Montag, 16. Mai 2011

Das Schickeria München

„Nie wäre ich für dieses arrogante Schickeria München, diese nimmersatten Titelabgreifer und protzreichen Duselweltmeister.“ Das schreibt Bernd Müllender in der taz vom 22. Mai 2010. Er meint den FC Bayern, und der Konjunktiv deutet schon an, daß er im Begriff ist, von seinem für jeden wahren Fußballfreund selbstverständlichen Glauben, von diesem Glauben im strengsten Sinne – ein solcher kann, nach Kant, durch kein sich auf Fakten berufendes Argument erschüttert werden, und dies mit vollem Recht – abzufallen, und der Artikel bestätigt es. Sprachlich ist zu bemängeln, daß es nicht das Schickeria, sondern die Schickeria heißen muß, und auch nicht die Schickeria München, sondern Münchens. Denn nicht München ist die Schickeria, sondern es beherbergt diese. Er meint es wahrscheinlich anders, kann aber nicht hinschreiben, was er meint.
Ein Großteil aller Fehler kommt dadurch zustande, daß man heute kaum mehr weiß, wann etwas zusammengeschrieben werden muß und wann nicht, wann ein Bindestrich zu setzen und wann er wegzubleiben hat. Ein anderer, auch nicht kleiner Teil kommt daher, daß man nicht mehr weiß, was bestimmte Wörter bedeuten. Über die verheerenden Wirkungen, die das in der Politik anrichten kann, hat uns Pascale Hugues im Tagesspiegel anhand des Beispiels der „jungen Wilden“ aufgeklärt.[1] Ein weiteres: Direkt neben dem taz-Artikel über das Schickeria München steht einer, in dem die Torhüterin von Turbine Potsdam als Frau bezeichnet wird. Bis vor etwa 40 Jahren war eine Frau ein verheiratetes weibliches Wesen, egal welchen Alters. Dann war eine Frau ein erwachsenes weibliches menschliches Wesen. Die Torhüterin ist 17. Das reicht noch nicht zur Frau. Sie ist ein Mädchen. Ausgewachsen mag sie sein, aber erwachsen ist sie noch nicht. Dem Durcheinander haben die Journalisten seit Jahrzehnten vorgearbeitet. Wenn ein Knabe etwas Schlimmes tut, z. B. jemanden brutal zusammenschlägt, und man möchte, daß er verurteilt wird, dann steht in der Zeitung „ein 17-jähriger Mann“. Wenn eine Menschenmenge von im Durchschnitt Dreißigjährigen für etwas demonstriert, was der Zeitung nicht gefällt, dann schreibt sie – ich habe das über viele Jahre beobachtet, es gibt nicht viele Ausnahmen – von „demonstrierenden Jugendlichen“.



[1] http://www.tagesspiegel.de/meinung/diese-jungen-wilden-riechen-noch-nach-milch/4041626.html

Kommentare:

Michael Allers hat gesagt…

Dass "Schickeria München" zusammen oder mit Bindestrich geschrieben werden "muß", ist kein Muss, sondern Ihre persönliche Meinung. Die englische Sprache funktioniert prima mit derartiger Schreibweise von Komposita. Immerhin ersparen Sie dem Leser die übliche Verbalinjurie "Deppenleerzeichen". Danke dafür!

Wirklich ärgerlich ist jedoch Ihre Auffassung, eine 17-Jährige sei ein geschlechtliches Neutrum, ein Mädchen. Biologisch ist das eindeutig falsch. Falls der Zeitpunkt des ersten GV - anno dunnemals willkürlich-fiktiv der Hochzeitsnacht zugeordnet - für die Abgrenzung herhalten soll, ist es wahrscheinlich auch falsch.

Wozu also diese Diskriminierung? Sprache soll doch Lebenswirklichkeit abbilden - auch mittels des Genus! Man bezeichnet einen jungen Mann nicht als 'das Jüngchen'. Womit hat diese junge Frau die Herabstufung zum Neutrum verdient?

Fazit: Das Geschlecht ist unabhängig vom Lebensalter.

lt hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Allers,

zu Ihrem ersten Punkt: Doch, der Bindestrich ist ein "muß". Daß im Englischen die Wörter getrennt geschrieben werde können oder müssen, ist für die deutsche Sprache ohne Bedeutung. Wann im Deutschen Getrenntschreibung nicht möglich ist, wird im Duden ausführlich erläutert; man sieht, daß es nicht einfach Konvention ist, d. h. man könnte die Getrenntschreibung auch nicht per Konvention einführen, denn das würde den Sinn völlig verändern, siehe unten, und man müßte eine Vielzahl weiterer Änderungen (Umschreibungen, zusätzliche Sätze ...) vornehmen, um den gemeinten Sinn wieder herzustellen (das ist eine der Ausnahmen: auch wiederherzustellen wäre möglich).

Aber in den meisten Fällen ist es ganz einfach: Man hört, wie es heißen muß (wohlgemerkt: muß): Getrenntschreibung hat die unausweichliche Folge, daß das zweite Wort betont wird. Und dann merkt man auch, daß mit und ohne Bindestrich bzw. Zusammen- oder Getrenntschreibung ganz verschiedene Bedeutungen haben. Ein Beispiel: Zusammen kommen und zusammenkommen bedeuten völlig verschiedenes. Mit Bindestrichwörtern ist's genauso, probieren Sie's aus.

Zu Ihrem zweiten Punkt: Mit Biologie hat das recht wenig zu tun, sondern mit der Sprache. Das Wort zur Bezeichnung einer 17jährigen ist nun einmal Mädchen und nicht Frau, ebenso bei einer 13jährigen; würden Sie denn die auch "junge Frau" nennen? Ein 17jähriges männliches Wesen ist kein Mann, sondern ein Junge, ein Knabe oder ein Bub.

Sie stören sich nun daran, daß Mädchen ein Neutrum ist. In der Tat, darin zeigt sich die jahrtausendelange Diskriminierung. Ich glaube allerdings nicht, daß man der Sache der Frauenemanzipation einen Gefallen tut, wenn man eine künstliche politisch korrekte Sprache konstruiert, das wirkt nur lächerlich. Es gibt Ausnahmen, z. B. das Fräulein, das konnte man einfach weglassen. Aber Mädchen kann man nicht weglassen, wie soll man denn dann 7jährige nennen? Für sinnvoll halte ich es aber, ins Bewußtsein zu rufen, daß in dem Neutrum eine Diskriminierung steckt; wenn das begriffen ist, dann kann man das Neutrum aber auch weiterhin benutzen.

Die Diskriminierung der Frauen steckt übrigens in einer Unzahl anderer Wörter und Wendungen ebenso, die man gar nicht alle abschaffen kann, ohne eine völlig neue Sprache zu erfinden; die sind uns nur noch nicht aufgefallen, aber daran könnten Sie ja arbeiten, da Ihnen ja offenbar viel daran liegt.

Viele Grüße

Ludwig Trepl