Donnerstag, 15. September 2011

Sicherstellen und sicher stellen


„Wie ist sichergestellt, dass Anwaltskanzleien über die gesetzlich notwendigen Voraussetzungen für Insolvenzberatung, vor allem über geforderte Spezialisierung verfügen?“ Das will einer im bayerischen Landtag von der Landesregierung wissen.[1]
Deutsch kommt mir das nicht vor. Von Kleinigkeiten abgesehen, z. B. „über geforderte Spezialisierung“: Die Polizei kann Dinge, mit denen man etwas Schlimmes anrichten könnte, z. B. Waffen, sicherstellen. Aber sie kann damit nicht sicherstellen, daß damit nichts Schlimmes angerichtet wird, sie kann es nur gewährleisten; das gilt für jedes Geschehen, im Unterschied zu Dingen; die kann man sicherstellen.
Wenn allerdings die „Südwestpresse“ titelt: „Harley-Davidson sicher gestellt“[2], so können wir sicher sein, daß uns diese Zeitung etwas ganz anderes mitteilen wollte, nämlich: Das Motorrad wurde sichergestellt. Was sie uns tatsächlich mitteilt, ist nicht so recht klar. Möglich wäre: Die Harley-Davidson wurde sicher gestellt, d. h. es kam bei dieser Aktion, der Aktion des Stellens, niemand zu Schaden, und das ist ja nicht ganz selbstverständlich bei diesem schweren Fahrzeug. Oder: Die Harley-Davidson wurde sicher gestellt, d. h. so, daß sie nicht umfallen kann oder sonst etwas Unerwünschtes mit ihr geschehen kann. Oder aber: Die Harley-Davidson wurde sicher gestellt, d. h. sicher auf-, hin oder weggestellt, nicht etwa sicher gelegt. Oder auch: Die Harley-Davidson wurde sicher, d. h. wahrscheinlich, wohl, gewiß gestellt, nicht gelegt. Es mag noch mehr Möglichkeiten geben; sicher ist allerdings: Sicher gestellt bedeutet etwas ganz anderes als sichergestellt.
Zustandegekommen ist das wohl so: Die Journalisten von der „Südwestpresse“ haben kein Gespür für diese Unterschiede. Und so hat einer im Wörterbuch nachgesehen und gefunden, daß seit der Rechtschreibreform nicht nur sicherstellen, sondern auch sicher stellen möglich ist. Da hat er sich so gefreut, daß er nun schreiben darf, wie er mag, daß er gar nicht mehr weitergelesen hat. Dann hätte er nämlich gefunden, daß man sich über die bisherigen Regeln des Zusammenschreibens nur dann hinwegsetzen darf, wenn damit der Sinn nicht verändert wird, und damit auch: wenn dann nicht etwas dasteht, was gar nicht dastehen sollte.

Kommentare:

NörglerIn hat gesagt…

Hier kann ich Ihnen nicht so recht folgen.

"Sicherstellen" heißt keineswegs nur "in polizeiliche Verwahrung nehmen". So bringt etwa der Duden (2006) das Beispiel "um sicherzustellen, dass nichts passiert".

Das Grimmsche Wörterbuch kennt noch nicht die Zusammenschreibung "sicherstellen", definiert aber das entsprechende Substantiv wie folgt:

"SICHERSTELLUNG, f. handlung des sicher stellens vor schaden, verlust, gefahr (vgl. sicher 2): sicherstellung vor verlust, gegen nachtheile; sicherstellung eines gläubigers, des vermögens; das allgemeine geschrey des unwillens .. bewog endlich den cardinal von Richelieu, für die sicherstellung seiner religion einen entscheidenden schritt zu thun. Schiller ..."

Ich glaube auch nicht, daß irgendein Journalist ein banales Wort wie "sicherstellen" im Wörterbuch nachschlagen würde. Beim Wort "sicherstellen" im hier gemeinten Sinn hat die Rechtschreibreform überhaupt nichts verändert.

Durch die Rechtschreibreform hat sich allerdings in vielen Köpfen der Irrglaube festgesetzt, Verbindungen mit Verben würden nun grundsätzlich getrennt geschrieben.

Das führt zu abenteuerlichen Getrenntschreibungen wie "zurück stellen" oder "zusammen stellen", die einem selbst in der konservativen FAZ auf Schritt und Tritt begegnen.

Das soll aber keinesfalls eine Verteidigung der Rechtschreibreform sein. Denn sie war es, die durch unverständliche Regeln und verkürzte Darstellungen viele festgefügte Schreibgewohnheiten beschädigt und damit derartigen Irrglauben hervorgerufen hat.

Ludwig Trepl hat gesagt…

Hmm...; den Hinweis auf den Unterschied zwischen sicherstellen und gewährleisten habe ich vor Jahren in einer Glosse im Tagesspiegel gefunden, ich weiß nicht mehr von wem. Er hat meinem Sprachgefühl eingeleuchtet, und ich bin mir nicht sicher, ob die Beispiele aus dem Grimmschen Wörterbuch dem wirklich widersprechen, denn da wird ja kein Geschehen sichergestellt.

Das mit dem im Wörterbuch nachsehenden Journalisten ist natürlich nicht ernst gemeint, daß die Rechtschreibreform das beschriebene Chaos angerichtet hat, aber schon.