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Freitag, 3. Februar 2012

Biker und Bockwurst

Michael Allers, einer der standhaftesten Kämpfer für die Anglisierung der deutschen Sprache,[1] hat eben mein Artikelchen „Driveraddriver“[2] kommentiert. Ich behaupte darin, daß „Radfahrer“ in der taz bald durch „Wheel-Driver“ ersetzt sein wird, und M. Allers fragt: „Warum nicht Biker? Ist kürzer und wird weltweit verstanden.“
Hier meine Antwort:
Erstens, weil die taz nun einmal mit „Fahrrad-Driver“ den ersten Schritt auf dem Weg getan hat, der unausweichlich zum Wheel-Driver führt.


Zweitens, in meiner Eigenschaft als konservativer Hardliner bin ich nicht dafür, daß es nur noch weltweit verständliche und zudem kurze Wörter gibt. Ich möchte nicht, daß Radfahrer zugunsten von Biker verschwindet, so wie ich auch nicht möchte, daß das entsprechende ungarische kerékpáros zugunsten von Radfahrer, das in ganz Mitteleuropa verstanden wird und zudem um einen Buchstaben kürzer ist, verschwindet.
Drittens, weil Wiglaf Droste, und zwar in der taz, vor einigen Jahren eine wunderschöne, aber viel zu wenig beachtete  Glosse veröffentlicht hat,[3] in der ihm der Nachweis gelungen ist, daß zwischen einem Radfahrer und einem Biker ein himmelweiter Unterschied besteht:
„Früher hieß das Fahrradfahren; jene, die sich darin übten, wurden Fahrradfahrer genannt und bewegten sich in ihrer gewöhnlichen Kleidung ... und man sah Frauen in geblümten oder gepunkteten Kleidern die Straßen entlangradeln. Der warme Wind streichelte ihre Beine, und in ihren glücklichen Gesichtern konnte man sehen, was für ein angenehmes, freies, leichtherziges Gefühl das ist, wenn man sich von schönem Stoff und Mailuft umflattern lässt.“
Heute ist es anders:
„Heute gibt es Biker und Bikes, und so sehen sie auch aus: Kampfmaschinen, die auf Kampfmaschinen hocken. Der Biker ist ein Unisex-Neutrum und -Monstrum und damit genau das, was die moderne Gesellschaft braucht: Krieger gleich welchen Geschlechts, eingezwängt in Gummis und Überzieher, gern bunt leuchtend und hauteng wie der zarte Saitling, in dem die Bockwurst lebt. Der Biker ist die Bockwurst unter den Menschen“.

Montag, 30. Januar 2012

Driveraddriver

„Fahrrad-Driver“ lautet eine Überschrift der taz.[1].
Es wird wohl so weitergehen: Der nächste Schritt ist „Drive-Rad-Driver“. Dann wird man in den Kreisen der taz-Journalisten fühlen, daß da etwas überflüssig ist. Manche werden sich dunkel erinnern, daß man früher statt Fahrradfahrer lieber Radfahrer sagte. So kommt es zum Rad-Driver. Damit hat man aber den Deutschanteil im Vergleich zu Drive-Rad-Driver (oder, der taz traut man das zu, DriveRadDriver) prozentual erhöht, und das empfindet der typische taz-Journalist als peinlich; er möchte ja nicht nur zur Zeit, wo man besser verdient und höher angesehen ist, sondern auch mit der Zeit gehen. Also schreibt er Wheel-Driver. Und schon hat man, ähnlich wie seinerzeit beim Handy, die englische Sprache um ein Wort bereichert, das diese zwar schon kennt, aber in einer ganz anderen Bedeutung.



[1] 13. April 2010

Donnerstag, 26. Januar 2012

Korrespondenten

„Korrespondieren“ gehört in das von E. Henscheid „Nobel-Jargongewäsch“ genannte Fach. Wer’s nötig hat, sollte allerdings aufpassen. Sie korrespondieren einander heißt etwa: Sie entsprechen einander. Sie korrespondieren miteinander heißt: Sie schreiben einander Briefe. Ziemlich ratlos steht man aber vor der Frage, wie es zugehen mag, wenn einer mit einer Geschichte korrespondiert. Die taz[1] jedenfalls meint, daß das vorkommt:
„Ein Klub mit einer in Jahren gerecht verteilten Ost-West-Geschichte ... Turbine Potsdam hat immer mit dieser Geschichte korrespondiert, sie als Kraftquelle benutzt und daraus ihre Identität gewonnen.“




[1] 3.3.2011

Freitag, 13. Januar 2012

Neuroplastische Lebensbeschreibungen

„Angesichts längerer Erwerbsbiographien spielt die ‚Neuroplastizität’, also der Erneuerungs- und Anpassungsprozess im Hirn eine wichtige Rolle.“ Das haben die PraktikantInnen[1] in einen taz-Artikel eingefügt (6.1.12)

Geht’s noch geschraubter? Früher hätte man wohl gesagt: Weil die Leute länger arbeiten.
Aber ist das überhaupt gemeint? „Die Biografie ist die mündliche oder schriftliche Präsentation des Lebenslaufes eines anderen Menschen; ein Sonderfall der Biografie ist die Autobiografie“, belehrt uns Wikipedia. Warum jene Hirnprozesse eine wichtige Rolle spielen sollen, wenn die Lebensbeschreibungen länger werden, das fragt man sich schon. Kann man ohne Neuroplastizität nur kürzere Bücher schreiben? Aber wieso soll das speziell bei Erwerbslebensbeschreibungen so sein? Wenn man das sonstige Leben beschreibt, kommt's auf die Neuroplastizität nicht an? Was im Artikel steht, spricht nicht für diese Interpretation. Da hat man eher den Eindruck, als sei die Neuroplastizität wichtig für alle möglichen Denktätigkeiten, ob man die nun im Erwerbsleben ausführen muß oder weil man gezwungen ist, ohne Erwerbstätigkeit durchs Leben zu kommen oder weil man z. B. wegen einer Erbschaft Erwerbstätigkeit nicht nötig hat und sich sein Leben lang mit Hochgeistigem vergnügt. Rätsel über Rätsel. Man hat den Eindruck: Je hochgezwirbelter und zugleich debiler die Ausdrucksweise unserer Journalisten wird, um so mehr Erneuerungs- und Anpassungsprozesse im Hirn sind erforderlich, um auch nur die einfachsten Zeitungsmeldungen zu verstehen.


[1] Denen mußten wir uns in diesem Blog schon häufiger widmen, siehe z. B. http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/02/praktikanten.html.

Samstag, 7. Januar 2012

Zu empfehlen

Eine lesenswerte Reportage aus dem Abort der Hölle[1] (von Gerhard Henschel) steht heute auf der Wahrheit-Seite der taz:

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Regulierung zur Sicherheit des Söldnerwesens

„Sicherheit. Die Union schweigt, doch die Liberalen erinnern sich an ihre Forderung zur Regulierung“. Das war vor einiger Zeit eine Unter-Überschrift in der taz[1].
Reguliert soll das „Söldnerwesen“ werden. Eine deutsche Firma, die zum „Sicherheitsgewerbe“ gehört, will mit einem der Bandenführer im Bürgerkrieg von Somalia Geschäfte machen, indem sie ihm gegen Bezahlung Söldner schickt.
Die Liberalen haben sicher nicht eine Forderung zur Regulierung erhoben. Forderung zur Regulierung könnte z. B. heißen, zu verlangen, die bestehende Regulierung oder die Regulierung überhaupt abzuschaffen. Das würde zwar zu den Liberalen passen, aber in diesem Fall vermutet man gewiß zu Recht, daß sie die Forderung der Regulierung erhoben haben, daß sie also gefordert haben, in das „Söldnerwesen“ regulierend einzugreifen dergestalt, daß solche Banden nur manches, aber nicht alles machen dürfen, was sie möchten. Auch das würde zu den Liberalen passen. Jeder Mensch, der nicht deren oder einer ähnlichen Ideologie anhängt, würde ja nicht die Regulierung des „Söldnerwesens“ fordern, so wie er auch nicht fordern würde, das Morden anderer Art zu regulieren, sondern es zu verbieten.
Daß die PraktikantInnen, die bei der taz die Unter-Überschriften formulieren dürfen, Söldnerwesen und nicht Söldnerunwesen schreiben, zeigt, daß junge Leute, die von sich aus so denken, wie es die taz-Leser erwarten, heute nicht mehr so leicht zu haben sind. Falls es sie doch geben sollte, machen sie ihr Praktikum nicht bei der taz. Bemerkenswert ist aber vor allem, daß der Bericht unter der Überschrift „Sicherheit“ steht. Da ist keineswegs die Sicherheit der Einwohner von Somalia vor den Söldnern gemeint, sondern die Art von Sicherheit, die die Söldner schaffen, also bezahlte Banden, die von einer zum deutschen Sicherheitsgewerbe gezählten Firma geschickt werden, um die Sicherheit der Auftraggeber zu erhöhen. Die Gründer der taz haben das alles noch ein wenig anders gesehen.




[1] 28. Mai 2010, S. 7.

Freitag, 2. Dezember 2011

Bilderstürmer

Inzwischen hat sich die Aufregung ja wieder etwas gelegt, aber voriges Jahr konnte uns die taz noch mitteilen:
„Das gemeinsame Feindbild, das in diesen Tagen diese unterschiedlichen Milieus“ –  nämlich das „bürgerlich-konservative“ und das der „verkifften Studenten-WGs“ –  „aufmischt, heißt ‚Stuttgart 21’, kurz: S 21.“[1] 
Der gewöhnliche taz-Leser wird mißmutig fragen, ob es denn in den verkifften WGs nur Studenten und keine Studentinnen gibt, weshalb da also Studenten-WGs steht und nicht StudentInnen- oder noch korrekter und dämlicher Studierenden-WGs, und er wird eine Kündigung seines Abonnements ins Auge fassen. Wir aber freuen uns darüber, daß es heutzutage und ganz besonders in Stuttgart offenbar kaum mehr Feinde gibt und sie auch gar nicht mehr nötig sind. Man ist zufrieden, wenn man ihre Bilder hat, falls man etwas zum Anfeinden braucht. Ganz neue Perspektiven der Kriegsführung tun sich auf. Man kann die Bilder zerkratzen, bekleckern, zerreißen. Die auf ihnen abgebildeten Feinde mögen sich darüber ärgern, aber körperlich bleiben sie unversehrt. Wenn das nicht ein Fortschritt auf dem Weg zum ewigen Frieden ist!



[1] taz, 7./8. August 2010

Freitag, 25. November 2011

Brüder, zur Sun

„Sonnen-Diesel im Schatten“ lautet eine Überschrift in der taz vom 13.9.2011, und in der Unterüberschrift steht: „Die Idee: Sun-Diesel“.
In besseren Zeiten hätte man das so gedeutet: Mit Sonnen-Diesel geht’s nicht so gut, und da hat man sich ein neues Produkt ausgedacht, nämlich Sun-Diesel, das soll’s bringen. Heute ist der erste Gedanke: Die Überschriftenschreiber sind höhere Journalisten, also in der Regel ältere, die können noch einigermaßen Deutsch, die PraktikantInnen[1], die sich an den Unterüberschriften probieren dürfen, sprechen diese Sprache altersbedingt kaum mehr. Aber es ist doch anders. Im Text erfährt man, daß die deutsche Firma, die Sonnen-Diesel herstellt, eben diesen Sun-Diesel nennt und eben mit diesem Diesel im Schatten steht. Dabei hatte sie doch darauf gerechnet, daß das Erzeugnis mit dieser Benennung in die Sonne bzw. die Sun rückt. Denn die Firma weiß: Die meisten Deutschen schämen sich, Deutsche zu sein – nicht wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit der hat man seit mindestens zwei Jahrzehnten nichts mehr zu tun, sondern weil Deutschland gar zu weit hinterm Wald liegt. Darum senden sie ständig Signale aus, die sagen sollen: Ich bin gar keiner, im Grunde bin ich Amerikaner, oder, was etwa das gleiche ist, Weltmensch.
Da kommt natürlich gleich einer, ein Gläubiger aus der Kirche der empirischen Sozialforschung, und fragt: Woher wollen Sie das denn wissen? Nennen Sie mir Umfragen, in denen es, statistisch abgesichert, herausgekommen ist!
Bei einer Meinungsumfrage wird das aber nicht herauskommen. Da würde sich die Mehrheit vielmehr entschieden gegen die Anglisierung ihrer Sprache aussprechen. Nicht, weil sie lügt, sondern weil geheime Wünsche oft und so auch hier derart geheim sind, daß die Wünschenden selbst sie nicht kennen. Die Werbebranche aber ist schlau und kennt sie, und darum ersetzt sie ein deutsches Wort nach dem anderen durch ein amerikanisches. In unserem Fall aber scheint man sich verrechnet zu haben. Ob Sonnen-Diesel oder Sun-Diesel – das Zeug taugt einfach nichts.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Schwarzer Block


Was die Polizei und die bürgerliche Presse „die Gewaltbereiten“ nennen, hieß intern und unter den nicht oder doch weniger gewaltbereiten Demonstranten seit mindestens drei Jahrzehnten „Schwarzer Block“. Von jetzt an, so erfahre ich eben (17.10.11) aus der taz, hat man aber von den Black-Blockern – deutsch für Black Blockers – zu sprechen. Viele meinten ja schon immer, daß der Schwarze Block in Wirklichkeit eine Abteilung der Kulturabteilung der amerikanischen Streitkräfte ist, oder so etwas ähnliches. Jedenfalls eine Agentur des US-Imperialismus.

Samstag, 15. Oktober 2011

Wiedergutmachung für Mißbrauchsopfer


„Ohne politischen Druck auszuüben auf die Kirchen und Vereine, sollten diese von sich aus tätig werden, an die Opfer herantreten und Wiedergutmachungen in Aussicht stellen“, steht in der taz vom 26. Mai 2011.
Das wird nicht leicht sein für die Kirchen und die Vereine. Sie sollen von sich aus tätig werden, ohne auf sich politischen Druck auszuüben. Vielleicht bringt sie das ja ganz durcheinander. In einer Situation, wo sie bereits eine gewisse Bereitschaft signalisiert haben, Wiedergutmachungen zu leisten, sollte man besser vorsichtiger mit ihnen umgehen.

Samstag, 8. Oktober 2011

Blähzahlenspiele

„Anteil Ökostrom hat sich vervierfacht“, lautet eine Überschrift der taz am 12.4.11. Ich hätte ja geschrieben: vervierzigfacht, das wäre genauso richtig, bringt aber mehr; vervierfacht klingt zwar auch schon interessant, aber vervierzigfacht ist doch um einiges beeindruckender. Natürlich hätte die taz auch schreiben können: verdoppelt, oder um 20 % gestiegen, aber welcher der dort beschäftigten Boulevardjournalisten kommt schon auf so eine Idee? Vervierfacht hat er sich seit 1990, erfährt man nach einigem Suchen im Kleingedruckten. Warum soll man nicht als Bezugsjahr 2009 oder 1931 nehmen?

Freitag, 9. September 2011

Bildung im Paket

In der taz vom 31. August 2011 steht ein von einem „Mitbegründer und Gesellschafter der Teach First Deutschland GmbH“ und Angehörigen der „Educational-Entrepreneurship-Bewegung“ verfaßter Artikel, der das Buch eines Bertelsmann-Vorstandsmitglieds bespricht und lobt.
Der Buchautor wird als der „Immer-noch-Jungstar der Bildungsszene“ vorgestellt. Ich interessiere mich seit langem für Fragen der Bildung, habe dazu eigens Schriften Wilhelm von Humboldts und Schellings studiert und meinte, mich einigermaßen auszukennen. So glaubte ich, mit allen, die sich auch auskennen, daß es die Stiftung der Firma Bertelsmann war, die die Hauptarbeit dabei geleistet hat, an den Universitäten Bildung durch Ausbildung zu ersetzen, also abzuschaffen. Wie ich nun sehe, war ich im Irrtum. Nicht nur, daß Bertelsmann einen Experten, ach was, einen Star auf dem Gebiet der Bildung vorzeigen kann: Mit der Bildung sind wir keineswegs am Ende, im Gegenteil, da grünt’s und blüht’s derart, daß das bisherige Vokabular nicht mehr ausreicht, um zu beschreiben, was da abgeht. In dem halbseitigen taz-Artikel findet man:
Bildungsszene, Bildungsstandort, Bildungsarmut (3 mal), Bildungsrepublik (3 mal), sogenannte Bildungsrepublik (2 mal), Bildungssystem (3 mal), Bildungspaket, Bildungspolitik, Bildungsunternehmungen, Bildungskrise, Bildungsmanager, Bildungsetat, Bildungsrendite, Bildungsverlierer, Bildungsunternehmer (2 mal), Bildungsunternehmen, Bildungswesen, Bildungsbücher, Bildungspanik, Bildungslandschaft.
Etwa die Hälfte dieser Wörter las ich zum ersten Mal. Bei manchen kann ich mir denken, was sie bedeuten, bei anderen bleibt es auch nach längerem Nachdenken dunkel. Was ist ein Bildungspaket? Ein Paket, das Jugendliche von besorgten Großeltern zu Weihnachten bekommen und das Werke von Goethe, Lessing und Hölderlin enthält? Also Bildungsbücher? Oder sind Bildungsbücher solche, die Bertelsmann-Vorstandsmitglieder, Angehörige der Educational-Entrepreneurship-Bewegung und Angestellte der Teach First Deutschland GmbH zum Thema Bildung schreiben? Und was ist Bildungspanik? Die Panik, die einen Gebildeten erfaßt, wenn er die heutige Bildungslandschaft betrachtet? Oder die Panik, die jemanden befällt, dem der Verdacht kommt, ihm mangle es an Bildung und das könnte dazu führen, daß er mit einem geringen Einkommen vorlieb nehmen muß? Wäre das, was ihm dann an Geld fehlt, wenn er es hätte, die Bildungsrendite? Und was ist eine Bildungsunternehmung? Wenn ich es unternehme, dem Enkel ein Bildungspaket zu schicken – ist das eine solche Unternehmung? Oder sind Schulen gemeint? Oder diese nur dann, denn sie zugleich Bildungsunternehmen sind, also gewinnorientierte Privatschulen?
Auffällig ist, daß in allen diesen Wörtern „Bildung“ vorne steht. Wörter, in denen es umgekehrt ist – wie in „Herzensbildung“ – kommen in dem Artikel kein einziges Mal vor. Können Sie sich das erklären?


Montag, 29. August 2011

Schwere Tätlichkeiten


Die taz ist nicht nur die Vorreiterin der Anglifizierung des Deutschen, sondern die Haupttriebkraft des Sprachwandels überhaupt. Heute kann man lesen: „Nun ermittelt das LKA – gegen einen tätlichen Beamten“.[1]



[1] taz, 29.8.2011

Dienstag, 2. August 2011

Definitionsprobleme


„Höchste Zeit also, das Thema Fortbewegung in der Stadt neu zu definieren. Die Lösung ist ganz einfach. Vorrang haben Öffentliche und das Fahrrad.“ (taz vom 7.7.11)
Was man bei der taz wohl für eine Definition von „definieren“ hat?

Sonntag, 3. Juli 2011

Opi, eine Ini!

„Ini will Unis ohne Rüstungsforschung“, lautet eine taz-Überschrift am 30. Mai 2011.
Die PraktikantInnen (siehe Praktikanten) dürfen bei der taz jetzt offenbar nicht nur Unterüberschriften, sondern sogar richtige Überschriften schreiben. Was „Ini“ heißt, wird in dem Artikel nicht erklärt, man setzt es wohl als bekannt voraus. Ich vermute, es heißt Initiative und in den Kreisen der PraktikantInnen redet man halt so.
Es könnte aber auch sein, daß die Überschrift von einem richtigen, erwachsenen taz-Journalisten stammt, der das Ziel der mentalen Verjüngung der Gesellschaft verfolgt. Das ist ja nicht schlecht, wo sie doch rein biologisch gesehen immer mehr vergreist. Aber ein bißchen übertrieben find’ ich es schon, im Infantilisierungsstreben derart weit zu gehen. Papi, Mami, Omi, Opi, Ini, das gewöhnen sich die Kleinen sonst doch schon in der Vorschule wieder ab.

Samstag, 18. Juni 2011

Lesenswert

Die Wahrheit-Seite der taz widmet sich heute (18.6.2011) einer Gefahr, deren Bedeutung bisher sehr unterschätzt wird: Der Menschen-Pest.[1]

Sonntag, 12. Juni 2011

Deppenleerzeichen

„Damit sprach er den meisten der 2.500 TeilnehmerInnen aus der Seele, die nach Veranstalterangaben zu dem Kongress gekommen waren, den das globalisierungskritische Netzwerk Attac unter anderem mit der Friedrich Ebert, der Heinrich Böll und der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie der Otto Brenner Stiftung der IG Metall organisiert hatte“ (taz, 24.5.2011).
Die meisten Deutschen haben sich ja im Kampf zwischen dem Deutschen und dem sogenannten Deppenleerzeichen auf eine Seite, auf dessen Seite geschlagen. Die taz aber schwankt, wie man sieht. Nun wird sie wohl einwenden: Nein, nein, keineswegs, wir berücksichtigen nur, daß manche Namen, vor allem Firmennamen das Deppenlehrzeichen in sich aufgenommen haben und daß darunter auch solche sind, durch die sich dieses Vorgehen als heiliggesprochen betrachten kann (Suhrkamp Verlag). Ich bleib’ aber dabei. So leicht geht das Depperte nicht weg. Friedrich und Heinrich sind männliche Vornamen, es muß heißen: Mit dem Friedrich Ebert und dem Heinrich Böll hat Attac den Kongreß organisiert. (Man kann, um nicht in den Verdacht süddeutscher Herkunft zu kommen, das „dem“ auch weglassen.) Das stimmt zwar inhaltlich nicht, aber man kann es ohne Bauchschmerzen lesen.



Samstag, 4. Juni 2011

Noch was zum Kirchentag

"Leidenschaftlich wirken die Christen nur, wenn es  um die Sonntagsruhe geht. Bei Themen wie Atomkraft, Migranten [siehe Migranten] oder Frauen wirken sie zauderhaft," schreiben die PraktikantInnen (siehe Praktikanten) der taz heute in einer Unter-Überschrift auf den Kirchentags-Sonderseiten dieser Zeitung. 


An der Behauptung ist zwar kein Wort wahr, außer daß Wanderer die Christen wirklich nicht sonderlich interessieren, wenn es nicht gerade Pilger sind, aber wie herrlich ist doch das Sprachkleid, das die Autoren ihrer Lüge anzulegen verstanden! Nach so viel Tadelnswertem endlich eine Formulierung, die mit Lob überhäuft zu werden verdient. Zauderhaft! Die taz hat's nicht erfunden, das Wort kommt durchaus vor, allerdings sehr selten, wenn man es mit Google sucht; meist benutzt man es wohl nur versehentlich. Aber immerhin, Grillparzer kannte es, im Gegensatz zu meinem Duden und Canoonet. Und die taz hat es wieder ans Licht geholt! Wunderschön! Danke, taz!

Schöpfungslehre

Die taz enthält heute (4.6.2011) einige Sonderseiten zum evangelischen Kirchentag. In  einem der Artikel wendet sich ein Herr Feddersen gegen die gesetzlich verordnete Ruhe an Feiertagen mit einer flammenden Polemik für den Konsumterror, wie man sie seit den Tagen, als die Studentenbewegung diesem Wort allgemeine Bekanntheit verschafft hat, nicht mehr lesen konnte, und das ist über vierzig Jahre her. Wir wollen uns aber nicht mit solchen Kleinigkeiten befassen, sondern mit Größerem. In dem Artikel steht der Satz: "Der siebte unter den geschöpften Tagen verdiene" - so die Meinung der Karlsruher Richter - "Ruhe und Besinnlichkeit." Unsere Frage lautet: Hat Gott den siebenten Tag wirklich geschöpft?
Im Internet eifert ein Fundamentalist gegen die katholische Kirche: „Die KATHOLISCHE Einheitsbibel zeigt den Gotteshass der Autoren auf [!] ... (Sie unterstellen GOTT der [!] Lüge, dass er mit der Sechstageschöpfung  nicht sechs Tage gemeint hat, sondern 14 Milliarden Jahre. Und sie  unterstellen, dass GOTT nicht selbst geschöpft hat, sondern dass alles sich per Evolutionsideologie von alleine geschaffen hat.)“[1]
Daß er „Gott“ und „katholische“ auf die gleiche Weise hervorhebt, läßt darauf schließen, daß er sich von diesem getarnten Atheistenverein doch noch nicht ganz gelöst hat. Aber das nur am Rande.
Unter Neosophen – was das für Leute sind, weiß ich leider nicht – sieht man die Sache differenzierter und gibt sich gemäßigt: „Wir maßen uns an, einen Schöpfer zu postulieren, aber wir können nicht mal ansatzweise ahnen, was er da geschöpft hat.“[2]
Wiederum sehr entschieden und eifernd zeigt sich ein unbekannter Kommentator im Tagesspiegel, jetzt aber nach der anderen Richtung: „Wann soll das denn passiert sein, und wer könnte es sein, der Gott geschöpft haben könnte? Haben Sie da genauere Zeitangaben? Es gibt keine Schöpfung, es gibt Evolution ...“[3]
Nun werden Sie mir sicher zustimmen: Zumindest die beiden ersten haben Unrecht. Denn auch wenn Gott der Schöpfer die Welt erschaffen haben sollte, so hat er sie doch auf keinen Fall geschöpft. Richtig verwendet wird dieses Wort z. B. in dem Buch „Schmuckpapier selbst geschöpft“ von Angela Ramsay. Darin erfährt man, daß zum Schöpfen ein Gefäß erforderlich ist und eine Flüssigkeit, die oder aus der man schöpfen kann. Es steckt ein Widerspruch in der Behauptung, dem Schöpfer habe beides schon bei der Schöpfung, die bekanntlich eine Schöpfung aus dem Nichts war, zur Verfügung gestanden. Sowohl Gefäß als auch Flüssigkeit mußten erst einmal erschaffen worden sein, bevor der Schöpfer sich unter Benutzung beider ans Schöpfen machen konnte.
Auf eine andere Spur bringt uns das Magazin Focus, indem es titelt: „Leben – Aus der Ursuppe geschöpft“.[4] Denn das kann man sich schon vorstellen, daß Gott vor einer Schüssel Ursuppe sitzt und mit einer Kelle das Leben herausschöpft. Von da aus könnte man in zwei Richtungen argumentieren: Erstens, dieses Schöpfen hat nichts mit der Schöpfung selbst zu tun. Suppe und Kelle mußten im Zuge der Schöpfung erst einmal erschaffen worden sein, bevor das Herausschöpfen losgehen und dann die Evolution des Lebens ihren Lauf nehmen konnte. Darum muß auch unser unbekannter Tagesspiegel-Leser nicht richtig liegen mit seiner Behauptung „Es gibt keine Schöpfung, es gibt Evolution“. Vielmehr wäre es so: erst jene, dann diese; erst schuf er, dann schöpfte er, und dann kam die Evolution. Zweitens: Die Schöpfung ist als ein langer Prozeß, ja als ein prozeßhaftes Geschehen (siehe Prozeßhansel) anzusehen, das sowohl die creatio ex nihilo, welcher Ursuppe und Kelle entstammen, als auch das Herauslöffeln des Lebens aus jener einschließt. Auch in diesem Fall könnte man dem Tagesspiegel-Leser nicht recht geben. Dem taz-Autor sowieso nicht.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Töten ohne Gewalt

„Dutzende bei Gewalt im Jemen getötet“, schreibt die taz heute, am 1. Juni 2011.
Was tut sich da? Schreiben sie einfach gerne Gewalt und nutzen dafür jede Gelegenheit oder das, was ihnen eine zu sein scheint? Nicht ausgeschlossen, das ist so Brauch unter den Politikern und Journalisten. Aber es könnte auch sein, daß ein Plan dahintersteckt; uns, die wir zu Verschwörungstheorien neigen, scheint dieser Verdacht nicht abwegig. Uns steht mal wieder eine Kampagne gegen den Pazifismus ins Haus, und hier wird sie behutsam vorbereitet.
Normalerweise sollte man angesichts dieser Überschrift ja denken: Was für ein Unsinn, kann man denn auch gewaltlos töten? Doch, wird man uns bald eintrichtern. Auch, ja gerade wer keine Gewalt ausübt, tötet; irgendwie indirekt halt. Darum mußten wir unsere Bundeswehr nach Afghanistan und in den Kosovo schicken, und darum müssen wir sie demnächst dahin schicken, wo unsere Wirtschaftsinteressen in Gefahr sind, die Regierung hat es eben angekündigt. Denn irgendwie und indirekt kann es zu Mord und Totschlag führen, wenn man nicht sofort dazwischenfährt. Nein, nicht mit Gewalt, die verabscheuen wir ja, sondern vielleicht mit einer mobilen Eingreiftruppe und ein paar Kampfflugzeugen. Darauf will uns also die taz – oder sagen wir mal: eine Gruppe von weit Vorausblickenden in der taz, die sind ja nicht alle so – vorbereiten.