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Donnerstag, 10. November 2011

Kein Grund zur Panik

„Das Jury-Mitglied und der Leiter der Dudenredaktion, Matthias Wermke, äußerte, dass trotz dieser Importwörter ‚sich das Deutsche in 50 Jahren [nicht] von der heute gesprochenen Sprache deutlich unterscheiden wird.’ Das Klagen über den Verfall der deutschen Sprache sei so alt wie die deutsche Sprache selbst.“ (Wikipedia, Stichwort „Wort des Jahres“)
War es nun das Jurymitglied oder Matthias Wermke? Wären es beide gewesen, müßte es ja „äußerten“ heißen. Nehmen wir an, der Herr Redaktionsleiter war's. Wie er wohl darauf kommt? Ich glaube nicht, daß ich vor 50 Jahren einen Satz wie „Eye Catcher für Hamburg: Wir verteilen Flyer, Folder und Plakate in relevanten Kultur- und Szeneoutlets“[1] hätte verstehen können, wo ich ihn doch jetzt kaum verstehe. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich oder irgendein anderer zu jener Zeit einen der Synchrofilm-Sprache entnommenen Satz wie „Ich hasse schlechten Sex“ verstanden hätte, den viele Heutige ja für importfreies Deutsch halten würden, während in Wirklichkeit außer dem „Ich“ nichts dafür gelten kann. Und die Einführungsgeschwindigkeit der Importwörter hat nicht ab-, sondern erheblich zugenommen; wenn das noch 50 Jahre im jetzigen Tempo, ohne Beschleunigung, weiterginge, dürfte die deutsche Sprache mehr Importwörter - damit sind selbstverständlich nur die frisch importierten gemeint, nicht Keks, Krokodil oder Fenster - enthalten als solche, die man heute für einheimische Produkte nimmt.
Vielleicht meint Herr Wermke ja, daß man Sätzen wie den genannten nicht in allen Kreisen und Lebenslagen begegnet; einiges spreche dafür, daß man auch in 50 Jahren für ein Gespräch über Wald und Bäume und Vöge- und Blümelein mit dem Wortschatz zurechtkommt, der schon den Dichtern der Romantik zur Verfügung stand. Das mag schon sein, jedenfalls sofern nicht einer auf den Gedanken kommt, daß Vöge- und Blümelein einen Beitrag zur Global Biodiversity leisten und der Wald in Wirklichkeit überhaupt kein Wald, sondern ein Ecosystem sei oder auch eine Opportunity für Outdoor-Events.
Aber selbst wenn man dies ausschließen könnte: Die Tatsache, daß man sich über manche Dinge noch mit Angehörigen beliebiger germanischer oder indogermanischer Sprachen einigermaßen verständigen kann, weil sich die Wörter für Begriffe wie essen und Nacht im Deutschen, Englischen und Lettischen nach wie vor sehr ähnlich anhören, berechtigt nicht zu der Behauptung, daß sich unsere Sprache von der unserer bronzezeitlichen Vorfahren nicht deutlich unterscheidet. Ob man das als Verfall bezeichnen soll – eine These, von der Dudenredakteur oder das Jurymitglied oder der Wikipedia-Autor, wie es scheint, meinen, sie sei für die, denen die Wortimporteure wie alle Modegecken auf die Nerven gehen,  mit der These der Veränderung notwendig verbunden – steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich  jedenfalls bin nicht dieser Meinung.

Mittwoch, 9. November 2011

Übersetzungsprobleme

„Er folgte in den letzten Jahren bereits mehrmals einer Einladung an die Medizinische Schule der weltberühmten Harvard Universität.“ „Er“ ist der Professor Bankhofer, „Autor und TV-Gesundheits-Experte, der so lebt wie er schreibt.“[1]
Es kommt sicher nicht von ihm selbst, denn das wäre einem Professor nicht unterlaufen, selbst wenn er TV-Gesundheitsexperte ist und vielleicht so schreibt wie er lebt. „School“ bedeutet nicht nur Schule. Die Journalisten können zwar alle hervorragend Englisch, das ist ja heutzutage Einstellungsbedingung, aber sie können es nicht ins Deutsche übersetzen. In unserem Fall bedeutet „school“ Fakultät oder auch Fachbereich. Eine Schule ist etwas ganz anderes. Eine medizinische, philosophische, ökonomische usw. Schule ist eine Gruppe von Wissenschaftlern ähnlicher Auffassung; die können über viele Universitäten und Fakultäten und manchmal auch Schulen – wenn einer z. B. Gymnasiallehrer geworden ist, was bekanntlich nicht wenige Schüler der Frankfurter Schule auf sich nehmen mußten – verteilt sein.

Montag, 7. November 2011

History wird gemacht

„Knopp: Das sehe ich anders. Als ich damit begann, gab es einen Aufschrei in den Feuilletons. Aber mittlerweile ist Reenactment akzeptiert und als notwendig erkannt. Es gibt dazu keine Alternative.“[1]
Guido Knopp ist der, von dem es heißt, seine Fernsehfilme ließen sich ertragen, solange er nicht selbst auf dem Bildschirm erscheint. Ich ertrage sie allerdings schon deshalb nur schwer, weil sie „History“ heißen. Herr Knopp, Sie können mit mir ruhig deutsch reden; was „Geschichte“ bedeutet, weiß ich auch ohne englische Übersetzung. – Ganz großen Verdruß bereitet mir die Politikerphrase „Es gibt dazu keine Alternative“. Nicht nur eine gibt es, sondern viele, wie immer, wenn sie so reden. Sie mögen sie nur nicht.

Montag, 24. Oktober 2011

Deutschnähe pur

Man bemüht sich neuerdings ja sehr darum, daß die „Migranten“ sich in die deutsche Leitkultur integrieren. Wenn sie aber dann integriert und damit der Unterschicht entstiegen sind und Studenten werden und dann auf http://www.ism.de/de/news_ss09.php ihrer International School of Management in Dortmund lesen:
„Praxisnähe pur. Reale Unternehmensprobleme lösen, Bewerbungsgespräche auf dem eigenen Campus führen und wertvolle Firmenkontakte knüpfen – diese Chance bot sich den ISM-Studierenden beim 2. Workshop & Recruiting Day am 15.05.09. Organisiert wurde der Tag vom Team des Career Centers“
– wenn sie das also lesen und man sie dann, als letzte Prüfung des Gelingens der Integrationsbemühungen, fragt, was das denn für eine Sprache sei, dann werden sie vielleicht nicht gleich antworten können. Nicht nur wegen der amerikanischen Wörter, sondern auch und vor allem wegen „Praxisnähe pur“ und „Studierenden“ werden sie wohl ins Grübeln kommen. 

Freitag, 21. Oktober 2011

Rätsel um Gaddafis Ende

„Fragen zum "letzten Gefecht" des Colonels“, titelt heute Telepolis.[1]
Was man uns damit wohl sagen will? Oberst, wie all die Jahrzehnte, heißt er nun nicht mehr. Im Tode ist er Amerikaner geworden, ein Guter also. Aber zum Ausgleich wird die „Internationale“ zitiert, damit jeder weiß: Der ist eines Geistes mit August Bebel und Rosa Luxemburg gewesen, also ein ganz übler Bursche. Sollte es das sein? Oder genau das Gegenteil?

Dienstag, 18. Oktober 2011

Schwarzer Block


Was die Polizei und die bürgerliche Presse „die Gewaltbereiten“ nennen, hieß intern und unter den nicht oder doch weniger gewaltbereiten Demonstranten seit mindestens drei Jahrzehnten „Schwarzer Block“. Von jetzt an, so erfahre ich eben (17.10.11) aus der taz, hat man aber von den Black-Blockern – deutsch für Black Blockers – zu sprechen. Viele meinten ja schon immer, daß der Schwarze Block in Wirklichkeit eine Abteilung der Kulturabteilung der amerikanischen Streitkräfte ist, oder so etwas ähnliches. Jedenfalls eine Agentur des US-Imperialismus.

Montag, 3. Oktober 2011

Textbuch

„Textbuch“ brachte bei Google 126.000 Ergebnisse.[1] Das sind fast 126.000 Fehler. Ein Textbuch ist entweder einfach ein Buch, das kein Bilder-, sondern halt ein Textbuch ist, oder es ist ein Buch, in dem Texte zum Vortragen drinstehen. Auf den mit Google gefundenen Internetseiten ist aber „Lehrbuch“ gemeint, was dummerweise im Amerikanischen „textbook“ heißt.



[1] 18.11.2010

Dienstag, 13. September 2011

Ärea

Das „Vital- und Wellnesscenter SAMSUN“ schreibt „Wellness-Ärea“, mit Ä.[1] Der Verein deutsche Sprache e.V., der sich ja vornehmlich darum bemüht, diese von Anglizismen zu reinigen, sollte dem Autor einen Preis verleihen.

Doch dem Deutschen ein Wort gewonnen zu haben – manche meinen ja, Area sei bereits eines, ein Lehnwort halt, womit sie sich aber irren – ist nicht alles. Man bedenke: In einem Milieu, in dem Sätze geschrieben werden, die aus Wörtern wie FitnessPark, Treckingcenter und Outdoor-Fun bestehen, wobei diese gerade mal noch durch und und nicht durch and verbunden werden, in einer Umgebung, in der vermutlich der Chef tobt, wenn einer statt Nordic Walking das Wort Steckeleslauf sich zu verwenden traut, wagt es einer, „Area“ einzudeutschen. Als das seinerzeit dem „Bureau“ passierte, gehörte kein Mut dazu, im Gegenteil, wer sich dem „Büro“ verweigerte, hatte in der nationalistischen Umgebung mit unangenehmen Konsequenzen zu rechnen. Aber heute? Welch eine Zivilcourage! Wer immer der Autor sein mag: Chapeau! Dafür gibt es doch sicher noch ganz andere Preise als solche des Sprachreinigungsvereins, viel höhere, solche, die der Bundespräsident überreicht. Ich sehe es schon vor mir: Der Autor wird bald mit Orden behängt sein wie ein sowjetischer General.


Freitag, 9. September 2011

Bildung im Paket

In der taz vom 31. August 2011 steht ein von einem „Mitbegründer und Gesellschafter der Teach First Deutschland GmbH“ und Angehörigen der „Educational-Entrepreneurship-Bewegung“ verfaßter Artikel, der das Buch eines Bertelsmann-Vorstandsmitglieds bespricht und lobt.
Der Buchautor wird als der „Immer-noch-Jungstar der Bildungsszene“ vorgestellt. Ich interessiere mich seit langem für Fragen der Bildung, habe dazu eigens Schriften Wilhelm von Humboldts und Schellings studiert und meinte, mich einigermaßen auszukennen. So glaubte ich, mit allen, die sich auch auskennen, daß es die Stiftung der Firma Bertelsmann war, die die Hauptarbeit dabei geleistet hat, an den Universitäten Bildung durch Ausbildung zu ersetzen, also abzuschaffen. Wie ich nun sehe, war ich im Irrtum. Nicht nur, daß Bertelsmann einen Experten, ach was, einen Star auf dem Gebiet der Bildung vorzeigen kann: Mit der Bildung sind wir keineswegs am Ende, im Gegenteil, da grünt’s und blüht’s derart, daß das bisherige Vokabular nicht mehr ausreicht, um zu beschreiben, was da abgeht. In dem halbseitigen taz-Artikel findet man:
Bildungsszene, Bildungsstandort, Bildungsarmut (3 mal), Bildungsrepublik (3 mal), sogenannte Bildungsrepublik (2 mal), Bildungssystem (3 mal), Bildungspaket, Bildungspolitik, Bildungsunternehmungen, Bildungskrise, Bildungsmanager, Bildungsetat, Bildungsrendite, Bildungsverlierer, Bildungsunternehmer (2 mal), Bildungsunternehmen, Bildungswesen, Bildungsbücher, Bildungspanik, Bildungslandschaft.
Etwa die Hälfte dieser Wörter las ich zum ersten Mal. Bei manchen kann ich mir denken, was sie bedeuten, bei anderen bleibt es auch nach längerem Nachdenken dunkel. Was ist ein Bildungspaket? Ein Paket, das Jugendliche von besorgten Großeltern zu Weihnachten bekommen und das Werke von Goethe, Lessing und Hölderlin enthält? Also Bildungsbücher? Oder sind Bildungsbücher solche, die Bertelsmann-Vorstandsmitglieder, Angehörige der Educational-Entrepreneurship-Bewegung und Angestellte der Teach First Deutschland GmbH zum Thema Bildung schreiben? Und was ist Bildungspanik? Die Panik, die einen Gebildeten erfaßt, wenn er die heutige Bildungslandschaft betrachtet? Oder die Panik, die jemanden befällt, dem der Verdacht kommt, ihm mangle es an Bildung und das könnte dazu führen, daß er mit einem geringen Einkommen vorlieb nehmen muß? Wäre das, was ihm dann an Geld fehlt, wenn er es hätte, die Bildungsrendite? Und was ist eine Bildungsunternehmung? Wenn ich es unternehme, dem Enkel ein Bildungspaket zu schicken – ist das eine solche Unternehmung? Oder sind Schulen gemeint? Oder diese nur dann, denn sie zugleich Bildungsunternehmen sind, also gewinnorientierte Privatschulen?
Auffällig ist, daß in allen diesen Wörtern „Bildung“ vorne steht. Wörter, in denen es umgekehrt ist – wie in „Herzensbildung“ – kommen in dem Artikel kein einziges Mal vor. Können Sie sich das erklären?