättern[4] von Naturschützern, die für den Erhalt des Regenwalds stritten, obwohl wir den schon seit Menschengedenken haben, und von Gewerkschaftern; da kämpften seltsamerweise die, die schon im Besitz von Arbeitsplätzen waren, für deren Erhalt, also dafür, welche zu bekommen. Der falsche Gebrauch dieses Wortes war, wie wir Wissenschaftler es ausdrücken, ein negatives soziales Distinktionsmerkmal, ähnlich dem Vornamen Kevin. Vor kurzem aber ist die Gleichsetzung von Erhalt und Erhaltung oben angekommen, nämlich in der Zeit und in der FAZ. Bis es allerdings so weit ist, daß wir von einer Bereicherung sprechen können, ist es noch einige Zeit hin, denn das einzige, wodurch sich dieses Wort, sofern falsch verwendet, in seiner Bedeutung von „Erhaltung“ unterscheidet, ist eben jene Auskunft über die Sprachkompetenzdefizite (siehe oben) der Sprecher, die es uns gibt. Da man aber bei Zeit- und FAZ-Journalisten Sprachkompetenz wenigstens so weit voraussetzen darf, daß sie besagten Unterschied kennen, sie ihn also nur deshalb nicht beachten, weil er ihnen egal ist, ist „Erhalt“ in der Bedeutung von „Erhaltung“ völlig überflüssig geworden.
Das war in aller Kürze die Theorie. Man darf wohl keine großen Hoffnungen hegen, daß sie sich unter den Linguisten bald durchsetzen wird. Von diesen abgesehen scheint sie uns aber schon heute weithin akzeptiert – so sehr, daß wir mitunter an unserer eigenen Urheberschaft zweifeln und zu glauben beginnen, wir hätten sie, wenigstens ihre Kerngedanken, irgendwo auf der Straße oder in einer Kneipe aufgelesen. Wir wollen sie in Anlehnung an Karl Popper, der seine „Scheinwerfertheorie des wissenschaftlichen Fortschritts“ der empiristischen „Kübeltheorie“ gegenübergestellt hat, Knalltüteneffekttheorie des sprachlichen Fortschritts, kurz Knalltütentheorie nennen.



[1] Damit jetzt nicht einer „Guttenberg“ schreit: Das ist von Th. Kuhn.
[2] Auch hier kann ich wieder auf Th. Kuhn verweisen.
[3] Siehe dazu die „Sprachlehre“ von K. Kraus, gleich zu Beginn des Textes.
[4] Für die Jüngeren unter Ihnen: So hieß früher das, was Sie unter dem Namen Flyer kennen.

Kommentare:

columbo hat gesagt…

Ich denke nicht, dass Sprachwandel in erster Linie von - wie haben Sie es genannt - Knallköppen getragen wird. Die sind natürlich auch am Werk. Klar. Aber viele neue Formulierungen und Wörter sind auch treffend und prägnant und somit, aus Sicht des Philologen, tatsächlich ein Fortschritt.

Nur dass im Gegensatz zur biologischen Evolution oder dem technischen Fortschritt, der Sprachwandel völlig ziellos ist. Die Sprache, das betonen die Linguisten ja immer, wird nicht schlechter. Aber dann wird sie eben auch nicht besser. Nur anders. Und aus Sicht des dummen Philologen (auch eines der vielen Feindbilder des Superintellektuellen Stefanowitsch) sind einige dieser Erscheinungen positiv, andere negativ und wieder andere völlig neutral zu beurteilen. Insgesamt findet aber, wie in der Mode, kein Fortschritt statt sondern nur ein Wandel.

David Marjanović hat gesagt…

Man weiß ja, daß die deutsche Sprache von Goethe um neue Worte bereichert worden ist. Andere ähnlicher Größe haben es auch versucht, sind aber gescheitert, z. B. Karl Valentin; sein „zerwutzelt“ hat sich leider nicht halten können.

Das ist schlicht ein Dialektwort. Valentin hat nichts damit zu tun, außer, dass er eben einen solchen Dialekt gesprochen hat.

Nur dass im Gegensatz zur biologischen Evolution oder dem technischen Fortschritt, der Sprachwandel völlig ziellos ist.

Die biologische Evolution ist ganz genau so ziellos. Ihre Richtungen sind Spielball der Umwelt. Insgesamt findet in der Evolution kein wie auch immer definierter Fortschritt statt, nur die Vielfalt nimmt zu.

Ludwig Trepl hat gesagt…

Hmm.... Ob ich in einem nicht-satirischen Text die Behauptung aufrechterhalten würde, daß der Sprachwandel in erster Linie von Knallköpfen getragen wird – da bin ich mir nicht so sicher; ich müßte das dann ja irgendwie nachweisen. Aber es ist auf jeden Fall sinnvoll, darauf hinzuweisen, daß sie eine erhebliche Rolle spielen (gewöhnlich wird die ja ganz übersehen), und was die derzeitige Amerikanisierung als einen doch nicht ganz unwichtigen Teil des Sprachwandels angeht, so würde ich behaupten, daß sie in erster Linie von Knallköpfen getragen wird und jeden Betrag darauf wetten, daß diese Hypothese einer eingehenderen Prüfung standhielte.
Mit dem Fortschritt ist es um einiges komplizierter als man im allgemeinen meint.
David Marjanović widersprich Columbo: „Die biologische Evolution ist ganz genau so ziellos [wie der Sprachwandel]. Ihre Richtungen sind Spielball der Umwelt.“ Ganz so kann man das nicht sagen. Zweifellos ist das die Auffassung der meisten Biologen (und als Biologe würde ich ihr zustimmen). Aber es ist nicht die Auffassung aller, und es ist eine Frage, was man unter Ziel oder einem Ziel-Analogon verstehen soll. Ist z. B. zunehmende Komplexität so etwas? Kann man im Falle von morphologischen Konstuktionsbeschränkungen, die die möglichen Richtungen der Evolution einengen, von so einem Ziel-Analogon sprechen? Und auch wenn man sich weithin einig ist, daß sie Evolution ins nicht nur ziellos, sondern auch ganz ungerichtet ist: daß es innerhalb neu eröffneter adaptiver Zonen so etwas wie einen Fortschritt gibt, dem würden doch die meisten zustimmen.
Interessant ist, daß man die gleichen Auffassungen wie in der Biologie auch z. B. bezüglich der Kunst und der Wissenschaft findet. Da klingt es sehr eingängig, daß Richard Strauß nicht ein besserer Komponist war als Bach, daß es aber innerhalb einer bestimmten Stilrichtung Verbesserungen, also Fortschritt gibt. Die Paradigmentheorie sieht die Entwicklung der Wissenschaften ähnlich: Innerhalb eines Paradigmas gibt es so etwas wie Fortschritt, zwischen den Paradigmen eher nicht. Das alles ist plausibel, aber höchst umstritten. Die Auffassung, die früher als recht selbstverständlich galt, daß es in den Wissenschaften einen echten (zielgerichteten) Fortschritt gibt und in der Kunst keinen, hat aber auch einiges für sich. – Viel spricht dafür, daß es sich hier nicht um in den jeweiligen Wissenschaften, durch empirische Forschung und Konsistenzprüfung, entscheidbare Fragen handelt, sondern daß sich hier grundlegende Denkfiguren gegenüberstehen, die sich auf sehr verschiedene Gegenstandsbereiche anwenden lassen und die sozusagen wissenschaftsexterne Ursachen haben, oder anders gesagt: daß wir hier eher mit einer ideologietheoretischen Frage als mit einer wissenschaftlichen zu tun haben. Und ich vermute (verstehen tu’ ich davon nichts), bezüglich der sprachlichen Fortschritts verhält es sich auch nicht viel anders. (-> Fortsetzung)

Ludwig Trepl hat gesagt…

(Fortsetzung)
Plausibel – und ich vermag im Moment nicht zu sehen, was man dagegen vorbringen könnte – scheint mir: Wenn es sich ereignet, daß man in einer Sprache mit einem neuen Wort etwas bezeichnen kann, das man vorher zwar auch hätte bezeichnen können (das ist vorausgesetzt, wenn man keinen Rangunterschied zwischen Sprachen und Zuständen von Sprachen annimmt), aber nur so umständlich, daß man es immer unterließ, dann muß man wohl von einer Verbesserung, einer Bereicherung der Sprache sprechen. Wenn man es nicht unterließ, aber die Sache nur selten bezeichnete, weil es eben so umständlich war, dann ist die Sprache vielleicht nicht besser geworden – denn man konnte die Sache ja bezeichnen, wenn’s auch nur wenige taten – aber es ist doch das faktische Sprechen besser geworden. Denn dafür ist relevant, wie viele Sprecher wie sprechen. In diesem Sinne von Fortschritt zu sprechen, scheint mir problemlos. – Unter „die Sprache“ kann man aber auch den jeweiligen Idealzustand verstehen, und erst da wird es wirklich ein Problem, ob Fortschritt stattfindet oder nur ein Wandel. Ist die Sprache, die zur Zeit Goethes das Ideal war, besser (wie wohl die Philologen in der Regel meinen) als die der Zeit von Grimelshausen?

Ludwig Trepl hat gesagt…

@David Marjanović

Daß "zerwutzelt" nicht von Karl Valentin ist, macht mir zu schaffen. Eine Hoffnung hab ich noch: Könnte es nicht sein, daß die Bayern es von ihm übernommen haben?

columbo hat gesagt…

Die Evolution bewirkt, dass sich Arten den Umweltbedingungen anpassen. Wenn das kein Fortschritt ist, dann haben wir wahrscheinlich ein unterschiedliches Verständnis von der Bedeutung des Wortes Fortschritt.