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Montag, 19. Dezember 2011

Kolorado


Da sagte eben einer im Radio „Kolorado“. „Kolorado“, nicht „Kolorëiidou“, wie die Deutschen doch seit einigen Jahren das spanische Wort Colorado meinen aussprechen zu müssen, jedenfalls die typischen Deutschen.
Man vermutet einen letzten Funken des Widerstands gegen die Amerikanisierung des Deutschen, einen Funken, aus dem vielleicht ein Feuer, ja der berühmte Flächenbrand entstehen könnte. Aber in Wirklichkeit ist es nur weiterer Schritt auf dem Weg der Amerikanisierung: Die Amerikaner sprechen fremdsprachige Wörter ja immer so aus, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das hat man, nach langen Jahren des Irrens, begriffen und will es ihnen nun gleichtun.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Dienstag, 27. September 2011

Schuldienstverweigerer

„Der Minderleister (engl.: Underachiever, von: to achieve, zu dt.: ‚etwas zustande bringen’, ‚ein Ziel erreichen’) oder Leistungsverweigerer bezeichnet eine Person (wie z. B. Schüler), welche in ihren Leistungen (z. B. Schulnoten) unter ihren Möglichkeiten bleibt. Sie erbringt also Minderleistungen im Vergleich zu dem, was aufgrund ihres kognitiven Leistungsvermögens zu erwarten wäre. Im Gegensatz dazu stehen die ‚Überleister’“.[1]
Der Minderleister bezeichnet nicht eine Person, sondern der Wikipedia-Autor bezeichnet eine Person als Minderleister. „Wie z. B. Schüler“ ist doppelt gemoppelt, das „wie“ kann weg, und es muß einen Schüler heißen. Schulnoten sind keine Leistungen und also auch kein Beispiel für Leistungen, sondern man bekommt sie für Leistungen. Ob man den Wikipedia-Autor wegen dieser beiden Sätze einen Leistungsverweigerer nennen muß, weiß ich nicht. Es könnte ja auch sein, daß die obige Leistung aufgrund seines kognitiven Leistungsvermögens zu erwarten gewesen wäre.
Ich weiß auch nicht, ob einer, der im Fach Sport schlechte Noten bekommt, weil seine Leistungen verweigerungsbedingt schlechter sind als die, die zwar nicht aufgrund seines kognitiven, aber doch seines körperlichen Leistungsvermögens zu erwarten wären, anders als es die Definition vorschreibt nicht auch Leistungsverweigerer genannt werden könnte.
Leistungsverweigerer ist immerhin ein deutsches Wort, Minderleister dagegen nicht, und Überleister auch nicht. Letzteres, aber seltsamerweise nur letzteres, hat der Autor selbst gemerkt und hat Überleister darum in Anführungszeichen gesetzt. Trotzdem kann man nicht einfach Leistungsverweigerer schreiben in all den Fällen, in denen unsere Bildungsminister, Abgeordneten, Schulbürokraten und Pädagogikprofessoren – hoffentlich nicht auch die Lehrer – das tun. Wer schlechtere Noten hat, als es aufgrund seines kognitiven Leistungsvermögens zu erwarten wäre, muß kein Verweigerer sein; vielleicht war er einfach nur müde. Underachiever trifft die Sache eher. Es hat aber den Nachteil, daß es, wie die meisten in deutsche Sätze eingebauten englischen Wörter (nicht die Lehnwörter englischer Herkunft, aber zu denen gehört underachiever ja nicht) die Minderwertigkeitskomplexe dessen, der dieses Wort benutzt, in ein grelles Licht rückt statt sie gnädig zu verhüllen. Man kommt wohl nicht darum herum, das Gemeinte mit ein paar Wörtern mehr auszudrücken. In den meisten der Fälle, in denen Leistungsverweigerer paßt, kann man allerdings – und sollte es auch, weil es viel schöner ist – wie früher das Wort Faulpelz verwenden.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Welten über Welten

„Ob Teambuilding, Kick off oder Coaching - in unseren Meetings & Events Parks in Deutschland, den Niederlanden und Belgien erwartet Teams ab 12 Personen das außergewöhnliche Erlebnis in einer einzigartigen All-In-One Welt - zu jeder Jahreszeit!“[1]
Völlig verloren stehe ich da in der Jetztzeit. (Oder sagt man Echtzeit? Oder ist das etwas ganz anderes? Man kommt nicht mehr mit mit dem Lauf der Zeit. Ich meine jedenfalls die Zeit, die wir gerade haben, im Unterschied z. B. zur Zeit vor 30 oder 40 Jahren.) Mein Wörterbuch konnte mir keine Bedeutung der amerikanischen Wörter in diesem Satz mitteilen, die ihn mir verständlich gemacht hätte. Allenfalls bei Meetings und Events half das Nachblättern ein wenig, doch was Meetings & Events Parks sein sollen, weiß ich damit immer noch nicht; ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß diese Paddeltouren-Firma in drei Ländern Parks besitzt. Vermutlich hat „Park“ in der Annonce eine mir nicht bekannte Bedeutung. Kein Wunder, die Zahl der Bedeutungen geht ja neuerdings ins Unendliche. Schon daß man sowohl den Stadtpark als auch den Gewerbepark Park nennt, überfordert ein Normalgehirn wie das meine. Aber es gibt auch noch den Konzeptpark und den KarrierePark, den – soll man’s glauben? – Betroffenheitspark, den biblischen Sinnpark und natürlich den Gender-Park.
Vor allem aber würde mich interessieren, was eine „All-In-One Welt“ sein soll. Auch wenn man einen weiteren Bindestrich einsetzt, damit die vier Wörter zusammen überhaupt etwas bedeuten können – was bedeuten sie denn? Eine Alles-in-Einem-Welt? Das ist die Welt doch sowieso. In der Welt, und nur in ihr, ist alles drin, also alles in einem, eben in der einen Welt. Und in der Welt bin ich unvermeidlich immer. Da muß ich nicht extra nach Belgien fahren.
Welt ade, ich bin dein müde (Johann Georg Albini, 1668).



[1] http://www.eventplaner.net/index.htm?frame=sg_Incentives_RegionaleIncentives.htm

Donnerstag, 23. Juni 2011

Polen und Hexen

Ich hab’ nichts gegen die Aufnahme fremdsprachiger Wörter ins Deutsche, wirklich gar nichts. Wo wären wir heute ohne Fenster und Krokodil, ohne Joghurt und Sauna, Wörter, die aus dem Lateinischen, Griechischen, Türkischen und Finnischen stammen? Wir wüßten ja gar nicht, wie wir zu diesen Dingen sagen sollen. Aber eine Bitte hätte ich doch: Es sollte etwas langsamer gehen, nur so schnell, daß ich mit dem Sprachwandel mitkomme. Das erste Auftreten eines Neuworts müßte ein solches Ereignis sein, daß alle darüber reden und es monatelang keiner benutzt, ohne eine Erklärung beizufügen. Aber so ist es leider nicht.
„Qualifying: Vettel auf der Pole“. Das steht auf der GMX-Eingangsseite.[1]
Bei Qualifying kann ich mir etwas denken: Es wird wohl Qualifizierung heißen oder etwas ähnliches. Aber Vettel auf der Pole? Ist das „auf“ aus Versehen hineingerutscht? Also Vettel der Pole? Nicht abwegig. Ich weiß zufällig, obwohl ich für diese Sportart nicht das geringste Interesse verspüre, daß Vettel ein Autorennfahrer ist; unsere Sporttitanen (Dittsche) sind ja oft polnischer Herkunft. Oder ist’s ein anderer Tippfehler: Vettel auf der Polin? Aber er muß nicht gemeint sein. Vielleicht ist ja nicht nur Qualifying, sondern auch Pole ein englisches Wort. Es bedeutet Pfahl oder Stange, und wenn nun Vettel nicht der Vettel, sondern die Vettel – nach Wikipedia  eine „unzüchtige Frau mit hexenhaftem Aussehen“ – ist und man schließlich bedenkt, daß Hexe nach manchen Autoren von hagazussa kommt, das ist „die, die auf dem Zaun sitzt“,  dann hätten wir eine weitere Deutungsmöglichkeit. Also, bittschön: langsamer, und immer schön erklären, ich komme sonst ganz durcheinander.



[1] 12. Juni 2011

Dienstag, 21. Juni 2011

Yodelling für Sarrazin


„Montee - Ihr Partner für Teambuilding, Outdoor Events, Offroad Incentive, Hovercraft Training in Deutschland - Bayern, Österreich - Salzburg Wien Tirol. Event Agentur für Betriebsausflug, Team Building, Rafting, Skidoo, Snowmobile, Quad Bike, Ritterspiele.“[1]
Immerhin kann man in Bayern, Salzburg, Wien und Tirol im Urlaub noch zwei Dinge tun, die eine deutsche Bezeichnung haben: Ritterspiele und Betriebsausflüge. Was man wohl sagen muß, wenn man bei einem Outdoor Event Hunger und Durst bekommt? Wird die Kellnerin in der Waldschänke (wie man eine solche heute wohl zu nennen hat?) Wörter wie „Bockwurst“ und „Bier“ verstehen?
Ich sag’s ja: Sarrazin hat mehr als recht; nicht nur Deutschland, auch Österreich schafft sich ab. Die Sprache ist schon so gut wie abgeschafft, nur – da irrt er ein kleines bißchen – nicht zugunsten von Türkisch und Arabisch.

Montag, 20. Juni 2011

Kopfwirtschaft

„Knowledge Work, zu deutsch Wissens- oder Kopfarbeit, findet sich vor allem in denjenigen Berufen, welche ein hohes Mass an Know-how und Ausbildung erfordern und durch neuartige, komplexe und nicht routinemässig lösbare Probleme gekennzeichnet sind. ... Derartige Berufe, wie etwa Informatiker, Ingenieur, Manager oder Rechtsanwalt erfordern eine konsequente Bewirtschaftung des eigenen Wissens:“[1]


Es ist ja sehr freundlich vom Autor, uns "Knowledge Work" zu übersetzen. Aber man wundert sich, wieso da nicht erst der deutsche Begriff steht und dahinter in Klammern die englische Übersetzung, wie man es bisher ja immer gehalten hat. Wie das wohl kommt? Die üblichen Minderwertigkeitskomplexe des Provinzlers? Oder erinnert sich da einer daran, daß die Nazis gern die Arbeiter in solche der Faust und solche des Kopfes einteilten, und darum sagt er Knowledge Work, so wie seine Jargongenossen statt Arbeitslager Working-Camp und statt Führer Guide oder, je nach dem, Leader sagen[2], damit sie ja nicht in Verdacht geraten? Denn was man sonst tun könnte, um ihm zu entkommen, dazu fällt ihnen leider wenig ein.
Im Übrigen: Ich sehe nun, daß ich nie ein Arbeiter des Kopfes gewesen bin. Nie ist es mir in denselben gekommen, meine eigene Knowledge konsequent zu bewirtschaften.




[2] Dem Geist der Zeit würde es ja auch entsprechen, Führender (siehe Studierende und Kunstmalende) zu sagen, doch hat man das rätselhafterweise bisher nicht gehört.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Das letzte Tabu

„Das Team von VITAL-SUITES wünscht Dir viel Erfolg auf Deinem Weg und möchte Dich mit all seiner Kraft in diesem Portal dabei unterstützen. Keine Taboos ... das ist eines unserer wichtigen Ziele!“ [1]
Ein alltäglicher Vorgang. Sicher werden täglich Dutzende von deutschen Wörtern frisch amerikanisiert und in der Regel ist das der Beginn eines Siegeszugs. Und dennoch, ich weiß nicht warum: „Taboo“ scheint mir etwas Besonderes zu sein. Ein Tabubruch ist geschehen, eine Art von Wörtern, bisher von einem Zauber behütet, ist nun schutzlos geworden. Welche es wohl treffen mag? Wird man bald statt „ich gehe nach Hause“ „ich gehe nach House“ schreiben?



Hierzu gibt es eine ausführliche Diskussion unter http://sprachlog.posterous.com/taboobruche







Dienstag, 7. Juni 2011

Taliban in Bayern

Am 3. Mai 2010 ereignete sich Erstaunliches. In den Nachrichten des Bayerischen Rundfunks ging es um die Ölpest im Golf von Mexiko vor der US-Küste, und der Sprecher sagte „Lusianna“, einfach „Lusianna“, nicht „Luusiännä“. Kurz vorher noch dachte ich, es sei so weit, ein Naturgesetz zu formulieren: Immer dann, wenn in einer englischsprachigen Gegend, deren Namen die Deutschen bisher deutsch – d. h. so wie sie ihn lesen – ausgesprochen hatten, etwas passiert, über das in den Nachrichten berichtet wird, ist es damit vorbei. Arizona hieß ganz selbstverständlich Arizona, bis dort etwas von einigem Informationswert passiert ist, was, weiß ich nicht mehr, und von da an hieß es „Ärrisouna“. Arkansas hieß Arkansas, so wie es dasteht, aber von dem Moment an, als erstmals darüber etwas in Funk und Fernsehen kam, weil Bill Clinton aus diesem Staat stammt, verrenkte sich ganz Deutschland den Kiefer, um „Ookonsoo“, mit offenem „o“, herauszubringen, während kein Ereignis, nicht einmal die Wahl von Angela Merkel, die Amerikaner dazu bringen konnte, „Börlin“ durch „Berlin“ zu ersetzen. Und nun: Lusianna. Was ist im Bayerischen Rundfunk los? Ein Rebell? Ein getarnter Fundamentalist? Der Beginn einer bayerischen, vielleicht sogar deutschen Taliban-Bewegung? Der Verfassungsschutz sollte ein Auge darauf werfen.
Kürzlich saß ich – auffälligerweise in Bayern – neben einem in der Eisenbahn, der etwa eine halbe Stunde lang telefonierte. Es ging um Geschäftliches und um Computer oder um Computergeschäfte. Er sprach ein merkwürdiges Gemisch aus Englisch, Fränkisch und Hochdeutsch, etwa zu gleichen Teilen. Dann aber, kurz bevor wir in den Münchener Hauptbahnhof einfuhren, sagte er: Lokation, mehrmals, in verschiedenen Sätzen und deutlich vernehmbar: Lokation, nicht etwa Lokäischönn, wie man es von so einem erwartet. Der Sturm wird wohl bald losbrechen.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Die Universität als Erziehungsanstalt


„Damit steht einer Erweiterung der deutschen Regelung auf den außerschulischen Bereich, insbesondere auf die universitäre Erziehung und auf Telelernen nichts im Wege.“[1]
Da hat man wieder einmal zu flott aus dem Amerikanischen übersetzt. Eine Universität, anders als eine university, hat ihr Wesen darin, daß Erziehung nicht stattfindet. Vielmehr wird in jener, anders als in dieser, vorausgesetzt, daß sie schon stattgefunden hat. Education kann man mit Erziehung übersetzen, wenn es um amerikanische Universitäten, nicht aber, wenn es um deutsche geht, auch wenn es „universitäre Erziehung“ hier ebenfalls schon gegeben hat: vor Humboldt, in der Zeit des Nationalsozialismus und in der DDR. Aber ein deutscher Student wird sich, hoffentlich, bedanken, wenn ein Professor sich als sein Erzieher aufspielen will. Zumindest noch; lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis die Barriere zusammenbricht. Es soll auch in Deutschland schon ab und zu vorkommen, daß Studenten zur Abschlußfeier Roben anziehen, alberne schwarze Hütchen aufsetzten und Mami und Papi (wenn die jetzigen Erstsemester so weit sind: Mom und Dad) mitbringen.

Dienstag, 10. Mai 2011

Das große Gehowle


Unter dem Titel „Howl – das Geheul“ läuft eben ein amerikanischer Film über Allen Ginsberg bei uns an. Solche zweisprachigen Titel haben seit einigen Jahren viele Filme, allerdings nur, wenn die Originalsprache Englisch ist. Der Grund kann also nicht sein, durch gleichzeitiges Verwenden der Originalsprache gewisse Feinheiten erhalten zu wollen, die in der Übersetzung verlorengingen, sonst müßte es ja auch russisch-deutsche Titel geben.
Warum macht man es dann? Will man uns darauf vorbereiten, daß es bald nur noch englische Titel geben wird, so wie man die Leute bei einer Währungsumstellung eine Zeitlang mit dem alten und dem neuen Geld zahlen läßt? Oder rechnet man damit, daß jüngere Deutsche Wörter wie Geheul nicht mehr kennen, möchte diese aber doch aus irgendeinem sentimentalen Grund bewahren, verwendet sie daher weiter und bietet dem deutschen Leser freundlicherweise die Übersetzung in eine Sprache, die er versteht?

Donnerstag, 28. April 2011

Preiswürdig 3

„Der neue Clean Tech Business Park liegt im Gewerbeareal Berlin eastside“. Das steht in der Broschüre „CleanTech Business Park Berlin Marzahn“ des Bezirksamts Mahrzahn-Hellersdorf. Der Verein deutsche Sprache e. V. sollte nicht warten, bis die Autoren ihr Amt in District Office, vielleicht sogar in CleanDistrictOffice umbenannt haben, sondern ihnen gleich eine Auszeichnung verleihen. 

Sonntag, 24. April 2011

Synchronfilm-Haß

„Ich hasse es wenn meine fast 2 monate alte Tochter schreit.“[1]
Nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Die geplagte Mutter wird wohl meinen: Ich mag es nicht, es geht mir auf die Nerven oder etwa Ähnliches. Sie weiß halt nicht, daß to hate keineswegs nur hassen bedeutet, sondern in den meisten Fällen nicht mögen, nicht leiden können. Die Synchronisierer amerikanischer B-Filme – von denen hat sie es – wissen es auch nicht, und darum wimmelt es in diesen Machwerken nur so von Leuten, die Erdbeerkuchen, ausgedehnte Spaziergänge oder Klaviermusik hassen. Das ist aber völlig unmöglich. Haß ist das, was Eheleute füreinander empfinden, bevor eins das andere erschlägt. Gäbe es so viele Hasser von Klaviermusik wie in den synchronisierten Filmen in der Wirklichkeit, gäbe es vermutlich keine Klaviere mehr oder keine Pianisten.

Samstag, 16. April 2011

Gender Mainstreaming

„Gender Mainstreaming, Diversity Management und Work Life Balance sind Konzepte, die aus dem englischsprachigen, bzw. internationalen Gebrauch bei uns übernommen wurden. Damit haben sich die Begriffe, wie es für viele Bereiche des Marketing und Managements üblich ist, auch bei uns eingebürgert. Um entsprechende deutsche Übersetzungen zu bieten ist meist eine viel umständlichere Formulierung nötig (z.B. ‚Geschlechtergerechtigkeit in alle Entscheidungen einfließen lassen’ statt ‚Gender Mainstreaming’) als dies die etablierten englischen Begriffe ermöglichen.“ Das findet man auf einer Internetseite der über die Grenzen Bayerns hinaus bekannten Eliteuniversität TU München.[1]
Das, wollen sie uns einreden, sei der Grund dafür, daß man es unterläßt, deutsche oder sogar „entsprechende“ deutsche Übersetzungen zu „bieten“. Natürlich ist der Grund ein ganz anderer. Sie schämen sich halt, Provinzler zu sein und wollen wenigstens weltmännisch (das Gender Mainstreaming läßt mich’s nur mit pochendem Gewissen hinschreiben) wirken,[2] wenn sie es schon nicht sein können. Der Beweis? Wäre es so, wie sie behaupten, dann würden sie ja eifrig nach Sprachen suchen, mittels derer die lästige Umständlichkeit noch weit wirksamer bekämpft werden könnte als mit der englischen. Unter den sinotibetischen wird es sicher eine geben, in der man statt Gender Mainstreaming vielleicht Hu wu oder nur Hu oder etwas ähnlich Platzsparendes schreiben kann.



[1] „Frequently Asked Questions (FAQ) 1. Allgemeine Fragen“ einer Seite namens „Gender Studies in Ingenieurwissenschaften“ der TU München (http://www.gender.edu.tum.de/faq.html).

Freitag, 28. Januar 2011

Der Pate Teil 4



„Stoiber ist im Prinzip der Gott-Vater, der alles in die Wege geleitet hat“, nämlich ir­gendwelche mafiosen Geschäfte in Bayern. Das behauptet Sepp Dürr, Landtagsab­geordneter der Partei Die Grünen, „promovierter Literaturwissenschaftler und Bio­landwirt“, in der taz vom 23.2.2010.
Da möchte ich doch wetten, daß er nicht Gottvater sagen wollte, denn der tut so et­was ganz bestimmt, ja geradezu definitionsgemäß nicht, und ein derartiger Stil­schnitzer ist einem promovierten Literaturwissenschaftler nicht zuzutrauen. Sondern godfather wollte er sagen, das paßt ja. Nun wollte er, wie man in Kreisen der Litera­turwissenschaftler und Abgeordneten gern sagt, lesernah, ja leserfreundlich, wenn nicht gar le­sergerecht sein und hat darum versucht, das englische Wort ins Deutsche zu über­setzen. English language heavy language.


Nervenbombe








Das Wort sexy wurde etwa vor einem halben Jahrhundert im Deutschen heimisch und anfangs hat es auch gute Dienste getan. Seit kurzem aber gerät es außer Kon­trolle. Abgesehen davon, daß es den gleichen Weg geht wie cool und, Wiktionary zufolge, auch cool bedeutet, also alles irgendwie für gut Befundene und nicht für schlecht, d. h. ungefähr die Hälfte von allem, was es überhaupt auf der Welt gibt – abgesehen davon also: „Sexy“ wird gesteigert. Nie hätte ich oder irgendein anderer früher geglaubt, daß das in der deutschen Sprache je der Fall sein könnte. Aber jetzt haben wir’s.
Doch nach wie vor scheint die große Mehrzahl der Menschen davor zurückzu­schrecken: Tippt man „sexy“ ein, findet Google an die 14 Millionen deutschsprachige Seiten, „sexyer“ aber ergibt nur die vergleichsweise mikroskopisch kleine Trefferzahl von 2.380 (Juni 2010). Was der Duden damit macht, habe ich nicht herauszufinden versucht. Aber andere einflußreiche Sprachverwalter haben schon zugegriffen. So­wohl Wiktionary als auch Canoonet zufolge steigert man sexy so: Komparativ: se­xyer, Superlativ: am sexysten. All der offensichtlich noch reichlich vorhandene Wi­derstandsgeist wird nichts nützen, die Bombe tickt und der Fall wird Schule machen:
„Nervy“ gab es bisher auf deutschsprachigen Internetseiten fast nur in Computer­übersetzungen: „Dieses Tutorial soll animieren eine Zeile Text und geben Sie es cool, dass nervy Blick“.[1] Jetzt, sehr selten, taucht es am untersten Rand der Sprach­kompetenz-Skala auf, den unsere Bildungsexperten so sorgenvoll betrachten und dabei derart unablässig fixieren, daß sie allmählich nervy werden: „da kommen se rein mit handyradio (hiphop *kotz*) und dann reden se noch in ihrem heavy-gangster-ghettho-slang voll fett krass abquatschen und in so ner nervy art...“.[2] In der Schweiz scheint sich ein Brückenkopf gebildet zu haben: „heiss ich hier nun nervy kurzform für nervensäge“, schreibt einer aus dem Aargau.[3] Und ein eidgenössisches „Member“ namens „southpaw“ schreibt über irgendwas: „Groovy und catchy, aber auch nervy...“.[4]
Der Anfang ist also auch hier gemacht, man kann hohe Summen darauf wetten, daß in zehn Jahren in der Boulevardpresse zu lesen sein wird: das nervyste Top-Model Deutschlands. Wahrscheinlicher aber: Germanys. Oder Germany’s.

Lange kann das nicht mehr so weitergehen.
Ich höre der Posaunen Ton / Und sehe den Gerichtstag schon (Simon Dach, 1648).


Schinder

In Herrsching am Ammersee – und wahrscheinlich auch in tausend anderen deutschen Ortschaften – gibt es ein Skin Center. Das kommt sicher von engl. to skin = die Haut abziehen. Da der Laden in einer der besten Wohngegenden der Republik liegt, darf man wohl ausschließen, daß er sich der Tierkadaververwertung widmet. Man mag sich gar nicht vorstellen, was die da drin mit ihren Kunden machen.