Ein genderpolitisches Ereignis ersten Ranges hat sich im deutschsprachigen Ausland zugetragen. Die demokratisch-feministische Fraktion der Sprachbürokraten wird jubeln.[1] Helmut Schürmann hat es im Tagesspiegel kommentiert:
Hier finden Sie in loser, wenn's gut geht rascher Folge Kommentare zu Vorboten der allgemeinen zerebralen Zerbröselung und des ihr auf dem Fuße folgenden Weltuntergangs sowie zum Thema „Deutschland schafft sich ab“.
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Sonntag, 11. Dezember 2011
Freitag, 9. Dezember 2011
Erwartungshaltung bewahren!
„Die Arbeitsgruppen werden von erfahrenen Moderatoren geleitet, die den Jugendlichen zugleich beratend zur Seite stehen. Am Ende der Diskussion wird ein Papier entstehen, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeder Arbeitsgruppe ihre Erwartungshaltung an Deutschlands Zukunft in drei bis vier Thesen formulieren.“[1]
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, denen die Moderatoren zugleich damit, daß sie erfahren sind, beratend zur Seite stehen, sind Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Ich gehe jede Wette ein, daß die Moderatoren es nicht schaffen werden, sie dazu zu bringen, ihre Erwartungshaltung zu formulieren, sondern daß die Knaben und Mädchen etwas völlig anderes tun werden: Sie formulieren ihre Erwartungen.
Nebenbei: Ein Problem, das die Anhänger des politisch korrekten Sprechens bald in eine tiefe Krise stürzen wird, ist, daß sich „Gymnasiastinnen und Gymnasiasten“ nicht nach dem Muster der „Studierenden“[2] in einem Wort zusammenfassen läßt. Oder hat jemand eine Idee? Es muß ja nicht richtig sein. „Studierende“ ist ja auch falsch.
[1] Jugendparlament „Zukunftswerkstatt deutsche Einheit“ http://www.landtag.sachsen-anhalt.de/index.php?id=30
Montag, 19. September 2011
Muslima
Die weibliche Form von Moslem oder Muslim ist Moslemin oder Muslimin, jedenfalls wenn es nach den Regeln der deutschen Sprache ginge. Wer mag bloß die Muslima erfunden haben? Claudia Roth vielleicht? Und warum? Ich glaube es zu erraten, ohne es doch zu verstehen. Wer Muslima sagt, sagt auch Indigena – da, wo man vorher Indianerin sagte. Auf mysteriöse Weise reiht man sich damit ein in die Front der Kämpfer gegen die political incorrectness und den Eurozentrismus, denn die Europäer haben ja „Indianer“ erfunden. Daß „Indigena“ ein Fremdwort (europäischen Ursprungs) für das ganz und gar unkorrekte „Eingeborene“ ist, stört merkwürdigerweise wenig.
Ähnlich geht’s den australischen Eingeborenen. Keiner sagt das mehr. Widerfährt es einem, ist's ihm fast so unbehaglich, als ob ihm „Neger“ oder „Zigeuner“ über die Lippen gerutscht wäre. Er könnte ja auch Ureinwohner sagen, klingt vielleicht nicht ganz so verboten, aber er übersetzt die Eingeborenen lieber in die Sprache derer, die sie auszurotten versucht haben, sagt also Aborigines, und schon weiß er sich auf der Seite der Guten.
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Mittwoch, 7. September 2011
Witwerinnen
Die Freunde politisch korrekter, insbesondere genderbewußter (heißt das so?) Sprache haben, so scheint's, eine starke Verbündete bekommen:
„Witwerinnen. Solches sprach in der Kombination 'Witwer und Witwerinnen' die Qualitätsjournalistin Brigitte Büscher in der gestrigen Ausgabe von 'Hart aber fair'. Und zwar mehr als einmal.“ [1]
„Witwerinnen. Solches sprach in der Kombination 'Witwer und Witwerinnen' die Qualitätsjournalistin Brigitte Büscher in der gestrigen Ausgabe von 'Hart aber fair'. Und zwar mehr als einmal.“ [1]
Studierende und Vorsitzende
Der Hamburger Liguistikprofessor A. Stefanowitsch hat allen Ernstes den modischen Gebrauch von „Studierender“ verteidigt.[1] Er meint, es gebe ja auch den Vorsitzenden, und man verstehe ja, was mit „Studierender“ gemeint ist – also was die Politkorrektler damit meinen –, das reiche schon. Er ist offenbar mit etlichen anderen Linguisten der Meinung, daß man statt „die Polizei hat den Täter gefaßt“ auch schreiben darf „die Polizei hat den Tuenden gefaßt“. Verstanden wird das sicher auch, und man tut ja nichts anderes als im Falle des Vorsitzenden, und wer möchte bezweifeln, daß „Vorsitzender“ richtig ist?
„Das Partizip 1 ist eine Verlaufsform, man drückt mit ihm aus, daß etwas gerade jetzt passiert. Man kann mit ihm nicht einen Dauerzustand bezeichnen und auch nicht z. B. einen durch eine typische Tätigkeit charakterisierten Beruf.“ Das habe ich vor einiger Zeit in diesem Blog (siehe Kunstmalende) geschrieben. Diese Regel, meint Stefanowitsch, gilt nicht mehr, wenn es eine Ausnahme gibt. – Es gibt nicht nur diese Ausnahme, sondern einige, wenn auch nur wenige mehr, z. B. „Lehrende und Lernende“. Aber das ist eben das Wesen von Regeln: Sie kennen Ausnahmen, das unterscheidet sie von Gesetzen. Eine Ausnahme muß sich eigens rechtfertigen lassen, kann man das nicht, ist die Regel anzuwenden. Die genannte gilt in beliebig vielen Fällen bzw. sie gilt für so viele Wörter, wie es Verben gibt; für jedes beliebige Verb gilt, daß das Partizip 1 eine Verlaufsform ist. Die wenigen Ausnahmen sind, vermute ich, alle auf dem Weg über fehlerhafte Verwendung (in Sondersprachen, wo bekanntlich jeder Unsinn möglich ist, im Falle von „Vorsitzender“ und „Alleinerziehender“ in der Amtssprache) entstanden, bis irgendwann durch lange Gewohnheit der Fehler nicht mehr bemerkt wurde. „Studierende“ ist auch in einer Sondersprache entstanden, im Jargon von Politkorrektlern, also derer, die davon träumen und es sicher bald in Angriff nehmen, das lästige „Täterinnen und Täter“, zu dem sie sich gendermäßig oder wie das heißt verpflichtet sehen, durch „Tuende“ zu ersetzen. – Sicher wird auch bei „Studierende“ der Fehler eines Tages nicht mehr bemerkt werden, denn die genderbewußten Sprachreiniger sind eine Macht. Aber so lange es noch jemanden gibt, der ihn bemerkt, bleibt er ein Fehler.
Ich glaube durchaus, daß man von den Linguisten allerlei wichtige Dinge lernen kann, aber wenn es darum geht, was richtiges Sprechen ist, dann fragt man doch besser einen Deutschlehrer oder einfach jemanden, der deutsch kann.
Samstag, 23. Juli 2011
Negerprinzessin
Der Linguist A. Stefanowitsch mochte seiner Tochter „Negerprinzessin“, „Negerkönig“ und „Negerkinder“ in Pippi Langstrumpf nicht zumuten oder sich eine komplizierte Diskussion ersparen und hat eine eigene Übersetzung – wie er es nennt – gemacht[1]: Südseeprinzessin, Inselkönig und Inselkinder sind daraus geworden. „Schwarze“ hat er vermieden, wohl ahnend, daß man mit diesem unter schlichten Geistern als politisch korrekt geltenden Wort den Fangstricken des Rassismus nicht ganz entkommen ist.
„Ich habe“, schreibt er, „das Deutsch der Übersetzerin Cäcile Heinig aus den 1950ern in das Deutsch des 21. Jahrhunderts übersetzt.“
So rechtfertigt er sein Eingreifen:
„Wenn das Zensur ist, dann ist jede Übersetzung, jede Nacherzählung und jede Adaption Zensur. Die Idee, dass literarische Texte unantastbar und unveränderlich sein müssen, ist eine Fiktion, die mit der jahrtausendealten Tradition des Geschichtenerzählens nichts zu tun hat. Eine Geschichte, die sich nicht mit der Sprachgemeinschaft wandeln kann, in der sie erzählt wird, ist irgendwann nur noch toter Text.“
Ob es Zensur ist, wollen wir mal dahingestellt lassen. Aber eine Übersetzung ist es nicht. Er darf’s ja machen, aber er darf nicht behaupten, daß es sich um das Buch von Astrid Lindgren handelt. Brecht hat seinen eigenen Namen über die Dreigroschenoper gesetzt, nicht den des Autors der Beggar’s Opera. Eine Übersetzung teilt mir in meiner Sprache mit, was jemand in einer anderen gesagt hat, nicht das, was der Übersetzer meint, daß er hätte sagen sollen. Wer eine „Bibel in gerechter Sprache“ schreibt, schreibt eine neue Bibel, er übersetzt nicht die Bibel. Denn deren Autoren waren an Gerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter überhaupt nicht interessiert.
Einen literarischen Text vorlesen ist etwas ganz anderes als Geschichten erzählen. Aus einer Geschichte kann man immer wieder neue Geschichten machen. Goethe und Wagner haben Faust und Nibelungenlied nicht übersetzt, sondern sie haben sie als Stoff genommen und zu einem eigenen Werk verarbeitet. Und ein Text von Shakespeare ist keineswegs tot, wenn er sich nicht mit der Sprachgemeinschaft wandelt: Er erhält sein Leben dadurch, daß er immer wieder neu, unter den Perspektiven der jeweils neuen Zeit, interpretiert wird, und zwar daß das, was Shakespeare geschrieben hat, interpretiert wird. Er lebt nicht dadurch, daß man „King Lear“ mit „Ministerpräsident Lear“ übersetzt, weil ja im heutigen Deutsch unter einem König eher eine komische Figur der Glamourwelt verstanden wird und nicht ein politisch mächtiger Mensch und es so dem Leser leichter fällt, das Richtige zu assoziieren.
Doch wenn schon, dann konsequent. „Neger“ ist weg, aber „Prinzessin“? Ist es denn politisch korrekt, Kindern derartige mit dem Gedanken der Demokratie und einer republikanischen Staatsform ganz unvereinbare, ja moralisch höchst verwerfliche Träume in den Kopf zu setzen? Und wenn es schon egal ist, ob man mit der „Übersetzung“ einem Autor Ansichten unterstellt, die er ganz und gar nicht gehabt hat – in unserem Fall einer für ihre Zeit sehr gemäßigten Rassistin, aber doch eben einer Rassistin –, dann sollte man dabei nicht stehen bleiben und das Projekt einer von jedem Antisemitismus gereinigten Übersetzung von Mein Kampf ins Auge fassen; Wörter wie „Arier“ waren im Deutsch der Vorkriegszeit üblich, aber nicht im heutigen, das muß doch als Begründung reichen.
Montag, 20. Juni 2011
Kopfwirtschaft
„Knowledge Work, zu deutsch Wissens- oder Kopfarbeit, findet sich vor allem in denjenigen Berufen, welche ein hohes Mass an Know-how und Ausbildung erfordern und durch neuartige, komplexe und nicht routinemässig lösbare Probleme gekennzeichnet sind. ... Derartige Berufe, wie etwa Informatiker, Ingenieur, Manager oder Rechtsanwalt erfordern eine konsequente Bewirtschaftung des eigenen Wissens:“[1]
Es ist ja sehr freundlich vom Autor, uns "Knowledge Work" zu übersetzen. Aber man wundert sich, wieso da nicht erst der deutsche Begriff steht und dahinter in Klammern die englische Übersetzung, wie man es bisher ja immer gehalten hat. Wie das wohl kommt? Die üblichen Minderwertigkeitskomplexe des Provinzlers? Oder erinnert sich da einer daran, daß die Nazis gern die Arbeiter in solche der Faust und solche des Kopfes einteilten, und darum sagt er Knowledge Work, so wie seine Jargongenossen statt Arbeitslager Working-Camp und statt Führer Guide oder, je nach dem, Leader sagen[2], damit sie ja nicht in Verdacht geraten? Denn was man sonst tun könnte, um ihm zu entkommen, dazu fällt ihnen leider wenig ein.
Im Übrigen: Ich sehe nun, daß ich nie ein Arbeiter des Kopfes gewesen bin. Nie ist es mir in denselben gekommen, meine eigene Knowledge konsequent zu bewirtschaften.
[2] Dem Geist der Zeit würde es ja auch entsprechen, Führender (siehe Studierende und Kunstmalende) zu sagen, doch hat man das rätselhafterweise bisher nicht gehört.
Montag, 23. Mai 2011
Absturz einer Spitzen-Universität
„Die Einschreibung muss durch eine persönliche Anwesenheit beim ersten Veranstaltungstermin bestätigt werden. Der Studierendenausweis bzw. Beschäftigtenausweis ist erforderlich.“ Das verlangt die Universität Tübingen.[1]
Hätte man sich „eine“ nicht sparen können? Und „persönliche“ auch? Ich glaube nicht, daß eine nennenswerte Anzahl von Studenten auf den Gedanken gekommen wäre, gedankliche oder rein leibliche, also nicht persönliche Anwesenheit sei ausreichend, wenn da nur „Anwesenheit“ gestanden hätte.
Das also ärgerte mich. In süße Tagträume wiegt mich dagegen die Vorstellung, die Universität Tübingen habe trotz beachtlicher Leistungen, ja ungeachtet der über Jahrhunderte anhaltenden Top-Exzellenz den Status einer Eliteuniversität deshalb nicht erhalten, weil sie den Studentenausweis durch den Studierendenausweis ersetzt hat.[2]
Samstag, 16. April 2011
Gender Mainstreaming
„Gender Mainstreaming, Diversity Management und Work Life Balance sind Konzepte, die aus dem englischsprachigen, bzw. internationalen Gebrauch bei uns übernommen wurden. Damit haben sich die Begriffe, wie es für viele Bereiche des Marketing und Managements üblich ist, auch bei uns eingebürgert. Um entsprechende deutsche Übersetzungen zu bieten ist meist eine viel umständlichere Formulierung nötig (z.B. ‚Geschlechtergerechtigkeit in alle Entscheidungen einfließen lassen’ statt ‚Gender Mainstreaming’) als dies die etablierten englischen Begriffe ermöglichen.“ Das findet man auf einer Internetseite der über die Grenzen Bayerns hinaus bekannten Eliteuniversität TU München.[1]
Das, wollen sie uns einreden, sei der Grund dafür, daß man es unterläßt, deutsche oder sogar „entsprechende“ deutsche Übersetzungen zu „bieten“. Natürlich ist der Grund ein ganz anderer. Sie schämen sich halt, Provinzler zu sein und wollen wenigstens weltmännisch (das Gender Mainstreaming läßt mich’s nur mit pochendem Gewissen hinschreiben) wirken,[2] wenn sie es schon nicht sein können. Der Beweis? Wäre es so, wie sie behaupten, dann würden sie ja eifrig nach Sprachen suchen, mittels derer die lästige Umständlichkeit noch weit wirksamer bekämpft werden könnte als mit der englischen. Unter den sinotibetischen wird es sicher eine geben, in der man statt Gender Mainstreaming vielleicht Hu wu oder nur Hu oder etwas ähnlich Platzsparendes schreiben kann.
[1] „Frequently Asked Questions (FAQ) 1. Allgemeine Fragen“ einer Seite namens „Gender Studies in Ingenieurwissenschaften“ der TU München (http://www.gender.edu.tum.de/faq.html).
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