Montag, 27. Oktober 2014

Deutscher Provinzialismus


In anderen Ländern, etwa in England und Frankreich, gibt die Hauptstadt den Ton vor. Die Provinz bemüht sich, sich  so zu kleiden, wie man sich in Paris kleidet, und wie man da spricht, gilt dort als vorbildlich. Bei uns ist es anders. Man ißt wie in Oggersheim und sieht dann entsprechend aus, und man spricht eher wie in Rosenheim statt wie in Berlin. Wenigstens in unserem Fall:
Jeder Fußballkommentator in Presse, Funk und Fernsehen weiß, daß es „auf“ Schalke und nicht etwa „in“ Schalke zu heißen hat, weil man in Gelsenkirchen so spricht. Aber fast jeder Fußballkommentator sagt „die“ Hertha, obwohl kein Berliner so spricht. Das kommt daher: In Bayern sagt man nicht etwa „Uli sitzt“, sondern „der Uli sitzt“, und im Rheinland sagt man nicht „Erna ist beim Frisör“, sondern „dat Erna ist beim Friseur“. Und obwohl, eigens befragt, der Bayer und der Rheinländer nach kurzem Nachdenken einräumen würden, daß im Hochdeutschen da kein Artikel hingehört: Wenn's speziell darum geht, ob man sich nach der Hauptstadt richten soll, wird nicht nachgegeben.


Freitag, 24. Oktober 2014

Funspaß auf der Piste


„18 km markierte Routen mit Tiefschneeabfahrten sowie Funspaß im neuen Quality Snowpark ideal für alle Snowboarder und Freeskier“ hat's im Pinzgau.[1]
Das kam völlig überraschend. Mit Funjob hatte ich gerechnet (z. B. „Funjob: Helikopter Pilot“[2] – ich wußte gar nicht, daß Hubschrauber Namen haben wie Schiffe und ICE-Züge; dieser jedenfalls heißt Pilot), mit Funarbeit auch („war ne Funarbeit hab immer weng rumgemacht und das ist dan rausgekommen finde die einarbeitung krass, lg“, schreibt ein Johannes[3]). Überraschungen aber harren im Negativen ebenso wie im Positiven: Nicht weniger verblüffend als der Fund von „Funspaß“ war die Erkenntnis, daß es „leistungsträgergerecht“ bei Google nicht gibt.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Unterwegs ins Abseits


Zu den einlußreichsten Sprachneuerern gehören bekanntlich die Fußballreporter bzw. -kommentatoren, vielleicht die einzigen, die es mit den politischen Sprachkommissaren – den Leuten, die sich Wörter ausdenken wie „Studierende“ oder „Migranten“ – aufnehmen können. Vor kurzem noch, nach meiner Erinnerung bis ins vorige Jahr hinein, sagten sie, die Fußballreporter, „Der ist Stürmer“, wenn einer Stürmer war; jetzt sagen sie „Der ist als Stürmer unterwegs“. Und wenn der Torwart eine Mütze aufhatte, sagten sie „Der Torwart hat eine Mütze auf“; jetzt sagen sie „Der Torwart ist mit Mütze unterwegs“. Spielte einer in der Nationalmannschaft, sagten sie „Er spielt in der Nationalmanschaft“, manchmal auch „Er ist Nationalspieler“. Jetzt heißt es „Er ist in der Nationalmannschaft unterwegs“. In, nicht etwa mit. Das kommt zwar auch vor, aber selten; vielleicht, weil sie uns in der Tat nicht mitteilen wollen, daß er mit der Nationalmanschaft herumfährt oder herumfliegt, sondern eben, daß er in ihr spielt, vielleicht aber auch, weil ein Satz mit „mit“ zu sehr an richtiges Deutsch erinnert.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Titel geben


„Auch wird Ken Dukens Titel gebende Klugscheißer-Figur, die einem zunächst herzlich unsympathisch ist .....“[1]
Eine  Figur gibt also Titel. Wie das wohl zugehen mag? Sie vergibt nicht Titel, wie Königin Elisabeth oder die Fakultät einer Universität, sondern gibt Titel. Vielleicht  muß man es sich ähnlich vorstellen wie bei einem Hund, der Pfötchen gibt.



[1] http://www.tittelbach.tv/programm/fernsehfilm/artikel-3309.html


Samstag, 18. Oktober 2014

Nato kleiner als alle glaubten


„Kobane: Lévy zweifelt Nato-Mitgliedschaft der Türkei an.“[1]
Also wohlgemerkt: Er zweifelt nicht etwa daran, daß es richtig ist, die Türkei in der Nato, zu der sie jetzt gehört, zu lassen, sondern daran, daß die Behauptung richtig ist, die Türkei sei Mitglied der Nato. Da bürdet er - oder der Spiegel-Journalist - sich aber einiges an Beweislast auf.




[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/kobane-bernard-henri-levy-zweifelt-nato-mitgliedschaft-der-tuerkei-an-a-996783.html


Donnerstag, 9. Oktober 2014

Bildungsnotstand bei der Zeit


„Viele junge Deutsche sind gebildeter als ihre Eltern – das belegt eine neue Studie. Seltsam nur: Kürzlich behauptete eine andere Studie das Gegenteil.“[1]
Welch ein Elend, und das im Zentralorgan des Bildungsbürgertums! Die Behauptung, viele junge Deutsche seien gebildeter als ihre Eltern, widerspricht keineswegs der Behauptung, viele junge Deutsche seien ungebildeter als ihre Eltern, selbst wenn man den gleichen Maßstab angelegt hat. Hundertausend junge Leute, die gebildeter sind als ihre Eltern, sind ziemlich viele. Die Behauptung wird nicht dadurch widerlegt, daß hundertausend andere junge Leute, also auch ziemlich viele, weniger gebildet sind als ihre Eltern.




[1] http://www.zeit.de/2013/08/Bildung-Absteiger-Studie


Dienstag, 30. September 2014

Journalisten


Das Wesen des Journalisten ist nicht so leicht zu ergründen. Er ordnet die Welt mittels weniger Begriffe, die er von anderen Journalisten aufgeschnappt hat und die sich im allgemeinen durch eine ungewöhnliche Dümmlichkeit auszeichnen, ähnlich wie die Worte des Jahres. Aber nach welchen Gesetzen geht es da zu? Ich dachte immer, es verstanden zu haben. Was sie mögen, wird, wenn sich nicht mehr länger verheimlichen läßt, daß da etwas faul daran ist, mit einem Euphemismus benannt, beispielsweise „Steuersünder“, damit die Leute denken, Verbrecher dieser Art seien ähnlich einzusortieren wie Parksünder. Mögen sie etwas nicht, machen sie es umgekehrt. Wer Putin analysiert, wird zum „Putinversteher“, damit man denkt, er hätte Verständnis für Putin. Das gibt es natürlich auch, aber „Putinversteher“ sind ja nicht nur Leute, die für ihn Verständnis haben, sondern auch solche, die sich seine Motive erklären wollen, ohne sie damit zu billigen. Aber warum, frage ich mich nun, gibt es „Europaskeptiker“? Der Journalist als solcher haßt  diese Leute, sonst wäre er keiner, jedenfalls wäre er nicht bei einem richtigen Medium wie etwa der Zeit oder der ARD, und er könnte doch, sollte man meinen, sich für sie einen Namen ausdenken, der dazu beiträgt, daß man sie haßt, z. B. „Europahasser“. Damit würden sie in die Nähe von anderen Europahassern gerückt, z. B. in die Nähe von Putin oder der Islamisten, und das müßte dem Journalisten doch recht sein. Aber Skeptiker zu sein ist an sich nichts Schlechtes, skeptisch ist sogar der Jounalist selber, jedenfalls manchmal. „Europaskeptiker“ müßte in seinen Augen doch eine Verniedlichung sein, die man auf keine Fall verwenden darf. Versteht das einer?