Sonntag, 13. April 2014

Perfekt perfekt


Stell dir vor, du nimmst einen Grashalm oder ein Getreidekorn direkt aus der Natur (fast das ganze Jahr erhältlich, im Winter unter dem Schnee). Den Grashalm kannst du direkt in den Mund nehmen und ihn kauen. Das Getreidekorn kannst du anfeuchten und 2 Tage lang ankeimen lassen. Dann kannst du es so wie es ist verzehren. Damit gibst du deinem Körper genau die Urzutat von Brot. In dieser Form passt sie vollkommen perfekt zu deiner Körpernatur.“[1]
Die modischen Natur-Religionen schießen ja wie Fliegenpilze aus dem Boden. Da ist es nicht verwunderlich, wenn zwar alles perfekt, aber nicht gleich vollkommen perfekt gelingt. So scheinen mir die agrarwissenschaftlichen Kenntnisse noch perfektionierungsbedürftig, ja geradezu vervollkommnungsbedürftig; es dürfte einige Mühe bereiten, unter dem Schnee so viele Getreidekörner zu finden, daß es für eine ordentliche Urzutat reicht, und daß ein einziges genügt, will mir nicht einleuchten. Aber ich muß zugeben: Perfekt vollkommen ist mein Wissen auf diesem Gebiet auch nicht.
Sprachlich sollte man sich an den hergebrachten Religionen ein Beispiel nehmen: „Sie zitieren mit Andacht etwa Psalm 19,8: ‚Das Gesetz des Herrn ist vollkommen (perfekt).’“[2]




[1] http://www.lernen-fuehlen-verstehen.de/ernaehren_gesund_natuerlich.html

Montag, 31. März 2014

Unerträgliche Klimastabilität



„In den nächsten zwei Jahren wird sich entscheiden, ob es die Menschheit schafft, den Klimawandel in erträglichem Maße zu begrenzen“, hieß es vorgestern in einer Unterüberschrift der taz. An Unterüberschriften dürfen sich bekanntlich bei dieser Zeitung die Praktikanten versuchen, bei denen es zu richtigen Überschriften noch nicht reicht. Den Klimawandel in unerträglichem Maße zu begrenzen, das sollte die Menschheit lieber gar nicht erst zu schaffen versuchen. Man stelle sich vor, das Klima ändert sich überhaupt nicht mehr! Wer soll das aushalten!


Donnerstag, 27. März 2014

Auffahrunfall auf der Krim


Wenn die Parteien ihre Wahlergebnisse „einfahren“, kann man sich dabei ja noch etwas denken. Sie bilden sich ein, eine große Arbeit geleistet zu haben, im Schweiße ihres Angesichts das Feld, auf dem die Stimmen wachsen, beackert zu haben, und nun fahren sie die Ernte in die Scheune ein wie einst der Bauer die Kartoffeln. Aber nun dies: „Er bestreitet nicht, dass Russia Today eine kremltreue Berichterstattung fährt“[1]. Wie fährt man denn eine Berichterstattung? So wie ein Auto oder so wie ein Fahrrad? Und wohin? In die Redaktion oder in die Wohnzimmer der Leser? Oder vielleicht gegen die Wand? Wieso fährt man die Berichterstattung überhaupt? Man könnte sie doch ebensogut werfen oder tragen oder auszahlen oder gießen oder breitklopfen. Rätselhaft, wieso sich die Journalisten ausgerechnet für „fahren“ entschieden haben, wo es doch Möglichkeiten ohne Zahl gibt.




[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/berichterstattung-ueber-die-krim-krise-blick-aus-der-blase-1.1914499

Freitag, 14. März 2014

Handlungsreisende


„Vertreter aus Politik und Religionen“ haben sich zur Verabschiedung des Bayerischen Landesbischofs versammelt, meldet vor einiger Zeit der Bayerische Rundfunk.
Was die uns wohl andrehen wollen? Ein Abonnement des Bayernkurier? Kreuze an Goldkettchen?
Und wie das wohl passiert ist? Vielleicht hieß es erst: Vertreter der CSU und der Grünen sowie Vertreter der Katholischen Kirche und des Zentralrats der Muslime. Das wäre in Ordnung gewesen. Aber dann mußte gekürzt werden, um die Meldung vom Sieg eines Autorennfahrers unterzubringen, und das ging daneben.



Montag, 3. März 2014

Bildungsbürgerblattdeppenleerzeichen


„Oscar-Gruppenbild wird meist geteilter Tweet“, titelt die Zeit heute in ihrer Online-Ausgabe.
Meist wird das Gruppenbild also geteilt. Dadurch wird es zu einem Tweet, und zwar zu einem geteiten. Was aber wird aus dem Bild, wenn es nicht geteilt wird? Bleibt es ein Bild und wird an die Wand gehängt? Oder auf dem Dachboden gelagert? Oder wird es zerrissen und die Teile werden in den Müll geworfen?


Samstag, 22. Februar 2014

Kleine Prominentenkunde


„Promi“ sei „die in Medien und Alltag verbreitete, umgangssprachliche Kurzform für 'Prominenter“,[1] meint Wikipedia.
Ich glaube, das trifft’s nicht. Denn was sind Prominente? Von Berühmtheiten im allgemeinen unterscheiden sich Prominente bekanntlich dadurch, daß sie vor allem oder gar ausschließlich dafür berühmt sind, berühmt zu sein. Das zeichnet z. B. prominente Wissenschaftler aus. Sie sind fast nie für ihre Leistungen berühmt, denn die kennt keiner, von einigen wenigen Fachkollegen abgesehen, und die sind meist der Meinung, daß der berühmte Kollege keineswegs wegen seiner Leistungen berühmt sei, sondern z. B. deshalb, weil er einflußreiche Freunde in den Gremien hat, die Preise verleihen. Berühmte Wissenschaftler sind also typische Prominente, aber in den Medien, in denen man das Wort Promis findet, wird man sie vergeblich suchen. Statt ihrer tummeln sich dort Heerscharen von Sportlern, Schlagersängern und Filmschauspielern. Die sind, in der Regel jedenfalls, für ihre Leistungen berühmt, denn die kennt jeder und kann sie auch einigermaßen beurteilen. – „Promis“ könnte man so definieren: Konzentriert oder beschränkt sich die Berühmtheit von Berühmten auf die Unterschicht sensu Harald Schmidt, so heißen sie Promis. Vielleicht – die Soziologen werden das noch genauer prüfen müssen – könnte man sogar formulieren:  Promis sind die Oberschicht der Unterschicht.
Benutzt man „Promi“, um weitere Wörter zu bilden, wird es bisweilen schwierig. Ein Promi-Schauspieler ist ein in der Unterschicht, im genannten Sinn verstanden, berühmter Schauspieler. Ein Promi-Chirurg ist dagegen nicht ein Chirurg, der zugleich ein Promi ist, sondern ein Chirurg, der Promis operiert.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Promi

Samstag, 15. Februar 2014

Verhungern spielen


"Wir sehen uns dabei in der Rolle des ehrlichen Maklers zwischen den verschiedenen Interessen der Parteien und der gesellschaftlichen Akteure", formulieren die Grünen-Landeschefs.[1]
Das ist, bis auf die Kleinigkeit, daß auch Parteien gesellschaftliche Akteure sind und daß man, wenn man nicht gerade Soziologe ist und zu anderen Soziologen spricht, das Wort Akteure meiden sollte, in Ordnung. Wenn den Landeschefs die genannte Rolle nicht mehr behagt, können sie ja eine andere spielen, z. B. die des unehrlichen Maklers.
Aber die große Mehrheit der Soziologen spricht ohne rot zu werden auch von der sozialen Rolle der Bauern in Mali oder der Frauen in Afghanistan, als ob diese ein Spiel spielten, in dem sie sich halt für eine Rolle entschieden haben oder man sie meinetwegen auch dazu zwingt, d. h. zum Spielen zwingt. Das zeigt, wie sehr diese Zunft in den letzten Jahrzehnten heruntergekommen ist. „Der Protest des lebendigen Subjekts dagegen, daß es generell zu Rollen verurteilt ist – die amerikanische Rollentheorie ist so beliebt, weil sie das zur Struktur von Gesellschaft überhaupt auswalzt [...]“, beginnt ein Satz von Adorno in Jargon der Eigentlichkeit. Aber die Dummheit und Hinterlist des neoliberalen Zeitgeists und seiner Soziologen zeigt sich bereits darin, daß man überhaupt auf den Gedanken kommt, ein Begriff aus der Theaterwelt eigne sich zur Bezeichnung der Tatsache, daß jemand im wirklichen Leben unterdrückt und geschunden wird.





[1] http://www.rp-online.de/landtagswahl/nachrichten/Gruene-setzen-auf-Mitarbeit-der-CDU_aid_906146.html