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Montag, 12. Dezember 2011

Triumphzug der Gerechten

Jahrtausendelang ging’s auf der Welt ungerecht zu. In der Zeit der Aufklärung war man damit nicht mehr zufrieden. Die Liberalen zwar, die damals aufkamen, hatten, wie die heutigen, wenig Einwände. Sie meinten, wer nichts dagegen ausrichten kann, daß das, was er erarbeitet hat, ein anderer einstreicht, ist selber schuld. Aber die demokratischen, vom Rationalismus und dessen Überzeugung, daß die Vernunft uns Einsicht in höhere Wahrheiten gewährt und daß man unter diesen Wahrheiten Prinzipien wie eben und allem voran Gerechtigkeit findet – also die von dieser Überzeugung geprägten Aufklärer, die würden jauchzen und frohlocken, wenn sie den Siegeszug sehen könnten, mit dem ihr Fahnenwort heutzutage die deutsche Sprache überrollt:
Umweltgerecht, behindertengerecht, urlaubsgerecht, saunagerecht, schlafgerecht, wellnessgerecht, fitnessgerecht, sozialgerecht, familiengerecht, kindgerecht und kindergerecht, hundegerecht, arbeitsgerecht, arbeitsplatzgerecht und jobgerecht, landschaftsgerecht, frauengerecht, das mit seinen 6.400 Treffern bei Google allerdings bereits weit überholt ist vom vermutlich nichts anderes bedeutenden gendergerecht (21.700), bildungsgerecht, teamgerecht, selbstverständlich partner- und dynamikgerecht, nachhaltigkeitsgerecht, aber zu meiner großen Überraschung kein sustainabilitygerecht, wohl aber ökologiegerecht, zukunftsgerecht, ideengerecht, integrationsgerecht, mehrweggerecht wiederbefüllt, gefühlsgerecht, noch nicht aber feelinggerecht, wohl allerdings wohlfühlgerecht, ganzheitsgerecht, erlebnisgerecht, spaßgerecht und fungerecht, eventgerecht, projektgerecht, aber noch nicht projektvorhabensgerecht[1], bedarfsgerecht und verkehrsgerecht, aber noch nicht bedarfegerecht[2] und verkehregerecht[3], was aber bald kommt. Auch auf centergerecht, trauergerecht, trauerarbeitgerecht und herausforderungs- bzw. challengegerecht[4] warten wir noch, doch sicher nicht mehr lange.
Leistungsgerecht ergab 41.000 Treffer, aber keinen einzigen erbrachte leistungsträgergerecht, und nur einen einzigen gab es für elitegerecht. Daran kann man sehen, daß die alte mit dem Gerechtigkeitsbegriff verbundene Menschheitshoffnung in der Tat diese Wortinflation beflügelt und befeuert. Denn trotz allerheftigster Bemühungen z. B. der FDP, den Leuten klarzumachen, daß es gerecht sei, wenn ein Leistungsträger[5], also z. B. ein Aktienbesitzer, fünfzig oder hundert mal so viel verdient, d. h. einstreicht wie einer, der die Leistung erbringt, an der jener Träger verdient bzw. die er einfährt[6] – fünfzig oder hundert mal so viel also wie einer, der ihren Ertrag verdient, aber nicht an ihm verdient: Sprachlich will die Ehe von Leistungsträger und Gerechtigkeit einfach nicht zustande kommen.
Außer dem Nachwirken jener Menschheitshoffnung hat die Gerechtigkeitskonjunktur noch einen weiteren Grund: Faulheit. Statt sich um einen Satz zu bemühen, in dem der Gedanke sprachgerecht formuliert wird, daß etwas der Integration von Migranten[7] dienlich sei, rotzt man „integrationsgerecht“ hin. Paul Lafarge, Ehemann der Tochter des bekannten Arbeitstheoretikers und Arbeiterführers Karl Marx, Lafarge also, der im Banne seines Schwiegervater- oder Schwiegersohnkomplexes das Loblied der Faulheit gesungen und das Recht auf dieselbe proklamiert hat, kannte das Wort faulheitsgerecht nicht. Hätte er es gekannt, er hätte es nicht verwendet. Denn ihm wäre daran ein Mangel an Ästhetikgerechtigkeit aufgefallen. Und auch wenn er in der Sache zugestimmt hätte, wäre ihm wohl aus dem selben Grund die Formulierung suspekt gewesen, daß es hier eine Ästhetikgerechtigkeitslücke zu schließen gelte oder man ein Ästhetikgerechtigkeitsdefizit herunterfahren[8] müsse.
Einen dritten Grund gibt es – selbstverständlich – noch: Es hört sich doch ganz anders an und man ist gleich jemand, wenn man nicht einfach schreibt, dies oder jenes tue dem Hund gut oder erfreue ihn, sondern es sei hundegerecht. Dem Wort Gerechtigkeit kann man ein gewisses Blähpotential[9] nicht absprechen, welchen Begriff aus der Ernährungslehre, wo er nach Wikipedia z. B. eine dem Rosenkohl zugesprochene Eigenschaft  bezeichnet, mit einer leichten Bedeutungsverschiebung in die Sprachwissenschaft zu übertragen bzw. zu transferieren ich hiermit vorschlage bzw. beantrage.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Regulierung zur Sicherheit des Söldnerwesens

„Sicherheit. Die Union schweigt, doch die Liberalen erinnern sich an ihre Forderung zur Regulierung“. Das war vor einiger Zeit eine Unter-Überschrift in der taz[1].
Reguliert soll das „Söldnerwesen“ werden. Eine deutsche Firma, die zum „Sicherheitsgewerbe“ gehört, will mit einem der Bandenführer im Bürgerkrieg von Somalia Geschäfte machen, indem sie ihm gegen Bezahlung Söldner schickt.
Die Liberalen haben sicher nicht eine Forderung zur Regulierung erhoben. Forderung zur Regulierung könnte z. B. heißen, zu verlangen, die bestehende Regulierung oder die Regulierung überhaupt abzuschaffen. Das würde zwar zu den Liberalen passen, aber in diesem Fall vermutet man gewiß zu Recht, daß sie die Forderung der Regulierung erhoben haben, daß sie also gefordert haben, in das „Söldnerwesen“ regulierend einzugreifen dergestalt, daß solche Banden nur manches, aber nicht alles machen dürfen, was sie möchten. Auch das würde zu den Liberalen passen. Jeder Mensch, der nicht deren oder einer ähnlichen Ideologie anhängt, würde ja nicht die Regulierung des „Söldnerwesens“ fordern, so wie er auch nicht fordern würde, das Morden anderer Art zu regulieren, sondern es zu verbieten.
Daß die PraktikantInnen, die bei der taz die Unter-Überschriften formulieren dürfen, Söldnerwesen und nicht Söldnerunwesen schreiben, zeigt, daß junge Leute, die von sich aus so denken, wie es die taz-Leser erwarten, heute nicht mehr so leicht zu haben sind. Falls es sie doch geben sollte, machen sie ihr Praktikum nicht bei der taz. Bemerkenswert ist aber vor allem, daß der Bericht unter der Überschrift „Sicherheit“ steht. Da ist keineswegs die Sicherheit der Einwohner von Somalia vor den Söldnern gemeint, sondern die Art von Sicherheit, die die Söldner schaffen, also bezahlte Banden, die von einer zum deutschen Sicherheitsgewerbe gezählten Firma geschickt werden, um die Sicherheit der Auftraggeber zu erhöhen. Die Gründer der taz haben das alles noch ein wenig anders gesehen.




[1] 28. Mai 2010, S. 7.

Montag, 28. November 2011

Liberalismus für Fortgeschrittene

„Die Klasse derjenigen, die die Gabe haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, ist durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt von derjenigen Klasse, die dies nicht können.“ So Ludwig von Mises, „neoliberaler Ideologe“.[1]
Das meine ich aber auch! Jemand, der zu einem Satz in der Lage ist wie „Gerade das Leben in Berlin-Mitte steht für unsere Inhalte[2], der schon deshalb nie ein eigener Gedanke gewesen sein kann, weil er dazu erst einmal ein Gedanke gewesen sein müßte, gehört in die Klasse derjenigen gesteckt, die Thilo Sarrazin zufolge sich einen Pullover anziehen sollen, wenn’s für die Heizung nicht reicht. Denn, so nun wieder Herr von Mises: „Der schlimmste aller Irrtümer ist, dass die Natur jedem Menschen gewisse Rechte verliehen habe“.
Wir wollen mit ihm beim altbewährten Grundsatz bleiben: suum cuique, oder von mir aus auch quod licet iovi, non licet bovi. Was das genau heißt, weiß ich heute, so viele Jahrzehnte nach meiner letzten Lateinstunde, nicht mehr, aber irgendwas mit Elite und Exzellenz und Leistungsträger und daß die geistige Unterschicht, für deren Inhalte das Leben in Berlin-Mitte steht, zufrieden sein kann, wenn ihre Partei noch 1,8 % der Wählerstimmen bekommt, muß es wohl gewesen sein.

Samstag, 14. Mai 2011

Partei der Versicherer


„Die FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag versichert den Menschen im Ländlichen Raum ihre volle Unterstützung“, versichert uns der Abgeordnete Thomas Dechant.[1]
Das freut einen aber. Sonst wollen die Parteipolitiker immer nur unsere Unterstützung haben, bitten und betteln um sie, fordern sie gar. Die FDP-Fraktion dagegen versichert sie den Menschen. Aber wie man diese Partei kennt, tut sie nichts umsonst. „Wenn ein Wagen rollt, legt der Hund trotz längst erkannter Aussichtslosigkeit immer wieder seine prinzipielle Verwahrung ein. Das ist reiner Idealismus, während die Unentwegtheit des liberalen Politikers den Staatswagen nie ohne eigensüchtigen Zweck umbellt.“ (Karl Kraus)
Die Sache hat also wohl einen Pferdefuß. Wahrscheinlich zahlt die Versicherung nur bei Kleinigkeiten, z. B., wenn man sich beim Wahlplakatekleben im ländlichen Raum, was ja zur vollen Unterstützung gehört, erkältet. Aber bei den großen Risiken steht man dann doch im Regen. Wenn man sich auf die Ideologie dieser Partei einläßt, kann es einem ja leicht passieren, daß man unversehens ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung am Hals hat, oder daß man der Partei eine kleine Spende zukommen läßt und erst hinterher, vom Staatsanwalt, erfährt, daß das verboten ist. Ob einen da die Versicherung unterstützt? Man sollte also das Kleingedruckte genau lesen.