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Freitag, 9. Dezember 2011

Erwartungshaltung bewahren!

„Die Arbeitsgruppen werden von erfahrenen Moderatoren geleitet, die den Jugendlichen zugleich beratend zur Seite stehen. Am Ende der Diskussion wird ein Papier entstehen, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeder Arbeitsgruppe ihre Erwartungshaltung an Deutschlands Zukunft in drei bis vier Thesen formulieren.“[1]
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, denen die Moderatoren zugleich damit, daß sie erfahren sind, beratend zur Seite stehen, sind Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Ich gehe jede Wette ein, daß die Moderatoren es nicht schaffen werden, sie dazu zu bringen, ihre Erwartungshaltung zu formulieren, sondern daß die Knaben und Mädchen etwas völlig anderes tun werden: Sie formulieren ihre Erwartungen.
Nebenbei: Ein Problem, das die Anhänger des politisch korrekten Sprechens bald in eine tiefe Krise stürzen wird, ist, daß sich „Gymnasiastinnen und Gymnasiasten“ nicht nach dem Muster der „Studierenden“[2] in einem Wort zusammenfassen läßt. Oder hat jemand eine Idee? Es muß ja nicht richtig sein. „Studierende“ ist ja auch falsch.

Mittwoch, 23. November 2011

Katholischer Orden für „Studierende“

Der Hamburger Linguist A. Stefanowitsch hat mittels Google-Books herausgefunden, daß man im 19. Jahrhundert „Studierender“ häufig in der Bedeutung von „Student“ benutzt hat und daß dieser Brauch im 20. Jahrhundert wieder verschwunden ist.[1] Weil das so ist, meint er, sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen für die Verwendung von „Studierende“ in diesem Sinn[2], zu der er sich aus politischen Gründen verpflichtet glaubt.
Ein Leser seines Blogs hat – unter dem Pseudonym „Studierendenfutter“ – auf einen zustimmenden Kommentar, nämlich
„Daß das Wort ‚Studierenende(r)’ relativ alt ist, ist sicherlich ein treffendes Argument gegen die verfehlte Annahme, ‚Studierender’ könne nur denjenigen bezeichnen, der gerade in diesem Augenblick ‚am studieren’ ist.“
so geantwortet:
„nö, es nur ein beleg dafür, dass auch anno tobak bereits unsinn geredet wurde“ – eine einfache Wahrheit, die Herrn Stefanowitsch und seinen Anhängern offenbar verschlossen ist. Einen gerade nicht trinkenden Trinker einen Trinkenden zu nennen bleibt Unsinn, auch wenn sich herausstellen sollte, daß das im 18. Jahrhundert bereits getan wurde; nur durch lange Gewohnheit kann ein Fehler es dazu bringen, keiner mehr zu sein, wie im Falle der „Lehrenden und Lernenden“.
Der Blog-Leser Helmut Wicht hat von einem „antiquarischen Fehlschluss“ gesprochen. Ich möchte statt dessen die Bezeichnung „katholischer Fehlschluß“ vorschlagen. Die römisch-katholische Kirche lag im Mittelalter jahrhundertelang im Streit mit den Ostkirchen; meist ging es darum, wie es sich theologisch begründen läßt, daß der Papst wichtiger ist der Patriarch von Konstantinopel oder andere Patriarchen. Das entscheidende Argument war immer, daß irgendeine Meinung bereits früher schon dagewesen ist; gewonnen hatte, wer nachweisen konnte, daß die seine sich in einem älteren Schriftstück finden läßt als die des Gegners. So ließ sich mehr oder weniger jeder beliebige Stuß rechtfertigen.
Die katholische Kirche sollte Herrn Stefanowitsch für die Wiederbelebung dieser Methode eine Auszeichnung verleihen. Die haben da recht hübsche. Der bekannte Germanist und Wissenschaftsfunktionär Prof. Frühwald bekam, so hörte ich, für seine Verdienste als Beiratsvorsitzender des Cusanuswerks einen Orden, der ihm das Privileg verleiht, hoch zu Roß in den Vatikan einzuziehen. Herr Stefanowitsch sollte, falls er es nicht schon kann, reiten lernen.

Montag, 24. Oktober 2011

Deutschnähe pur

Man bemüht sich neuerdings ja sehr darum, daß die „Migranten“ sich in die deutsche Leitkultur integrieren. Wenn sie aber dann integriert und damit der Unterschicht entstiegen sind und Studenten werden und dann auf http://www.ism.de/de/news_ss09.php ihrer International School of Management in Dortmund lesen:
„Praxisnähe pur. Reale Unternehmensprobleme lösen, Bewerbungsgespräche auf dem eigenen Campus führen und wertvolle Firmenkontakte knüpfen – diese Chance bot sich den ISM-Studierenden beim 2. Workshop & Recruiting Day am 15.05.09. Organisiert wurde der Tag vom Team des Career Centers“
– wenn sie das also lesen und man sie dann, als letzte Prüfung des Gelingens der Integrationsbemühungen, fragt, was das denn für eine Sprache sei, dann werden sie vielleicht nicht gleich antworten können. Nicht nur wegen der amerikanischen Wörter, sondern auch und vor allem wegen „Praxisnähe pur“ und „Studierenden“ werden sie wohl ins Grübeln kommen. 

Sonntag, 28. August 2011

Stuzubi


Herr G. H. aus München teilt mir mit, daß er eben im Radio das Wort Stuzubi gehört hat. Es sei eine Mischung aus "Student" und "Auszubildendem". Und Stuzubis gebe es tatsächlich, in sogenannten dualen Studiengängen.
Das löst das Problem mit den "Studierenden", das uns seit einiger Zeit heftig plagt[1]. Man kann ja heutige Studenten nicht mehr Studenten nennen, ohne den Sinn dieses Wortes grob zu verfälschen. Bei den sogenannten BWL-Studenten war’s von Anfang an klar: Das ist nichts als ein neues Wort für Kaufmannslehrlinge. Aber inzwischen hat man in wohl allen Fächern den Charakter dessen, worum es in dem geht, was man immer noch Studium  nennt, so verändert, daß man um eine angemessene neue Benennung nicht mehr herumkommt. Es ist Lehrlingsausbildung, was da geschieht. Aus sentimentalen Gründen sollte man das Wort Student aber nicht einfach verschwinden lassen, darum: Stuzubi, nicht nur in dualen Studiengängen, sondern flächendeckend.


Montag, 23. Mai 2011

Absturz einer Spitzen-Universität

„Die Einschreibung muss durch eine persönliche Anwesenheit beim ersten Veranstaltungstermin bestätigt werden. Der Studierendenausweis bzw. Beschäftigtenausweis ist erforderlich.“ Das verlangt die Universität Tübingen.[1]
Hätte man sich „eine“ nicht sparen können? Und „persönliche“ auch? Ich glaube nicht, daß eine nennenswerte Anzahl von Studenten auf den Gedanken gekommen wäre, gedankliche oder rein leibliche, also nicht persönliche Anwesenheit sei ausreichend, wenn da nur „Anwesenheit“ gestanden hätte.
Das also ärgerte mich. In süße Tagträume wiegt mich dagegen die Vorstellung, die Universität Tübingen habe trotz beachtlicher Leistungen, ja ungeachtet der über Jahrhunderte anhaltenden Top-Exzellenz den Status einer Eliteuniversität deshalb nicht erhalten, weil sie den Studentenausweis durch den Studierendenausweis ersetzt hat.[2]