„Fakt ist“ ist unter den Wendungen aus dem
Deppendeutsch-Sprachschatz wohl die erfolgreichste. Über fünf Millionen Treffer
ergab sie bei Google. Eingesetzt wird
„Fakt ist“ vorzugsweise von Politikern, ihren Journalisten und im Internet
politisierenden Laien, und zwar dann, wenn sie etwas behaupten, zu dessen Nachweis sie
sich nicht in der Lage sehen.
Deutsche Sprak schwere Sprak
Hier finden Sie in loser, wenn's gut geht rascher Folge Kommentare zu Vorboten der allgemeinen zerebralen Zerbröselung und des ihr auf dem Fuße folgenden Weltuntergangs sowie zum Thema „Deutschland schafft sich ab“.
Dienstag, 21. Mai 2013
Dienstag, 14. Mai 2013
Elterteam
In der Biologie war,
als man in diesem Fach noch im wesentlichen deutsch sprach, „das Elter“ üblich.
„Dieser Operator trennt das
Elter mittels zweier durch Zufallszahlen“ usw.[1]. Nicht gleich
böse werden, die dürfen das. In einer Fachsprache sind die seltsamsten Dinge
erlaubt, allerdings nur unter der Bedingung, daß streng darauf geachtet wird,
daß kein Nicht-Fachmensch (darf ich das? muß es nicht vielleicht FachmenschIn
heißen?) zuhört.
Aber nun geht
ein Gerücht um: Die Schweiz hat beschlossen, in der Amtssprache nicht nur
„Mannschaft“ durch „Team“ zu ersetzen, sondern auch „das Elter“ anstelle von
„Vater“ und „Mutter“ zu setzen, denn letztere seien, wie „Mannschaft“ auch,
irgendwie nicht gendergerecht oder wie das heißt. Beim Europarat hat man eben
dies, heißt es, auch vor. Sollte das stimmen, so möchte ich in diesen wie in
ähnlichen Fällen auf Verhängung von mindestens drei, ach was, dreißig Jahren
mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen groben Unfugs plädieren. Anders
sind die SprachverwaltungsbeamtInnen scheint’s nicht mehr zu bremsen. Keine
Angst, es wird eine Ausnahme bleiben. Die erforderliche Gesetzesänderung soll
ausschließlich für derartige Fälle von Schwerstkriminalität gelten.
Aber es gibt
noch Hoffnung. Die Meldung stand in einem Boulevardblatt, dem „Blick“, wird also wohl
erfunden sein. Daß man sich einmal darüber freuen muß, daß die wo’s nur geht
lügen, hätte ich früher nicht gedacht.
[1]
http://www.google.de/#q=%22das+elter%22+genetik&hl=de&prmd=b&ei=Ibu9TOb3OYGEswbp9fjYDQ&start=10&sa=N&fp=1d280f31b083caa6
Montag, 6. Mai 2013
Arbeitsplatzjob
Job-Akzeptanz, Jobabsage, Job-Aussichten,
JOB-Runde, sind Dialekte
im Job nicht angebracht? Job-Interview, JOB-AMPEL - Chancen für
Akademiker auf dem Arbeitsmarkt, Job-Partner,
Job-Test, Jobbesitzer, Job- und Karrierechancen, mit diesem Mini-Job-Rechner können Sie errechnen, wie
viel Arbeitnehmer in einem Mini-Job
netto ausgezahlt bekommen, das Job-Ticket
ist ein Angebot für Berufstätige, welchen (Job)Weg kann ich gehen? Die BRAVO Job-Attacke: Gegen die Job-Angst! BRAVO will dir
helfen: Mit der Job-Attacke, unterstützt von McDonald's und der Bundesagentur
für Arbeit! Job-Lexikon, Job & Stellenangebote, Job-Thema, in
der JOB BUDE ist ein Zimmer für
dich frei, Job-Boom, Job-Anzeigen!
1 Euro Job, Job Portal, Job-Chancen,
Job-Voraussetzungen.
Und natürlich
Jobcenter. Auch gibt es Job-Angst,
Job-Ängste, Angstjob, Job-Schwemme, Aktiv-Job, AKTIV JOB-CENTER, Action-Job;
Kulturjobber brachte vor 3 Jahren 4 Treffer bei Google, jetzt etwa 3000, Kulturarbeiter
damals 24.000, jetzt ist es auf 19.000 zurückgefallen;
Alternativjob, Arbeitsjob, intelligenter Arbeitsjob, Arbeitsplatzjob,
Jobstelle : Lukrativ und Sicher, STELLENJOB
GESUCHT; um den Job trauer ich
echt nicht, jedoch gibt’s seltsamerweise noch keine Jobtrauer und auch keinen
Trauerjob (vor drei Jahren, heute fünf Treffer), aber 110.000 Treffer für
Trauerarbeit (vor drei Jahren, heute über 300.000); Beziehungsjob gibt es allerdings
schon ein paar mal, noch ein wenig häufiger Partnerjob, aber immer noch 22.000 mal Partnerarbeit, und es
gibt den Mehr Mut bei Migranten – Job, Babyjob (das scheint
manchmal die Arbeit zu sein, die darin besteht, ein Baby zu versorgen, manchmal
eine Arbeit, die babyleicht ist, aber nie die Arbeit des Babys selbst, z. B.
seine Trauerarbeit,
wenn der Schnuller weg ist), Bildungs-Job; Erinnerungsjob war seltsamerweise
nicht zu finden, jobgerecht brachte nur 218 Treffer (dagegen – wer versteht
das? – gendergerecht 11.000 Treffer); Jobforschung.
Und so weiter
und so fort.
Kaum eines dieser
Wörter gab es vor 20 Jahren schon, wenn, dann führte es ein so verstecktes
Dasein, daß es keiner bemerkte. Welch eine Karriere! Teils gab es sie nicht,
weil man vor 20 Jahren noch weit weniger Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung
hatte und man „Job & Stellenangebote“ richtig geschrieben hätte, nämlich „Job- &
Stellenangebote“. Das hätte damals aber etwas anderes bedeutet als heute: Die
Formulierung „Job- und Stellenangebote“ wäre noch möglich gewesen, während man
sich heute wundert: Ist ein Job denn etwas anderes als eine Stelle? Damals aber
war das ein großer Unterschied.
Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das
Wort Job im Deutschen bereits heimisch. Ein Schüler konnte sich für die Ferien
einen Job suchen. Sein Lehrer aber hatte keinen, auch wenn er nicht arbeitslos
(für die Jüngeren: joblos) war. Er hatte einen Beruf und eine Stelle. Auch ein
normaler Arbeiter hatte, im Unterschied zum Ferienarbeiter, keinen Job; er
hatte Arbeit.
Nun sind solche Veränderungen von
Wortbedeutungen nichts besonders Aufregendes. Ärgerlich ist allenfalls, daß Dschobb
blöd, ja unappetitlich klingt, nach Verstopfung, und daß es sich um ein
amerikanisches Wort handelt, der Grund seines Gebrauchs also allein in
Minderwertigkeitsgefühlen liegt. Das hat der Job aber mit tausend anderen
Wörtern gemein und rechtfertigt nicht, ihm besondere Aufmerksamkeit zu
widmen. Die verdient er deshalb, weil er eine ganz besondere Geschichte hat.
Wann es genau war, weiß ich nicht mehr,
vielleicht vor zehn oder vor zwölf oder vor fünfzehn Jahren. Davon abgesehen
ist mir die Situation noch deutlich vor Ohren: Der Nachrichtensprecher im
Bayerischen Rundfunk sagte, daß soundsoviele Menschen ohne Job seien. Und er
meinte eindeutig nicht nur Ferien-Jobber, sondern auch z. B. arbeitslose
Lehrer. Ich stutzte, denn niemand außerhalb sehr isolierter Kreise redete zu
jener Zeit so. Während etwa das Ticket über 20 oder 30 Jahre hin allmählich die
Vielfalt der Bahn-, Flug-, Eintrittskarten usw. verdrängt hat und irgendwann es
auch die Nachrichtensprecher, erkennbar widerstrebend, übernahmen, kam der Job
mit einem Schlag aus dem Äther, also von oben. Er traf aber offenbar auf ein brennendes
Bedürfnis: Nur ganz kurze Zeit später war die ganze Fülle der Job-Wörter da und
wenn einer eine Stelle suchte oder seinen Arbeitsplatz verteidigte, wurde er
angesehen, als wäre er vom Mond gefallen.
Was ist da passiert? Man ist ja ein
vernünftiger Mensch, meidet normalerweise jeden Kontakt mit den Spinnern, die
mehr oder weniger wahnhaften Welterklärungssystemen anhängen. Aber hier, das
muß man zugeben, helfen nur noch Verschwörungstheorien weiter. Irgendwo in
einem entlegenen Winkel trafen sich die Rundfunkgewaltigen und heckten einen Plan
aus. Nur, fragt man sich, was wollten sie damit erreichen? Was haben
ausgerechnet sie davon? Vielleicht ist es ja eine Rationalisierungsmaßnahme.
Job ersetzt, wie vorher Ticket, eine ganze Reihe alteingeführter Wörter mit
ganz bestimmten, genauen Bedeutungen. Und wenn das so weitergeht, muß man eines
Tages weit weniger in die Ausbildung von Nachrichten- und anderen Sprechern
investieren, denn sie kommen mit viel weniger Wörtern aus. Man muß sie
vielleicht bald überhaupt nicht mehr eigens ausbilden, sondern nimmt einfach irgendeinen
Joblosen von der Straße. Die paar Wörter, die es dann noch gibt, wird er schon
richtig aussprechen können.
Eines, dachte
ich, gibt es nicht: Weil die Arbeitsplatzeffekte, wenn auch nur die positiven,
gar zu schön sind und kein Politiker es sich nehmen läßt, auf sie hinzuweisen,
egal was er vorschlägt, wird man wohl für ihre Erhaltung (für die Jüngeren
unter Ihnen: ihren Erhalt) sorgen. Aber
nein: über 30.000 Treffer ergab „Jobeffekt“ bereits bei Google.
Montag, 29. April 2013
Gott im Center des Stützpunkts
„Nach den Ansprachen und Glückwünschen
segnete Ortspfarrer Heribert Schauer das Neue Agro-Center,“ das der Fliegl-Gruppe gehört, das „der wohl
größte Stützpunkt für Agrartechnik in Deutschland“ ist und das in Kastl/Oberbayern
die Gegend verschandelt. Das gibt fliegl.com bekannt.[1]
Ich liege wohl richtig mit der Vermutung, daß einer nun schon an die
zweitausend Jahre währenden Tradition folgend das Vaterunser im Center des
Gottesdienstes stand.
Interessant ist die Verwendung von
„Stützpunkt“ durch ein Organ des westdeutschen Kapitals. Stützpunkt ist
DDR-Jargon und seine Verwendung also erfreulich, denn die Reste des letzteren haben
Seltenheitswert. In der DDR gab es z. B. den Getränkestützpunkt. Das war meist
eine Flaschenbierhandlung. An solchen Wörtern lag es übrigens, daß die DDR
zugrundegegangen ist. Andere Erklärungen, beispielsweise daß der Sozialismus
grundsätzlich nicht effizient zu wirtschaften versteht oder daß die Menschen
sich halt nach Freiheit sehnen, halten einer nüchternen Überprüfung nicht
stand; dergleichen ist nichts als westliche Propaganda. Aber Wörter zu erfinden
wie Getränkestützpunkt, Jahresendflügelpuppe, Winkelement, Komplexannahmestelle
oder Ferienobjekt, das beschwört den Zorn der Himmlischen herab.
Aus eben diesem Grund wird auch die BRD
untergehen, wenn's auch andere Wörter sind. Im allgemeinen sind es schlimmere,
denn was schon ist die Umbenennung des guten alten Altersheims in Feierabendheim
gegen die Umbenennung in Seniorenresidenz?
[1]
http://www.fliegl.com/content/index.cfm/fuseaction/57,dsp,0,2,0,126,1,0,home_fliegl_agro_center.html
Dienstag, 23. April 2013
Ressourcenquellen beim Bockspringen
„Weitere Ressourcenquellen bieten die
aktuellen Partnerbeziehungen ... sowie Kontakte in der Nachbarschaft“. Das sind
Ergebnisse des Forschungsprojekts „Lebenssituation allein erziehender
Sozialhilfeempfängerinnen und ihrer Kinder unter besonderer Berücksichtigung
ihrer Gesundheit“.[1]
Ressourcen hätte es auch getan, zumal die
Hauptbedeutung von Ressourcen Quellen ist. – Jean Paul hat sich (in Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch)
auch schon des Problems angenommen, wie man aus allem, nicht nur aus
Partnerbeziehungen und Nachbarschaftskontakten, sondern auch
beispielsweise aus der Tatsache,
daß man bei einer Handarbeit ja im allgemeinen zwei Füße frei hat, die sich in
Tätigkeit setzen ließen, Ressourcen, d. h. Quellen für das wirtschaftliche Wachstum
machen könnte; „ringsum springen die Quellen wie Böcke“, konnte er feststellen.
Den Namen des Projekts sollte man noch
einmal überdenken. Nur selten nämlich sind
alleinerziehende Sozialhilfeempfängerinnen allein erziehende. In aller Regel wirken nämlich an der Erziehung der
Kinder alleinerziehender Sozialhilfeempfängerinnen Lehrer, Kindergärtnerinnen,
Großeltern und einige andere mit.
Zurück zu den Ressourcen. Immerhin, in dem Forschungsprojekt hat man, das
läßt die Formulierung erkennen, noch eine Vorstellung davon, wofür man das Wort
Ressource so ganz, ganz ungefähr gebrauchen kann. Ganz anders bei Youtube: „Sind
Sie ein Elternteil oder Pädagoge? Ressourcen für Eltern finden Sie hier, Ressourcen für Pädagogen hier.“[2]
Und was findet der oder das Elternteil an Ressourcen? Informationen der Art,
daß man Kindern erst erlauben soll, Youtube-Filme zu sehen, wenn sie 13 Jahre
alt sind.
Kyrie eleison.
Samstag, 20. April 2013
Englisch lernen Zuhause
Wall Street Institute ist „einer der meistbesuchten Anbieter
für englischsprachige Weiterbildung und mit über 400 Standorten in 25 Ländern
präsent.“ Die Methode dieses Anbieters, die er WSI Multimethod® nennt, wurde
mit der „ISO 9001:2000 Qualitäts-Zertifizierung honoriert.“
Ich werde aber den Verdacht
nicht los, daß es da nicht mit rechten Dingen zugeht. „In Ihrem persönlichen
Trainingsbuch finden Sie schriftliche Aufgaben und Übungen für Englisch lernen Zuhause“
klingt doch verdächtig nach einem Computer-Übersetzungsprogramm. Damit soll das
Wall Street Institute nicht
schlechter gemacht werden als die Konkurrenz. Solche Praktiken scheinen in
dieser Branche sehr verbreitet zu sein, z. B. bei der Firma sprachdirekt: „Der Englisch Intensivkurs wird für alle Kenntnisstufen, von
Anfänger bis Fortgeschrittene angeboten. Kursbeginn ist jede Woche, jeweils
montags möglich.“[1]
Dienstag, 16. April 2013
Hilfeverläufe mit einbeziehen
„Dazu kann das Jugendamt in Absprache mit den Sorgeberechtigten und dem jungen
Menschen im Prozeß der Hilfeplanung alle für die Lösung des Falles bedeutsamen
Personen und Institutionen mit einbeziehen.
In der Regel führt diese Arbeitsweise der Jugendämter zu erfolgreichen Hilfeverläufen... In Vertretung Zach Ministerialdirigent;
Drucksache 14 / 4884 Landtag Baden-Württemberg.“[1]
Bei „Verläufe“ zuckt man schon zusammen, aber „Hilfeverläufe“ läßt einen um
Hilfe schreien, die dann hoffentlich erfolgreiche Verläufe nimmt. Was kann man
denn da tun? Kann man überhaupt noch etwas tun, wenn das Übel schon so weit
fortgeschritten ist? – An einer anderen Stelle ist das Problem leicht zu lösen:
Falls der Herr Ministerialdirigent zu Einsparungen gezwungen ist, kann ihm
geholfen werden: „Mit einbeziehen“ bedeutet nichts anderes als „einbeziehen“.
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