Sonntag, 16. November 2014

Wachstumsschmerzen


„Deutschland ist zuletzt weniger gewachsen als Griechenland“ schreibt heute die FAZ in ihrer Internetausgabe.[1]
Und wir dachten alle, das hätten wir hinter uns, das machen nur noch die Russen. – Wenig zwar, aber immerhin gewachsen. Man möchte natürlich wissen, was denn dazugekommen ist. Vielleicht Hinterpommern? Ostpreußen jedenfalls nicht, da war ich kürzlich, das ist immer noch teils polnisch, teils russisch. Aber Hinterpommern ist eigentlich auch zu groß, um „weniger gewachsen als Griechenland“ zu rechtfertigen, denn Griechenland ist garantiert nicht um eine noch größere Fläche gewachsen, davon hätte man gehört. Vielleicht fand das Wachstum ganz woanders statt als dort im Osten, woran der Deutsche nach alter Gewohnheit  zuerst denkt. Mallorca? Hat es endlich geklappt?




[1] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/stagnierende-wirtschaft-der-mindestlohn-ist-nicht-schuld-13267983.html


Donnerstag, 13. November 2014

Anything goes


„Warum werden im Zusammenhang mit gender und diversity so viele englische Begriffe verwendet? Der Gender Begriff bietet im Englischen die Möglichkeit den Begriff des sozialen Geschlechts vom biologischen abzugrenzen. Dies ist im Deutschen so einfach nicht möglich, da nur ein Wort zur Verfügung steht, und immer eine längere Erklärung angefügt werden müsste, um welchen Begriff es denn nun geht. Das Wort Gender ist also viel klarer zu gebrauchen, als das im Deutschen möglich wäre.“ Das fand ich auf einer Internetseite der Eliteuniversität TU München.[1]
Bisher dachte ich, es gäbe nur einen einzigen Grund, warum nicht nur im Zusammenhang mit gender und diversity, sondern auch sonst so viele englische Begriffe verwendet werden, nämlich die Angst, man könnte als Provinztrottel enttarnt werden. Aber es gibt, wie man an dem Zitat sieht, einen weiteren: Deutsch können sie einfach nicht mehr. Die neue Mischsprache hat fast keine Regeln, da kann jeder beim Schreiben mitmachen, sofern er nur in der Lage ist, Buchstaben aneinanderzureihen. Beim Verstehen wird’s schon schwieriger, da kann nicht jeder mitmachen, das ist wohl auf die Kreise unserer Eliten beschränkt.



[1] Frequently Asked Questions (FAQ) 1. Allgemeine Fragen, auf einer Seite namens „Gender Studies in Ingenieurwissenschaften“ der TU München (http://www.gender.edu.tum.de/faq.html).

Sonntag, 9. November 2014

Verkehrsunfall


„Verkehr ist die Bewegung von Personen, Gütern oder Nachrichten in einem definierten System.[1] Dabei werden Einheiten entlang von Kanten eines Netzwerks oder auf Routen einer Verkehrsinfrastruktur bewegt.“
Die Redaktion von Wikipedia hat darübergesetzt: „Dieser Artikel erläutert Verkehr im Sinne von Transport.“[1]
Das wird wohl als eine Nominaldefinition, eine Festsetzung des Sprachgebrauchs gedacht sein, denn eine Realdefinition, eine Feststellung des Sprachgebrauchs, ist es schwerlich. Bei einer Nominaldefinition ist man frei. Niemand kann einem verbieten, als Walfisch zu definieren, wozu bisher alle Welt Ameise gesagt hat. Sollte es aber doch als Realdefinition gemeint sein, und bei Wikipedia weiß man ja nie, stellen sich einige Fragen. Darf man es wirklich mit Fug und Recht einen Verkehr im Sinne von Transport nennen, wenn sich Nachrichten durch die Luft oder einen Draht von einem Mund zu einem Ohr bewegen? Und ist es denn kein Verkehr, wenn sich Personen nicht auf Kanten oder in einer Verkehrsinfrastruktur von einem Ort zum anderen bewegen, sondern z. B. einfach quer durchs Gelände fahren? Oder wenn ein Schiff übers Meer fährt und sich nicht an die Seefahrtsrouten hält? Oder wenn das alles nicht in einem Netzwerk oder einem definierten System geschieht?

Dienstag, 4. November 2014

Entspannung


In Henscheids Dummdeutsch-Lexikon fehlt zwischen Entsorgungspark und Erbrezeption die Entspannung, obwohl die damals, zu Beginn der 90er, ihr Unwesen schon trieb, und wie! (Segensreich wirkte sie 20 Jahre früher, in der Politik.) Nichts gab es und gibt es heute, von der Arbeit (für die Jüngeren unter Ihnen: dem Job) abgesehen, was nicht entweder der Entspannung wegen getan wird oder weil es Spaß macht. Diese beiden Wörtchen schließen die ganze Welt uns ein wie weiland dem Burschen das Ja und das Nein der geliebten Müllerin. Der Unterschied ist nur, daß zwischen diesen ein gewaltiger, ja unendlich großer Abstand lag, eben die ganze Welt, während zwischen Entspannung und Spaß eigentlich gar keiner besteht, weshalb die Welt ziemlich geschrumpft erscheint. „Spaß entspannt“, belehrt uns wirtschaftspsychologie-aktuell.de, und es gibt ein Hotel, das einen „Anfänger Bereich“ hat, und das ist ein „Bereich, in dem fun entspannt“.[1] Die italienischen Hotels scheinen noch nicht so weit zu sein. Spaß gibt es da scheint’s nicht, sondern außer der Entspannung bekommt man nur Relax: „Das herrliche Wellness Center des Hotel Carlos V sorgt bestimmt rundum für Relax und Entspannung.“[2] Aber vielleicht ist dort ja die Verschmelzung von Spaß und Entspannung schon so weit fortgeschritten, daß es reicht, nur eines von beidem zu erwähnen.
In dem Radioprogramm BR Klassik dürfen sich täglich Kinder ein Musikstück bestellen (für die Jüngeren unter Ihnen: ordern). Sie wünschen sich gern „etwas mit Geige“ von Mozart, weil sie selber Geige spielen, oder „etwas mit Klavier“ von Haydn, weil das entspannend ist. So bedrohlich, wie man glauben möchte, ist es aber noch nicht. Die Kinder plappern halt nach, was sie von den Erwachsenen hören, und in bildungsbürgerlichen Häusern redet man heute nun einmal so. Das Kind, das Musik hört oder überhaupt irgend etwas tut, weil es sich entspannen will, muß erst noch geboren werden. Sollte das geschehen, wäre den Eltern zu raten, einen Arzt zu Rate zu ziehen.
Auch bei den Erwachsenen ist's nicht ganz so schlimm. Nur ein Bruchteil derer, die es behaupten, tut etwas wegen der Entspannung. Es ist durchaus fraglich, ob schon einmal jemand aus diesem Grund einen Spaziergang gemacht hat. Bei einem solchen kann zwar durchaus eine Entspannung eintreten, jedoch nur nebenher, sie ist keinesfalls das Motiv. Den Irrglauben, sie liefen ihretwegen, haben den Menschen die Vertreter der Lebenshilfeindustrie eingeschwatzt, um ihnen leichter ihre Produkte aufschwatzen zu können.
Die wahren Gründe sind ganz andere. „Ein Mann von Verstand und Logik“, schreibt Jean Paul, „würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.“[3] Die beiden oberen dürften heutzutage unter den aus der Logik bekannten Begriff der leeren Klasse fallen: Solche Spaziergänger gibt es nicht mehr, „in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fließet“. Das wären die der zweiten Kaste von oben, und über ihnen stehen noch die „Menschen, die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen ... die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen....“. Die kommen also nicht mehr vor, übrig geblieben sind die beiden unteren Kasten. Die Angehörigen der vorletzten spazieren „weniger, um zu genießen, als um zu verdauen, was sie schon genossen haben ... oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter“, und schließlich,  ganz unten, da „laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.“
Ich komme zurück. Entspannung und Spaß schließen, wie gesagt, die ganze Welt uns ein, allerdings nur, soweit sie nicht in Arbeit besteht. Doch man arbeitet emsig daran, diesem Mißstand abzuhelfen: Natürlich gibt es den entspannenden Job und den entspannten Job und seit langem die Entspannungsarbeit, schon gibt es aber auch den Entspannungsjob, und sogar den Funjob und die Funarbeit. – Entspannung und Spaß sind nicht, wie wir gesehen haben, zwei Pole, zwischen denen sich die Freizeitwelt aufspannt. Vielmehr bedeutet Entspannung tendenziell nichts anderes als Spaß und Spaß ist das, wozu man auch Entspannung sagen kann, zumindest ist Spaß entspannend, und genau deshalb möchte man Spaß haben, und Entspannung macht Spaß, genau darum entspannt man sich.
Nun mischt sich aber ein drittes Wort ein, so daß man vielleicht die These wagen könnte, die Welt werde nach eine Phase der Verödung wieder komplexer, nicht zwei-, sondern dreipolig: Spannung. Doch die Hoffung trügt. Es ist nur ein weiteres Wort, kein weiterer Begriff. Spannung bedeutet tendenziell eben das, was Entspannung bedeutet und was Spaß bedeutet: „Spannung entspannt“, haben die Top-Forscher von muellerscience.com herausgefunden, und wunderbar-media.at bittet uns: „Lassen Sie uns für Sie planen und organisieren, damit alle das Ereignis mit Spannung entspannt geniessen können“.[4] Sie hätten auch schreiben können: damit alle das Ereignis entspannt gespannt genießen können.
Einen Funken der Hoffnung aber läßt ein anderes Ereignis aufglimmen: In BR Klassik wünschte sich die elfjährige Laura aus dem Landauer Gymnasium das Air von Bach, und zwar nicht weil es entspannend, sondern weil es berühmt ist.[5] Ich schlage vor, das Mädchen umgehend aus seinem Lernumfeld, das sicher suboptimal ist, weil es dort von Underachievern nur so wimmelt, herauszulösen und in eine Hochbegabtenklasse aufzunehmen, und ich wünsche ihm eine glanzvolle Karriere.




[2] www.gioricohotels.it/de
[3] Darüber habe ich hier schon geschrieben.
[4] www.wunderbar-media.at/wm_event_und_Messeplanung.htm
[5] 11.6.2010, kurz nach 7 Uhr

Freitag, 31. Oktober 2014

Bilder, „Bilder“ und sogenannte „Bilder“


„...die Frömmigkeit, mit der wir RezipientInnen alle geschlossen vor den sogenannten „Bildern“ in die Knie gehen ...“, schrieb die taz in einer Filmkritik.[1]
Es geht um richtige, und zwar um sich bewegende Bilder, um einen Film halt. Im folgenden Text schreibt der Autor denn auch immer von Bildern, ohne Anführungszeichen und ohne „sogenannte“ davorzusetzen. Ja, er tut auch im Zitat im Grunde nichts anderes, denn sogenannte „Bilder“ sind einfach Bilder, „sogenannte“ und Anführungszeichen heben einander auf. Er hat wohl erst Bilder in Anführungszeichen gesetzt, dann aber gemerkt, daß das falsch ist, weil es ja Bilder sind und nicht sogenannte Bilder, und darum den Fehler durch „sogenannte“ wieder gelöscht. Das hätte er auch einfacher haben können.


[1] 15.6.2011

Montag, 27. Oktober 2014

Deutscher Provinzialismus


In anderen Ländern, etwa in England und Frankreich, gibt die Hauptstadt den Ton vor. Die Provinz bemüht sich, sich  so zu kleiden, wie man sich in Paris kleidet, und wie man da spricht, gilt dort als vorbildlich. Bei uns ist es anders. Man ißt wie in Oggersheim und sieht dann entsprechend aus, und man spricht eher wie in Rosenheim statt wie in Berlin. Wenigstens in unserem Fall:
Jeder Fußballkommentator in Presse, Funk und Fernsehen weiß, daß es „auf“ Schalke und nicht etwa „in“ Schalke zu heißen hat, weil man in Gelsenkirchen so spricht. Aber fast jeder Fußballkommentator sagt „die“ Hertha, obwohl kein Berliner so spricht. Das kommt daher: In Bayern sagt man nicht etwa „Uli sitzt“, sondern „der Uli sitzt“, und im Rheinland sagt man nicht „Erna ist beim Frisör“, sondern „dat Erna ist beim Friseur“. Und obwohl, eigens befragt, der Bayer und der Rheinländer nach kurzem Nachdenken einräumen würden, daß im Hochdeutschen da kein Artikel hingehört: Wenn's speziell darum geht, ob man sich nach der Hauptstadt richten soll, wird nicht nachgegeben.


Freitag, 24. Oktober 2014

Funspaß auf der Piste


„18 km markierte Routen mit Tiefschneeabfahrten sowie Funspaß im neuen Quality Snowpark ideal für alle Snowboarder und Freeskier“ hat's im Pinzgau.[1]
Das kam völlig überraschend. Mit Funjob hatte ich gerechnet (z. B. „Funjob: Helikopter Pilot“[2] – ich wußte gar nicht, daß Hubschrauber Namen haben wie Schiffe und ICE-Züge; dieser jedenfalls heißt Pilot), mit Funarbeit auch („war ne Funarbeit hab immer weng rumgemacht und das ist dan rausgekommen finde die einarbeitung krass, lg“, schreibt ein Johannes[3]). Überraschungen aber harren im Negativen ebenso wie im Positiven: Nicht weniger verblüffend als der Fund von „Funspaß“ war die Erkenntnis, daß es „leistungsträgergerecht“ bei Google nicht gibt.