Sonntag, 24. März 2013

Der beste Freund des Grünen ist der Mensch


„Wir stehen gut da, aber ausruhen ist nicht! Weil es bei all diesen Themen auf die nächsten Jahre ankommt, wollen und müssen wir auch gestalten. Also stellt sich die Frage: mit wem? Und die erste Antwort ist: mit den Menschen!“ 
Das ruft die Grünen-Politikerin Sylvia Löhrmann ihrem Parteivolk zu.[1]
Mit wem? Ich hab’s mir gleich gedacht, daß diese Aufgabe nicht mit den Hauskatzen, Salatgurken oder Kieselsteinen anzupacken oder gar zu schultern ist. Außer den Menschen bleibt in der Tat wenig, wenn nicht gar nichts. Doch frage ich mich, ob die Grünen sich wirklich, wie die Politikerin behauptet, der Aufgabe, ach was, der Herausforderung, wenn nicht gar der Challenge der Gestaltung verweigern würden, wenn es bei „diesen Themen“ nicht auf die nächsten Jahre, sondern auf die nächsten Monate oder Jahrzehnte ankäme.

Mittwoch, 20. März 2013

Machbarkeitswahn


Angefangen hat es damit, daß sie nicht Pläne von Straßen, sondern die Straßen selbst umgesetzt haben. Jetzt haben sie dieses Prinzip ausgebaut und vertieft und dabei in gewisser Weise umgedreht:
„HOAI-Reform 2013 – BMWi: Der Zeitplan ist ehrgeizig, aber machbar“[1]
Garantiert meint das Ministerium oder die uns über die Reform berichtende Redaktion nicht, daß der Plan machbar ist – denn der war schon fertig, als die zitierte Zeile formuliert wurde, er mußte nicht mehr gemacht werden –, sondern daß das machbar ist, was im Plan geplant wird. Aber egal, Hauptsache, man hat „machbar“ untergebracht. Klingt ähnlich entschlossen und „praxisnah“ wie „umgesetzt“.




[1] http://www.bdla.de/nachricht688_13.htm


Donnerstag, 14. März 2013

Nur fast immer


Papst Franz hinten, Papst Franz vorne, Papst Franz an allen Ecken und Enden, und von der evangelischen Kirche redet gar keiner mehr. Dem wollen wir uns entgegenstemmen:
„Wie ist Gerechtigkeit zu definieren? Aber ob wir das in den Kirchen wirklich immer besser wüßten?“ So die ev. Zeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz Die Kirche[1]).
Also wenn schon nicht wirklich immer, was bekanntlich dem Papst, also jetzt dem Franz vorbehalten ist, so wissen wir es in den Kirchen doch zumindest fast immer besser.
Da muß man Die Kirche aber zu mehr Demut mahnen.




[1] 28. Februar 2010.

Mittwoch, 13. März 2013

Neusprech


Es kommt zwar vor, daß mit „befrieden“ eine friedliche Tätigkeit gemeint ist, z. B. hier:
„Zwei Mediatoren sollen Grüne befrieden“.[1]
Aber das ist selten. Gemeint ist im allgemeinen: Dreinschlagen, bis Friede herrscht; z. B. ist es hier so gemeint, auch wenn die Tagesschau ein wenig rumdruckst:
„Von der Schwierigkeit, die Taliban zu befrieden“.[2]
Es ist vielleicht das älteste Neusprech-Wort überhaupt. Seine lateinische Entsprechung benutzten schon die Römer genau in der heutigen Hauptbedeutung. Auch in der Nazizeit ist man dabei geblieben. Wikipedia irrt darum, wenn es schreibt:
„Während des zweiten Weltkriegs, im besetzten Polen wurde das Wort in einer anderen Bedeutung verwendet. Man sprach von Pazifikation eines Dorfes um seine Zerstörung und Ermordung oder Vertreibung seiner Bewohner auszudrücken.“[3]
Das Wort wurde auch von den Nationalsozialisten so wie im alten Rom und so wie heute verwendet. Nach der Pazifikation herrschte Friede im Dorf.

Freitag, 8. März 2013

Kundenbetreuung


Jahrelang war ich Kunde der Bäckerei Muschler in Freising bei München, aber nie hätte ich gedacht, daß ich mich damit einer Gruppe von Personen angeschlossen habe, deren Definition eine derart ehrfurchtgebietende, wenn nicht gar einschüchternde Formulierung erfordert: „Ein Kunde ist eine Person oder eine Institution, die ein offensichtliches Interesse am Vertragsschluss zum Zwecke des Erwerbs eines Produkts oder einer Dienstleitung gegenüber einem Unternehmen oder einer Institution zeigt.“[1]
Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber sicher hat mir meine Mutter oder ein Verkäufer einst mit etwas anderen Worten erklärt, was ein Kunde sei, und mein Eindruck war bis jetzt nicht, daß sie mir eine falsche Vorstellung mitgegeben hätten. Aber nun weiß ich's.
Ein offensichtliches Interesse an Dienstleistungen einer Institution, z. B. der Institution Meldeamt und ganz früher der Institution Schule, habe ich gelegentlich auch schon gezeigt. Aber bei denen ist wohl keiner auf den Gedanken gekommen, daß ich ihr Kunde sein könnte. Vielleicht lag das daran, daß ich das Interesse nicht nur der Institution gegenüber gezeigt habe, sondern auch noch, als ich schon drin war, und daß ich auch nicht gerade an einem Vertragsschluß interessiert war.
Das kommt alles daher, daß Kaufmannslehrlinge sich heutzutage BWL-Studenten nennen, natürlich im Wesen immer noch Kaufmannslehrlinge sind, aber lernen müssen, sich anders auszudrücken. So, wie man halt in den Kaufmannsschulen, die sich jetzt BWL-Fakultäten nennen, glaubt, daß man als Wissenschaftler reden muß.

Sonntag, 3. März 2013

Ratzinger und das Deppenleerzeichen


Seit Tagen bewegt – diesen Eindruck gewinnt man zumindest im Internet – viele Menschen eine einzige Frage: Darf ein Papst zurück treten? Ich kann sie beantworten: Es ist nicht klar geregelt. Anders als beim Fußball, wo eindeutig vorgeschrieben ist, daß der Schiedsrichter in einem solchen Fall die Rote Karte zu zeigen hat, kennt man im Vatikan weder Gesetze noch Verordnungen, die Päpsten verbieten, zurück zu treten. Allerdings, so wird man wohl sagen müssen, gibt es ungeschriebene Gesetze. So etwas tut man als Papst einfach nicht. 


Samstag, 2. März 2013

Hochgradige Clowns


„Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben“, so Steinbrück.
Nun regen sich alle darüber auf, daß man doch einen Verbrecher nicht als Clown verharmlosen dürfe usw. Aber den ersten Teil des Satzes läßt man dem Kandidaten durchgehen. Dabei sollte einen doch da das Entsetzen packen, und zwar bis zu einem hohen Grad. 


Mittwoch, 27. Februar 2013

Opernball


„Sie“ – die Spieler von Hertha sind gemeint – „attackierten den Gegner sehr früh, übten so großen Druck auf den Ball führenden Spieler aus und zwangen diesen zu Fehlern.“[1] Das berichtete uns gestern derTagesspiegel.
So überaus erfreulich es ist, daß sie Druck ausübten – was bitteschön ist ein Ball führender Spieler? Er führt Ball, er hat Ball geführt, er wird Ball führen. Vermutlich ist Ball eine Person. In Wien leben sicher einige Damen dieses Namens, und es gibt dort, wie man aus zahllosen Operetten weiß, besonders viele Spielertypen. Da kann so ein Spieler schon mal ein Fräulein Ball zum Ball, den berühmten Opernball, und auf dem Ball zum und beim Tanz führen.




[1] http://www.tagesspiegel.de/sport/hertha-bsc/1-0-sieg-ueber-kaiserslautern-hertha-jetzt-tabellenfuehrer-in-der-zweiten-liga/7839498.html

Dienstag, 19. Februar 2013

Qualitätsjournalismus


Der bekannte Theologe und DDR-Opositionelle Richard Schröder hat heute in einem taz-Artikel auf der Meinungsseite die Auffassung vertreten, es gebe keine Belege, daß Gregor Gisy wissentlich und willentlich Stasimitarbeiter war, und man solle sich vor Vorverurteilungen hüten. Die taz hat Schröder auf Seite 1, wo auf den Artikel hingewiesen wird, ein wenig verbessert: „Bisher gebe es keine Belege“. Der Leser weiß also jetzt: Die finden wir schon noch.



Montag, 18. Februar 2013

Volk von Radfahrern


Robbie Kruse wird in Deutschland Robbie Kruus gesprochen, weil er zwar deutscher Abstammung, aber Australier ist. Aaron Hunt wird Aaron Hant gesprochen, weil er zwar Deutscher, aber zur Hälfte englischer Abstammung ist. Jakub Błaszczykowski, der nicht nur polnischer Abstammung, sondern auch Pole ist, wird nicht Jakub Błaszczykowski, sondern Jakub Blaszczykowski, mit l statt mit ł, gesprochen.

Samstag, 9. Februar 2013

Präsidentenschnappen


„Südafrikas Polizei hat eine Gruppe von 19 Exilanten geschnappt, die angeblich Kongos Präsident Joseph Kabila stürzen wollte“, steht heute als Unterüberschrift in der taz. Kongos Präsident wollte also eine Gruppe stürzen. Seltsam, sonst ist es immer anders herum: Gruppen wollen Präsidenten stürzen. Man fragt sich auch, wieso Südafrikas Polizei die Gruppe „geschnappt“ hat und nicht den Präsidenten; der war es doch, der etwas anstellen wollte.


Donnerstag, 31. Januar 2013

Blähjournalismus


Auf 2,65 Milliarden Dollar wir das Vermögen eines Südafrikaners geschätzt, „was ihn zum achtreichsten Afrikaner der Welt macht“. Das steht heute in der taz. Ebenfalls sehr weit, ja eigentlich noch weiter hat es einer aus Wiezenplotz an der Plampe (Sachsen-Anhalt) mit viel weniger gebracht. Mit nur 183.000 Euro hat er nicht nur den Titel des zweitreichsten Wiezenplotzers, sondern den des zweitreichsten Wiezenplotzers der Welt errungen.


Freitag, 25. Januar 2013

Lernspezialisten

„Oriolus - die Spezialisten für schulstarke Lernprogramme“.[1] 

Wieder ein Grund, froh darüber zu sein, daß Deutschland bei den PISA-Tests so schlecht abschneidet. Die Schüler entziehen sich offenbar dem Einfluß der Spezialisten und entgehen so der Gefahr, „schulstark“ in ihren Wortschatz aufzunehmen.  

Sonntag, 20. Januar 2013

Budapest Philharmonic Orchestra


Ich wundere mich seit Jahren, daß die Sprecher von „Bayern 4 Klassik“ – wie vermutlich die Sprecher aller deutschen Rundfunksender – statt „Pražský komorní orchestr“ „Prager Kammerorchester“ sagen, nicht aber statt „Boston Symphony Orchestra“ „Bostoner Symphonieorchester“. Oder richtiger: Ich wundere mich nicht, wundern würde ich mich, wenn sie das nicht täten, sondern ich ärgere mich. Gewiß, die Rundfunksprecher bzw. die, die ihnen sagen, wie sie zu sprechen haben, sind nicht ohne Argumente. „Pražský komorní orchestr“, so höre ich sie reden, versteht ja keiner, aber englisch kann jeder, außer der Mehrheit der über Siebzigjährigen und der Mehrheit der Migranten, aber die letzteren hören ja unsere Sendung sowieso nicht und auf erstere kommt's nicht mehr an.
Doch das ist nicht der Grund, sondern eine Ausrede. Am liebsten würden sie statt „Prager Kammerorchester“ „Prague Chamber Orchestra“ sagen, und man kann jede Wette darauf eingehen, daß sie das bald tun werden. Statt „Budapester Philharmonisches Orchester“ sagen sie ja auch schon „Budapest Philharmonic Orchestra“, obwohl es „Budapesti Filharmóniai Társaság Zenekara“ heißt (und nicht wie die Comedian Harmonists oder German Brass nur einen englischen Namen hat) und die Ungarn es sicher jedem überlassen, diesen Namen in seine eigene Sprache zu übersetzen.
Jener Grund ist: Sie halten sich für Provinzler und sind deshalb von Minderwertigkeitsgefühlen gepeinigt, sie möchten am liebsten ihre Herkunft verheimlichen und sprechen darum so oft es nur geht so, wie man in der großen Welt spricht und weisen darauf hin, daß es andere gibt, die in puncto Provinzialität noch weit unter ihnen stehen. Sie machen es ganz so wie der Bauer, der den Städtern in einer Sprache, die er für Hochdeutsch hält, schenkelklopfend erklärt, was für einen unmöglichen, hinterwäldlerischen Dialekt man doch im seinem Nachbardorf spricht. Die einen verstehen überhaupt nicht, was er will, die anderen sind peinlich berührt. Es funktioniert einfach nicht. Man will und will nicht erkennen, daß er kein Provinzler ist, sondern nur die aus dem Nachbardorf welche sind, und was für welche. – Die Deutschen sind halt unverschämte Provinzler: Sie geben den Tschechen ihre Verachtung zu erkennen und den Amerikanern zu verstehen, daß sie, die Deutschen, sich selbst verachten, sie, die Amerikaner, aber bewundern. Dazu halten sie sich ihre Rundfunksprecher.

Dienstag, 15. Januar 2013

Die Grünen beim Fellabziehen


"Zur Vorstellung des Handlungskonzepts der Landesregierung zur Stärkung der familiennahen Kindertagesbetreuung erklärt Andrea Asch MdL, familienpolitische Sprecherin: [...] Die Tagespflege hat einen eigenen und wichtigen Stellenwert, vor allem in der Abdeckung von Randzeiten." Das schreibt die Fraktion der Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen.[1]
„Konzepts“ hätte gereicht. Ein Konzept ist ein Plan, und ein Plan, der nicht auf Handeln hinauswill, ist keiner. Ein Handlungskonzept ist also ein ziemlich weißer Schimmel. Was Randzeiten sind, weiß ich nicht. Aber eine Abdeckung ist meiner – vom Lexikon bestätigten – Meinung nach das, was der Abdecker tut. Das ist einer, der toten Tieren, vornehmlich Pferden, das Fell abzieht. Abdecken hat aber noch weitere Bedeutungen. Zum Beispiel kann man ein Rosenbeet mit Fichtenzweigen abdecken. Doch welche Bedeutung man auch nimmt und was immer eine Randzeit sein mag: Wie man sich deren Abdeckung vorzustellen hat, würde ich schon gern erfahren.

Samstag, 12. Januar 2013

Studierendendeutsch


Eine queerfeministische frauenlesbentrans liste kandidiert für das StudentInnenparlament – oder, für die ganz korrekten, Studierendenparlament – der FU Berlin. Ich dachte erst, das sind SpaßmacherInnen oder Spaßmachende, so wie die Biertrinker-Partei. Doch nein, ich habe mich kundig gemacht, das ist denen bierernst. Da macht sich nicht jemand über die Szene lustig, da spricht die Szene selbst.

Dienstag, 8. Januar 2013

Bildungsboom in Ostdeutschland


„Produktkriterien von Schulprogrammarbeit“ gibt’s beim Bildungsministerium des Landes Brandenburg.[1]

Mittwoch, 2. Januar 2013

Optimal schwerer Fall


Nicht irgendein Lebensberater, sondern ein Zeit-Journalist schreibt: „Falls Ihnen positives Feedback schwer fällt, erinnern Sie sich an Ihre Erfolge. Was ist Ihnen in der Vergangenheit gut gelungen? Wo liegen Ihre Stärken? Und wann können Sie diese optimal einsetzen?“[1]
Auf die letzte Frage ist zu antworten: wenn überhaupt, dann ganz, ganz selten. Optimal bedeutet: Besser ist nicht möglich. Darum gibt es das Wort optimaler nicht. Und wann kam es schon einmal vor, daß ich meine Stärken nicht noch besser hätte einsetzen können? Ich kann mich nicht erinnern.
Feedback bedeutet, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, Rückkoppelung. Es fällt mir zwar schwer, mir das Fallen eines Feedbacks vorzustellen, aber wenn es fallen kann, dann kann es auch schwer fallen – in beiderlei Bedeutung: Es fällt, also etwa stürzt schwer, mit großer Wucht, und es fällt schwer, also etwa: Es ist nicht leicht, es zum Fallen zu bringen. Doch was soll ich mir darunter vorstellen, daß es mir schwer fällt? Daß es mir schwerfällt, mir das vorzustellen, wird vielleicht jemand zum Anlaß nehmen, mich zu belehren: Schwer fallen hat noch eine weitere Bedeutung, es bedeutet nämlich neuerdings auch das, was schwerfallen bedeutet. Man darf es, der Rechtschreibkommission zufolge, an dessen Stelle schreiben.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber wir wollen es einmal annehmen. Dann stellt sich allerdings die Frage: Darf denn diese Kommission das?
Sie darf es nicht. Daß zwei mal zwei fünf ist oder daß sich die Sonne um die Erde dreht, darf keine noch so demokratisch zustande gekommene Kommission beschließen. Sie hat herauszufinden, was richtig ist, und das hat sie dann, wenn's schon sein muß, festzusetzen. Und so ist es in unserem Fall auch.


[1] ZEIT-ONLINE 21.10.10

Freitag, 28. Dezember 2012

Männer-Funktionalstrukturalismus


„Sie benennt das Funktionieren von Männern in ihrer Struktur“.
Das stand kürzlich[1] in einem Leserbrief an die taz. Hat sich das innerste Wesen der Leserschaft dieser Zeitung jemals schöner zum Ausdruck gebracht?


[1] 20.12.12



Freitag, 21. Dezember 2012

Die gute Nachricht kurz vor Weihnachten


Am 17. Januar konnten wir hier melden: Endlich: Keine Armut mehr in Berlin! „Jeder Siebente in Berlin ist von Armut bedroht“ hatte der Tagesspiegel gemeldet, aber halt nur bedroht, arm war keiner. Jetzt hat sich das, der heutigen taz zufolge, leicht verändert: Jeder Fünfte lebt in Berlin unterhalb der „Armutsgefährdungsschwelle“. Doch arm ist immer noch keiner, wäre es anders, hätte man uns das doch in dem Artikel mitgeteilt, wo man schon mal beim Thema war.
So ganz eindeutig ist das aber nicht, was die da schreiben. „Von Armut bedroht“ ist eindeutig. Wer von ihr bedroht ist, ist nicht arm. Wenn ich von einer tödlichen Krankheit bedroht bin, dann lebe ich noch. Aber die „Armutsgefährdungsschwelle“ könnte ja auch – dieses Problem habe ich bereits in dem oben zitierten Blogartikel erörtert – die Schwelle sein, unterhalb derer die Armut selbst nicht gefährdet ist, was immer das heißen mag; oder unterhalb derer man durch die Armut gefährdet ist. Die könnte einen ja  z. B. in Versuchung führen, kriminell zu werden. Es mag noch mehr Möglichkeiten geben. 
Es ist ähnlich rästselhaft im Falle der „Armutsmisere“. „Daß die Ökonomie verantwortlich ist für die Armutsmisere [...] daran darf man nicht rütteln“ (ebd.). Man hätte ja auch „verantwortlich ist für die Armut“ schreiben können, dann wäre einigermaßen klar gewesen, was gemeint ist, wenn ich mir auch nicht so recht vorstellen kann, wie eine Ökonomie es schafft, verantwortlich zu sein; bei Ökonomen wär's was anderes. Aber Armutsmisere? Ist vielleicht die Misere gemeint, in der die Armut steckt, weil es partout keine Armen mehr geben mag, nur noch von ihr bedrohte Nichtarme? Einleuchtend kommt mir das aber auch nicht vor.


Montag, 17. Dezember 2012

Endapokalypse. Mein Beitrag zum bevorstehenden Weltuntergang


„Wir sind schon ein Völkchen von Apokalyptikern“, schrieb David Hugendieck vor einiger Zeit in einer Glosse in der Zeit[1]. Man sehe das an der Konjunktur der Vorsilbe End: Da wimmelt es von Endverbrauchern und Endprodukten und mobilen Endgeräten, und Endkonsequenzen gibt es auch schon.
Da könnte was dran sein. Aber in dem einzigen wahrhaft apokalyptischen Blog, dem vorliegenden, kommt die Vorsilbe End weit unterdurchschnittlich, ja man kann sagen, fast gar nicht vor. Das ist erstaunlich. Vielleicht hat es ja damit zu tun, daß die wahre Apokalypse gar nicht das ist, was uns am Ende aller Tage erwartet, sondern ein Dauerzustand.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Das Wesen des Journalismus


In den letzten zehn Jahren vermehrt sich eine seltsame Formulierung mit rasender Geschwindigkeit: Etwas oder einer „macht den Unterschied“. Das habe ich mittels Google herausgefunden. Ich will mich nicht mit der durchaus interessanten Frage beschäftigen, ob etwas oder einer überhaupt einen Unterschied machen kann, sondern nur damit, wem diese Fähigkeit zugeschrieben wird. Manchmal sind es die Grünen, manchmal die FDP, manchmal auch „unsere Kompetenz“. In den meisten Fällen aber sind es Fußballspieler: Ribéry machte den Unterschied oder Ronny, und gestern bei Paderborn gegen Hertha war es Ramos. Immer, ich habe keine Ausnahme gefunden, sind es Torschützen. „Müller verhindert Niederlage gegen die Ukraine“, titelte Zeit-de vor einigen Monaten. Er schoß den Ausgleich zum 3 : 3. Zig-tausendfach haben wir das schon erleiden müssen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer Überschrift gelesen zu haben, daß ein Verteidiger durch Wegdreschen des Balls knapp vor dem gegnerischen Stürmer eine Niederlage verhindert hat und damit „den Unterschied machte“. Das Wesen des Journalismus[1] kommt im Fußballkommentar erst so richtig zum Vorschein.





[1] „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten“ (Karl Kraus).


Montag, 3. Dezember 2012

Löwen zu verzeichnen


„Das Fortbewegungsmittel Nr. 1 der Braunschweigerinnen und Braunschweiger ist der Pkw. Ein sehr positiv zu verzeichnender Trend ist dabei die Erhöhung des Bestandes schadstoffreduzierter Pkws in der Stadt.“ Das meldet die „Löwenstadt Braunschweig“.[1]
Die Löwenstadt hätte natürlich auch schreiben können: ein sehr positiver Trend. Das hätte aber den Eindruck einer gewissen Schwächlichkeit, eines Mangels an Löwenhaftigkeit erwecken können, dachte man wohl. „Positiv zu verzeichnender Trend“ klingt gleich ganz anders. Da hört man sofort: Wer so redet, der packt die Probleme der Kommunalpolitik so entschlossen an wie der König der Wüste das Gnu beim Genick.