Montag, 30. April 2012

Interkulturelle Sensibilität


„Seit 2003 laufen in NRW Fortbildungen zur Förderung der interkulturellen Kompetenz für Mitarbeitende kommunaler Verwaltung zusammen mit Vertreter/inn/en von Migrantenorganisationen“, heißt es in einer Rede auf dem „Integrationsfachgespräch“ der Fraktion der Grünen im Bayerischen Landtag [1]
Zu „Mitarbeitende“ siehe Studierende, zu „Migranten“ siehe Migranten.
Erfreulich ist die Einfühlungsfähigkeit der RednerInnen bzw. Redner/inn/en auf Kongressen der Grünen, was für hohe interkulturelle Kompetenz spricht. Sie schreiben nicht, den intrakulturellen Vorschriften politischer Korrektheit dumpf und blind folgend, Migrant/inn/enorganisationen, sondern Migrantenorganisationen. Sie nehmen also Rücksicht auf die Besonderheit mancher Kulturen, das Organisieren von Organisationen und die Zugehörigkeit zu solchen als eine Sache allein der Männer zu betrachten. Gelungen ist der Versuch jedoch nicht ganz. Wenn es nur Migrantenorganisationen gibt, wo sollen die dann Vertreterinnen hernehmen?



[1] 24.6.2009

Freitag, 27. April 2012

Frauen und Ladies


Der „Verein deutsche Sprache“ deutscht „ladies first“ auf seiner „Anglizismenliste“ mit „Frauen zuerst“ ein.[1] Da wollten sie nicht nur die Anglizismen, sondern den Sexismus bzw. Genderismus oder wie das heute heißt gleich mitbekämpfen. Eine Frau Dame zu nennen, das wußten sie, ist beleidigend, fast so schlimm wie Fräulein. Aber sie haben sich übernommen. „Frauen zuerst“ – immer zusammen mit „und Kinder“ – bedeutet etwas anderes als „ladies first“.

Mittwoch, 25. April 2012


Junge Ideen
„STADTfragen - eine interdisziplinäre Diskussionsplattform für junge Ideen“ heißt eine Ausschreibung von Münchner Forum e.V., und STADTfragen, falls sich das einer fragen sollte, ist „das Veranstaltungsformat des Münchner Forums für junge Menschen und Ideen.“
Was ein Veranstaltungsformat ist, weiß ich leider nicht. Vor zwei oder drei Jahren, als ich noch mitten im aktiven Leben stand, gab es dieses Wort noch nicht oder doch nur ganz im Verborgenen, so daß es mir nicht auffiel. Allenfalls gab es Veranstaltungen von Format. Und jetzt komme ich nicht mehr so recht mit. Aber die jungen Menschen werden es schon wissen. Doch das nur nebenbei. Ich möchte wetten, daß die Ideen, die da zusammengetragen werden, entweder nicht jung sind oder nur Schnapsideen. Das ist meistens so, wenn sich etwas „interdisziplinär“ und „Plattform“ nennt.

Montag, 23. April 2012

Schnellst wachsende


„Schnellst wachsende“ erbrachte bei Google Bücher für die Zeit von 1950 bis 1960 einen Treffer, für 1960 bis 1979 auch nur einen, für 1970 bis 1980 sechs, für 1980 bis 1990 zwei. Für 1990 bis 2000 erhält man 23 Treffer, für 2000 bis 2010 24.
Bis 1990 waren es offenbar ganz vereinzelte Irrläufer, die es bis in Bücher geschafft haben, von da ab eine kleine, aber doch merkliche Anzahl.
44.000 Treffer aber erhält man bei Google (ohne „Bücher“), also auf normalen Internetseiten; „am schnellsten wachsende“ erbringt nur etwa doppelt so viele: 95.600. Bei den Büchern lag das Verhältnis von „schnellst wachsende“ zu „am schnellsten wachsende“ von den 50er bis in die 70er Jahre etwa zwischen 1: 20 und 1: 100, und 2000 bis 2010 beträgt es etwa 1: 5.
Unsere Linguisten sehen hier sicher keinen Fehler, sondern eine Beschleunigung des ohnehin unvermeidlichen Sprachwandels, und das freut sie gewöhnlich ungemein. Ich aber erkenne den Indikator einer bisher kaum vorstellbaren kollektiven Hirnerweichung. Noch ist er, wie die Google-Recherche nahelegt, auf – so muß man das heute wohl ausdrücken – sprachkompetenzferne Schichten beschränkt. Das zeigen auch die folgenden Formulierungen und die in den Fußnoten genannten Adressen:
„Dr Kai Luehr Bei 3 Sat Islam Die Am Schnellst Wachsende Religion Der Welt!“[1]
„Schnellst wachsende Unternehmen der Welt“.[2]
„ThomasLloyd-Haftungsdach ist das schnellst wachsende in 2009.“[3]
„OMD Germany ist die schnellst wachsende Mediaagentur Deutschlands und beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter in fünf Niederlassungen an vier Standorten“.[4]
„Es heißt ja das Bambusse bis zu 4x schneller wachsen als der schnellst wachsende Baum.“[5]
Also, viel ist es noch nicht und im allgemeinen auch nur da anzutreffen, wo man ohnehin nichts erwartet. Aber das Tempo der Entwicklung ist beeindruckend und lange wird es nicht mehr dauern, bis man die Neuerung auch in der Zeit findet und natürlich im Duden. Die Sprachkompetenz der Deutschen ist offenbar eine der schnellst zerfallenden der Welt.

Freitag, 20. April 2012

Lebensfreude

Lebensfreude ist das subjektive Empfinden der Freude am eigenen Leben“, definiert Wikipedia.[1]


Ist das zu fassen? Bisher dachte jeder, Lebensfreude sei die Freude am Leben anderer.
Man denkt immer, Blähpotential hätten heute nur noch amerikanische Wörter. Was aus dem Griechischen oder Lateinischen kommt, wird gemieden, denn man möchte ja auf keinen Fall als einer der Gebildeten gelten, das ist altmodisch und in den USA nennt man sie Eierköpfe. Aber wie man sieht, es gibt Ecken in der Gesellschaft, da glaubt man noch, Eindruck schinden zu können, wenn man „subjektiv“ in seinen Satz einbaut.

Mittwoch, 18. April 2012

Lesermißbrauch

Der spätere Rechtsextremist und frühere Konkret-Herausgeber sowie Ehemann von Ulrike Meinhof, Klaus Röhl, ist in den Verdacht des Kindesmißbrauchs geraten. Das ist nicht weiter erstaunlich, denkt die Republik, denn bei so einem wundert einen gar nichts. Aber wie Jutta Ditfurth die Beschuldigungen in Worte zu fassen versteht, läßt einen doch um Fassung ringen: „Er gab ihnen“ – Mädchen von 13 und 14 Jahren – „Anschauungsunterricht und zeigte ihnen, welche Brüste und Körperlichkeiten er bei erwachsenen Frauen schätzte.“[1]



[1] taz, 7. Mai 2010

Montag, 16. April 2012

Grundfragen des Katholizismus

„Fortschritte im ökumenischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche sind für den Präsidenten der österreichischen Stiftung Pro Oriente, Johannes Marte, dann zu erwarten, wenn die Frage des päpstlichen Primats mit konkreten Diskussionsvorlagen und Vorschlägen vorangetrieben wird.“[1]
Sie mögen sonstwas vorantreiben, den Einigungsprozeß, die Herde der Schäflein und meinetwegen auch den Dialog, aber Fragen lassen sich nur sehr, sehr schwer treiben. Da wäre man schon zufrieden, wenn sie mit dem Beantworten endlich weiterkämen.

Freitag, 13. April 2012

Mordskritiker

„Weltkirchenrat kritisiert Mord an philippinischen Pastoren“, behauptet Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung in einer Überschrift.[1] Was wird der Rat wohl, fragte ich mich, an dem Mord zu kritisieren haben? Mangelnde Professionalität vielleicht? Es waren „paramilitärische Täter“, da scheint das nicht abwegig, bei richtigen Militärs schon eher. Auch bei der Mafia haben sie professionelle Killer, die arbeiten fehlerfrei. Doch dann lese ich im Text, daß der Weltkirchenrat den Mord gar nicht kritisiert, sondern „die Ermordung von zwei Laienpastoren auf den Philippinen scharf verurteilt“ hat.



[1] 11. Juli 2010

Mittwoch, 11. April 2012

Benchmarking

Ein Wort, das mir seit Jahren immer wieder den Weg versperrt, weil ich's nicht verstehe, sondern nur verstehe, warum man es benutzt – nämlich um sich aufzublasen –, ist „Benchmarking“. Vermutet hatte ich etwas ganz Kompliziertes aus dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften. Nun habe ich nachgelesen und war überrascht:
„Benchmarking (= Maßstäbe vergleichen) bezeichnet die vergleichende Analyse von Ergebnissen oder Prozessen mit einem festgelegten Bezugswert oder Vergleichsprozess (von engl. Benchmark )“[1]
Wenn ich also einen Prozeß analysiere, und zwar mit einem festgelegten Vergleichsprozeß, dann betreibe oder mache oder tue ich Benchmarking. Das ist zwar nicht zu verstehen, denn was soll das heißen: einen Prozeß  mit einem Prozeß analysieren? Oder ist gemeint, daß der zu analysierende Prozeß einen Prozeß hat, d. h. ein Prozeß „mit“ einem Vergleichsprozeß ist einer, der die Eigenschaft „Vergleichsprozeß“ hat? „Maßstäbe vergleichen“, also z. B. einen Zollstock mit einem anderen, wird „Benchmarking“, anders als Wikipedia behauptet, wohl nicht heißen. Vermutlich bedeutet es nur, daß man einen Prozeß mit einem anderen Prozeß vergleicht. Wenn die Mutter also schaut, ob Fritzchen schneller wächst als Fränzchen, dann ist das Benchmarking. Man sieht: Falls überhaupt ein neuer Fachausdruck unverzichtbar ist, dann dieser.

Dienstag, 10. April 2012

Wo er recht hat, hat er recht

Henryk Broder mögen viele nicht, und auch ich finde, daß man etliches von dem, was er von sich gibt, kritisieren kann, ja muß. Das hat er allerdings mit allen anderen gemeinsam, die ich kenne. Aber daß er auf seiner Homepage[1] ankündigt, den Gebrauch der Formeln und Sprüche „die Menschen da abholen, wo sie sind“, „Menschen einbinden“, „mehr Praxisnähe“, „Inhalte transportieren“, „Kreativität“ und was sonst von dieser Art ist mit dem sofortigen Abbruch der Kommunikation zu ahnden, muß doch auch seine ärgsten Feinde für ihn einnehmen.

Samstag, 7. April 2012

Herausforderungsunterstützer


„Ein Umbau unseres Sozialsystems unterstützt auch die ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen.“[1]
Wenn man Herausforderungen unterstützt, dann werden sie, falls sonst alles gleich bleibt, größer. Das werden die Grünen nicht meinen. Die Hauptsache ist, sie haben die Wörter ökologisch, Umbau und Herausforderungen wieder mal irgendwie untergebracht.

Mittwoch, 4. April 2012

Gutachten


„Der FDP Abgeordnete Meierhofer, der Mitglied des Ausschusses für Umweltschutz ist, empfahl, von einem unabhängigen Gutachter klären zu lassen, ob und welcher Zusammenhang zwischen den Baumaßnahmen zum Hochwasserschutz und der Überflutung der Anliegerkeller bestehe. Der Kreisvorsitzende der FDP, Dr. Volker Stoltz, und der FDP Gemeinderat, Karl Deisler, sagten zu, in Zusammenarbeit mit den Anliegern auf die bayerische Staatsregierung einzuwirken, ein solches Gutachten zu beauftragen.“ Das schreibt der Kreisverband Miesbach der FDP.[1]
Die Führungen von CDU und FDP haben ja beschlossen, der deutschen Sprache Verfassungsschutz zu gewähren. Zumindest wollen sie versuchen, auf die Gesetzgebung entsprechend einzuwirken. Das ist lobenswert, aber man fragt sich, ob sie damit bei ihren Kreisverbänden nicht auf Widerstand stoßen werden. Mir sind in den paar Zeilen vier Fehler aufgefallen; vielleicht gelingt es Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, noch mehr zu finden. Hinweisen möchte ich nur auf einen. Man kann zwar, wie der Abgeordnete Meierhofer zu Recht feststellt, etwas von einem Gutachter klären lassen, diesen also mit einem Gutachten beauftragen. Aber ein Gutachten beauftragen kann weder die bayerische Staatsregierung noch sonst jemand, selbst dann nicht, wenn Herr Deisler und Herr Dr. Stolz noch so viel Druck machen. Wie soll ein Gutachten, das weder Augen noch Ohren noch irgendwelche anderen Sinne hat, überhaupt merken, daß es einen Auftrag bekommen hat? 

Montag, 2. April 2012

Nicht ausschließen


„Die Bundesregierung kann daher nicht ausschließen, dass islamistische Gruppierungen weiterhin versuchen werden, Anschläge in Deutschland zu verüben.“ Das antwortete sie auf eine parlamentarische Anfrage.[1]
Man fragt sich, warum sie sich diese Mühe macht. Selbstverständlich kann sie das nicht ausschließen. Sie kann auch nicht ausschließen, daß katholische Gruppierungen weiterhin versuchen werden, Ketzer zu verbrennen; nicht einmal der Papst kann das ausschließen. Niemand kann ausschließen, daß nächste Woche Außerirdische landen und versuchen, Anschläge in Deutschland zu verüben. Vermutlich wollte die Bundesregierung sagen, daß sie es für gar nicht so unwahrscheinlich hält, daß islamistische Gruppierungen Anschläge verüben werden.

Freitag, 30. März 2012

Revolutionäres aus den USA

„Direkte Verkaufe vor Ort“ lautet eine Überschrift in der taz vom16.9.2011.
„Vor Ort“ hat Gerhard Polt [1] bereits kommentiert und dem traut man sich ja kaum zu widersprechen, aber ich wage es trotzdem: So schlimm ist es nicht. Aber die Verkaufe! Hätte irgendeiner im deutschen Sprachraum gedacht, daß die Verkehre[2] und Bedarfe[3] sich noch überbieten lassen?
Im Artikel steht dann:
„’Organizing’ etwa ist eine aus den USA importierte Methode, bei denen [sic!] hauptamtliche Gewerkschafter versuchen, mit nichtorganisierten Beschäftigten eines Betriebes in Kontakt zu kommen und gemeinsam Konflikte anzugehen. Auf diese Weise sollen mehr Mitglieder rekrutiert werden.“
Tja, die Amis. Die erfinden doch glatt etwas, was man fast überall auf der Welt vor hundert Jahren auch schon gemacht hat. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, daß eine der Haupttätigkeiten der hauptamtlichen Gewerkschafter, seit es solche gibt, darin besteht, mit nichtorganisierten Beschäftigten in Kontakt zu kommen und gemeinsam Konflikte anzugehen, und daß sie auf diese Weise neue Mitglieder gewinnen wollen, war auch schon immer so. Ich würde mich wundern, wenn das jetzt auf ganz andere Weise gemacht würde als bisher. Was die Amerikaner aber viel besser hinbekommen als alle anderen: Sie geben der Sache einen Namen in ihrer Sprache: organizing. Und schon wird es ein Exportschlager. Der Vorgang erinnert sehr an die Erfindung des Walking, das ja, obwohl schon vor 200 Jahren erfunden[4], auch erst so richtig in Gang kam, nachdem die Amerikaner dieser Erfindung ihre Sprache geliehen haben und darum jeder glaubt, sie käme von ihnen.

Mittwoch, 28. März 2012

Lokführer

Kennen Sie das auch? Manchmal leidet man unter der Vorstellung, in seinem Leben im Grunde nichts getan zu haben, was der Rede wert wäre. Man fühlt sich unausgelastet und sehnt sich nach einer Aufgabe. In diesen Fällen ist es ratsam, in Wikipedia zu blättern. Besagte Vorstellung wird sich rasch als eine wahnhafte herausstellen und dann verflüchtigen.
Unter der Lokomotionsfunktion einer Führungskraft versteht man die Aufgabe, mittels der Führung eine Bewegung und Veränderung bei den Geführten zu bewirken.“[1]
Was hab’ ich nicht in meinem Leben schon für Lokomotionsfunktionen ausgeübt! Ich könnte als Beruf geradezu Lokomotionsführer angeben! Schon sehr früh fing das an. Manchmal verging, glaub’ ich, kaum eine Minute, in der ich nicht mittels der Führung eine Bewegung bei meinen jüngeren Geschwistern bewirkte. Ich setzte dabei von den Führungsstilen, die Wikipedia unter diesem Stichwort auflistet, nämlich autoritäre, demokratische und „Laissez-faire-Führung (aus dem Französischen: ‚gewähren lassen’)“[2] vornehmlich den erst- und den letztgenannten ein, womit ich mich von der heutigen Betriebswirtschaftslehre unterschied, die, wie Wikipedia behauptet, „eher zum demokratischen Führungsstil“ tendiert (ebd.). Das kann ich allerdings nicht so recht glauben.

Montag, 26. März 2012

Konkrete Wertlehre

„Wenn die Naturzerstörung nicht gebremst wird, könnte die Menschheit jährlich Billionen von Dollar verlieren. Das geht aus dem TEEB-Report hervor, der am Mittwoch auf der UNO-Artenschutzkonferenz im japanischen Nagoya veröffentlicht wurde. .... Teile der Studie wurden bereits veröffentlich, nun haben die rund 500 Autoren den Endbericht vorgelegt. Die Studie gibt Ökosystemen einen konkreten Wert und fordert Staaten auf, diesen auch bei volkswirtschaftlichen Rechnungen einzubeziehen.“[1]
Daß die Menschheit Billionen von Dollar besitzt und nicht etwa Herr Gates zusammen mit Herrn Oetker und Herrn Bertelsmann oder wie der jetzt heißt, ist eine Revolution, an die man sich erst gewöhnen muß. Doch das nur nebenbei. Der konkrete Wert der Ökosysteme sind also jene jährlichen Billionen von Dollar. Dagegen liegt der abstrakte Wert eines Ökosystems z. B. darin, daß es das Wasser oder die Luft reinigt. Das ist gut beobachtet. Das wahre Konkrete im Kapitalismus ist das Geld, in dem, wie es einst hieß, abstrakte Arbeit verkörpert ist.

Freitag, 23. März 2012

Der Beamte als Leitbild


Seit die jungdynamischen Manager und die modernen Performer oder wie diese Wiedergänger der Kommis und Ladenschwengel alle heißen mögen sich derart breitgemacht haben, daß man vor ihnen und vor allem vor ihrem unsäglichen Geschwätz nirgends mehr Ruhe hat, wünsche ich mir den Typ des preußischen Beamten zurück. Ich sehne mich danach, daß der Ansager im Zug schnarrt: „Speisewagen ab sofort geöffnet!“, und nicht säuselt: „... Bordrestaurant wo Sie unser freundliches Team sehr herzlich begrüßt und wie wär's mit einem leckeren ...“. 
Aber nun entdecke ich in der Süddeutschen ein Rätsel unter der Überschrift „Amtsdeutsch“. Da muß man raten, was Blockbeschulung, Lautraum, Luftverlastung, Bedarfsgesteuerte Fußgängerfurt, Raumübergreifendes Großgrün, Nicht lebende Einfriedung, Personenvereinzelungsanlage, Lebensberechtigungsbescheinigung und Beelterung bedeuten. Und sofort ist der über die Jahrhunderte gewachsene Haß auf die Beamten wieder da.

Mittwoch, 21. März 2012

Unschuldige und schuldige Opfer

„UN rufen Hungersnot in Somalia aus - unschuldige Opfer des Klimawandels“[1]
Früher kamen die Hungersnöte über die Menschen, heute warten sie, bis sie einer ausruft. Das ist doch ein Fortschritt.
Aber das nur am Rande. Ich möchte wetten, daß es schuldige Opfer des Klimawandels nie geben wird. Roger Köppel, Chefredakteur der extrem rechtsliberalen Schweizer Zeitschrift Weltwoche, pflegt auf die Kritik an den Banken zu sagen: Die Banken, das sind wir alle. Ich aber glaube nicht, daß am Klimawandel „wir alle“ schuld sind. Die Schuldigen wird man kaum jemals Opfer nennen können. Sie liegen dann halt nicht mehr in der Karibik, sondern in Grönland unter Palmen.
Das da: "Merkel: Jedes unschuldige Opfer in Afghanistan ist eines zu viel"[2] scheint mir etwas anders zu liegen. Abgesehen davon, daß nach Auffassung der Kanzlerin kein schuldiges Opfer eines zu viel zu sein scheint, es von denen also wohl gar nicht genug geben kann: Da ist wohl „schuldig“ nicht im Sinne von „am Krieg schuld“ gemeint, sondern etwa so, wie man von jemandem, der an einer unübersichtlichen Stelle über die Straße geht und überfahren wird, sagt: selber schuld.

Montag, 19. März 2012

Deutsch erobert das Netz


„Heute sind es schon 86 follower, die bei auf_deutsch mitmachen. .... Wir berichten hier regelmässig über Leute, die auf deutsch twittern und stellen den anderen Twitter Nutzern interessante Inhalte vor.“[1]
Da kann man ja gespannt sein, ob die das schaffen werden: auf deutsch. Nicht daß da follower steht – das ist zwar nicht deutsch, und auch nicht so gemeint, sonst hätte man es nicht klein geschrieben, aber immerhin wird es bald deutsch sein – läßt mich zweifeln, sondern „Twitter Nutzern“; und „Inhalte“ natürlich.

Freitag, 16. März 2012

Es geht voran

Manche meinen, seit den Pythagoreern, andere, seit den alten Babyloniern arbeite die Menschheit systematisch am Fortschreiten der Wissenschaft. Nach zweieinhalbtausend Jahren ist, wie man gleich sehen wird, der Höhepunkt der Erkenntnistiefe erreicht, jedenfalls in der Sparte Kommunikationswissenschaften:
„Deshalb einige ‚Wording’-Regeln: Wenn Sender (Referent, Vortragender, Autor) und seine Empfänger (Schulungsteilnehmer, Zuhörer, Kunde, Leser) nicht eine gemeinsame Sprache sprechen, kann man sich auch nicht verstehen. Man redet aneinander vorbei.“[1]
Man darf aber hoffen, daß das nur ein Zwischengipfel ist.

Mittwoch, 14. März 2012

Still gestanden


Seit einigen Monaten fällt mir eine rasante Zunahme des englischen Wortes „still“ – allerdings großgeschrieben, also fälschlicherweise als Lehnwort benutzt – auf, und zwar zur Bezeichnung eines Standfotos aus einem Film. Bis vor kurzem kannte ich es nur aus dem Internet, und zwar in den dort üblichen Pidgin-Texten, also solchen, die man zwar bei Google unter „deutschsprachig“ findet, die aber nicht den Anspruch erheben, deutsch zu sein, allerdings auch nicht englisch. Nun aber taucht es auch in Druckwerken auf, die deutsch sein möchten. Am 8.8.11 war es zwei Mal in der taz zu sehen („Still aus dem chinesischen Erzählexperiment ‚Thomas Mao’“, „Still aus ‚Videokaraan’“). Die Verteidiger der Anglisierung des Deutschen – sie sind selten, aber meist eifernd und vor allem überaus durchsetzungsfähig, denn sie sprechen ja nur die geheimen Wünsche der großen Mehrheit der Deutschen aus, die die Anglisierung verabscheut – werden wieder sagen: na und? Damit wird das Deutsche doch wieder einmal bereichert, denn „Standfoto“ trifft's doch gar nicht richtig, wer würde denn „Standfoto aus ...“ schreiben? Und außerdem ist's ökonomischer, „Still“ ist kürzer als „Standfoto“.
Aber wer hätte denn „Standfoto aus ...“ geschrieben? Sondern man hätte vor einigen Wochen einfach den Filmtitel hingeschrieben, vielleicht ein „Aus“ davor, also noch kürzer, oder man hätte die dargestellte Szene beschrieben, vielleicht mit einem einzigen Wort. Nein, es gibt, wie meist, keinerlei Bedarf, der Grund der Neuerung ist auch hier, wie fast immer, nichts als die Hoffnung des Schreibers, cool und weltläufig zu erscheinen. Gerade bei der taz hat man das ja nötig.


Dienstag, 13. März 2012

Heilig’s Manterl

„Wie Martin Runge betont, hatte sich auch die Staatsregierung zur Monopolrechtfertigung gerne das scheinheilige Deckmäntelchen der Bekämpfung der Spielsucht umgehängt.“ Das schreiben die bayerischen Grünen.[1]
Martin Runge hat das nicht betont, sondern behauptet. Betont hat er seine Behauptung, und das ist etwas ganz anderes.
Was aber mag ein scheinheiliges Deckmäntelchen sein? Wissen wir nicht seit Kant, daß selbst der Mensch, auch wenn er sich der Heiligkeit anzunähern beständig bestrebt sein muß, zur derselben nie gelangen kann, weil er nun einmal „keinen heiligen Willen, d.i. einen solchen, der keiner dem moralischen Gesetze widerstreitenden Maximen fähig wäre“, hat? Erklärt sich die merkwürdige Aussage der Grünen vielleicht aus einem gewissen archaisch-heidnischen, vom Katholizismus konservierten Glauben der Bayern, daß Menschen, ja sogar Dinge, beispielsweise Deckmäntelchen, doch heilig sein können, weshalb es naheliegt, ihnen auch Scheinheiligkeit zuzutrauen?

Montag, 12. März 2012

US-Superwürger

„Während in Florida Schlangen die Natur in den Würgegriff nehmen, beunruhigt in Deutschland eine kleine Fliege die Forscher.“[1]
Was da in Deutschland geschieht, ist nun wirklich nicht erwähnenswert. Wer kennt das nicht, daß ihn eine kleine Fliege beunruhigt, mit derlei lästigen Erlebnissen stehen die deutschen Forscher und die Forscher insgesamt wahrlich nicht allein. Aber die Geschehnisse in Florida dürfen uns nicht kalt lassen. Bisher haben Schlangen gerade mal ein Schwein, wenn's dumm lief, auch mal eine Zirkusartistin in den Würgegriff genommen. Und nun die ganze Natur! Was müssen das für Viecher sein! Na ja, in Amerika neigte man ja schon immer zum Gigantischen.

Freitag, 9. März 2012

Stückweise unsterblich

„Torhüter Chiotis machte sich ein Stück weit unsterblich,“ schreiben heute[1] die Praktikantinnen der taz, einen Bericht über das Achtelfinale der Champions League ergänzend.
Manchmal muß man, um sie in ihrer ganzen Schönheit würdigen zu können, Metaphern wörtlich nehmen. Aber hier gelingt mir das nicht.



[1] 9.3.2012

Donnerstag, 8. März 2012

Neusprech: Jobmaschine

Maschinen sind Jobmaschinen eigentlich nicht, höchstens ganz selten. Meist handelt es sich um „Einkaufszentren“ oder „-center“ oder ähnliches. Gemeinsam ist ihnen, daß durch sie einige Arbeitsplätze entstehen, in aller Regel aber im selben Zug einige mehr vernichtet werden. Orwell hat das Wort noch nicht gekannt, er hätte es sonst in seinem Werk verwendet.

Dienstag, 6. März 2012

Studierende bekommen Nachwuchs

Da werden sich die Freunde politisch korrekten Sprechens aber freuen. Und wir dürfen uns auf einen Jubelartikel im Sprachlog von Prof. Stefanowitsch freuen. „In umfassenden Modellberechnungen kombinierten die Forschenden Daten zu invasiven Tier- und Pflanzenarten ... Bevölkerungswachstum, Handel und Reichtum: Dies sind laut den Forschenden die Ursachen ... Laut den Forschenden liesse sich zum Beispiel der Marktpreis von «Risikoartikeln» ...“[1]
Das Wort „Forscher“ kommt in dem Artikel nicht mehr vor. Was kommt als nächstes? Ob die Opernwelt die Sängerinnen und Sänger zugunsten der Singenden abschafft? Oder die Nationalzeitung den Führer zugunsten des Führenden?

Montag, 5. März 2012

Positivismus

„Dieses Buch versammelt über 25 motivierende Suggestionen aus Büchern zur Inspiration und Selbstmotivation. Der Herausgeber Christian Godefroy hat zu den unterschiedlichsten Lebensbereichen Formeln für Sie ausgewählt und thematisch geordnet, so dass sie schnell nachgeschlagen werden können. Ersetzen Sie nach und nach die negativen Überzeugungen, die Sie davon abhalten, Glück, Erfolg, Zufriedenheit, Wohlstand und Gesundheit zu genießen. Schon bald werden Sie spüren, wie innere Stärke, Mut und neue Zuversicht in Ihnen wachsen. So können Sie zu einem positiven, erfüllten Leben finden.“[1]
Da bleibe ich lieber bei meinen negativen Überzeugungen und halte es mit Karl Valentin: Sicher is', daß nix sicher is', drum bin i' vorsichtshalber mißtrauisch. Da muß ich wenigstens nicht immerzu Formeln nachschlagen.

Freitag, 2. März 2012

Menschen in der Hauptrolle

„An der Grenzlinie von Unternehmen, Stakeholdern und öffentlichen Einrichtungen gestalten wir Dialoge und beraten bei komplexen Kommunikationsprozessen, in denen Menschen die Hauptrolle spielen.“[1]
Beeindruckend. Aber ich glaube, die Erwähnung der Menschen und ihrer Hauptrolle hätte man sich sparen können. Auch wenn vielleicht sogar unter Hühnern oder Kühen komplexe Kommunikationsprozesse stattfinden: Deren Beratungsresistenz ist bekannt genug, um das Mißverständnis gar nicht erst aufkommen zu lassen, die Firma könnte auch sie zu ihren Kunden zählen.

Donnerstag, 1. März 2012

Neusprech: manchmal

„... vieles von dem, was unsere Demokratie heute trägt, ist ohne seine christlichen Wurzeln nicht zu verstehen, auch wenn es manchmal gegen die Kirche errungen wurde“, sprach die Bundestagsvizepräsidentin und EKD-Ratsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt.[1]
Manchmal bedeutet mitunter, ab und zu, ziemlich selten. Das, was unsere Demokratie heute trägt, ist jedoch in den meisten Fällen, überwiegend, ja fast immer gegen die Kirche errungen worden.
Man muß das aber nicht als ein Anzeichen dafür nehmen, daß unseren Politikern das Wissen um die Bedeutung der einfachsten Wörter verlorengeht. Sie kennen sie schon. Bei Orwell mußten noch neue Wörter erfunden werden, doppeltplusgut z. B.; aber mit altbekannten funktioniert es manchmal, also oft noch besser.