Sonntag, 19. Juli 2015

Katholiken mal wieder dagegen

„Katholische Kirche gegen Wahlergebnis“, schreibt die taz.[1]
Das ging mir auch schon oft so, genau genommen sogar meist; mir wäre in der Regel ein anderes lieber gewesen. Aber etwas komisch ist die Formulierung „ich bin gegen das Ergebnis“ schon. Kann man wirklich sagen, ich bin gegen das Ergebnis, wenn es mir nicht recht ist? Ich hab’ was dagegen, daß Bayern gewinnt, aber bin ich dagegen, daß Bayern gewonnen hat? Im Kongo, wo die katholische Kirche gegen das Wahlergebnis ist, ist's allerdings ein wenig anders. Ob ihr das Ergebnis recht ist oder nicht, erfährt man in dem Artikel gar nicht. Sie hält die Art, wie es zustandegekommen ist, für unrechtmäßig. Wenn man das weiß, kommt einem die Formulierung noch seltsamer vor.





[1] 14.1.12

Samstag, 18. Juli 2015

Zurückfahren durch zurückführen

Wir sind uns einig, daß wir den Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung weiter zurückführen müssen", sagte ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums im Heute-Journal.[1]

Erst wollte er, wie es in seinen Kreisen seit einiger Zeit üblich geworden ist, „zurückfahren“ sagen. Aber dann hat er wohl hier bei Deutsche Sprak nachgelesen und erfahren, daß sich das etwas idiotisch anhört. So richtig gelungen ist ihm die Alternative allerdings nicht. Zurückführen auf was oder wohin, möchte man doch gern wissen.






[1] 8.1.2012


Mittwoch, 1. Juli 2015

Schöpfer Himmels und der Erden

„Als Künstler werden heute meist die in der Bildenden Kunst, der Angewandten Kunst, der Darstellenden Kunst sowie der Literatur und der Musik kreativ tätigen Menschen bezeichnet, die Kunstwerke schaffen.“ (Wikipedia, 14.1.12)
Ein Zirkel muß das nicht sein. Es wäre ja möglich, daß „Kunstwerk“ nicht definiert wird als das, was Künstler schaffen, sondern unabhängig vom Begriff des Künstlers. Bewundernswert ist aber, daß es unser Autor geschafft hat, das Wort „kreativ“ unterzubringen, um dem Zeitgeist oder der Pflicht zu modischem Geschwätz Genüge zu tun. Immer häufiger findet man in letzter Zeit „die Kreativen“ als Synonym für „die Künstler“. Nun gibt es aber zugleich, und in rasender Zunahme begriffen, auch andere Kreative, z. B. die kreativen Wilden (die kommen in NRW vor, haben irgendwas mit Politik zu tun), die kreativen Strolche, die kreativen Botschafter, die kreativen Spezialisten mit guter Laune, die kreativen Mitdenker, die kreativen Zerstörer, und zwar im Manager-Magazin, und sogar kreative Industrien gibt es, was vielleicht ein neues Wort für Kulturindustrie ist und in diesem Fall mit Künstlern nichts zu tun haben kann, wie man seit Adorno weiß. Vor 50 Jahren gab es in Bayreuth (ich lebte damals dort) gar keine Kreativen, wenn ich mich richtig erinnere, zumindest ist mir keiner aufgefallen. Jetzt wimmelt es nur so von ihnen.
Ursprünglich wurde der Begriff Kreativität als Bezeichnung für alle Arten von schöpferischer Tätigkeit verwendet.“ (Wikipedia, Stichwort Kreativität) Heute nicht mehr, denn Kreativität besteht in der Neukombination von Informationen“ (ebd.), so daß also beispielsweise auch ein Journalist kreativ genannt werden könnte, und das wird ja doch keiner wollen.

Übrigens: „schöpferisch“ habe ich mit „Google“ ca. 390.000 mal gefunden, kreativ ca. 37 Millionen mal. Wahrscheinlich mag man „schöpferisch“ nicht mehr sagen, damit man nicht in den Verdacht gerät, ein religiöser Mensch, der an den Schöpfer glaubt, zu sein, denn das gilt ja irgendwie als old-school oder old-fashioned oder so ähnlich. Daß creator auch in der Bibel steht und Schöpfer heißt, scheint man vergessen zu haben.

Dienstag, 30. Juni 2015

Meist gesehen und meistgesehen


„Meist gesehen“ schreibt „iPad“ über eine Liste von Fernsehfilmen. Das hätte man sich sparen können. Filme pflegen nun einmal meist gesehen zu werden, etwas seltener gleichzeitig gehört und viel seltener gerochen oder getastet.


Donnerstag, 25. Juni 2015

Ganz schön breit

„Forum will Planungen breiter und viel demokratischer aufstellen“.[1]
Man stelle sich vor, das hätte einer vor 50 oder 100 Jahren lesen müssen. Kein Anglizismus drin – jedenfalls nicht auf den ersten Blick –, und doch wäre ihm kein Sinn aufgegangen. Das Wort Forum hätte er wohl gekannt. Ein Forum ist etwas, auf dem man sich versammeln kann, besonders wenn man Römer ist. Aber daß ein Forum etwas wollen kann, hätte er nicht glauben mögen. Was eine Planung ist, wäre ihm auch bekannt gewesen. Kaum hätte er sich aber vorstellen können, daß man Planungen aufstellen kann, und wenn ihm einer gesagt hätte, daß man sie breit und noch breiter aufstellen kann, ja sogar viel demokratischer, hätte er sich an den Kopf getippt. – Nein, liebe Linguisten, ich habe nichts dagegen, daß sich die Sprache wandelt. Und wenn sie sich mitunter so schnell wandelt, daß die ältere Generation nicht mehr versteht, was die jüngere sagt, ist das zwar für die ältere nicht angenehm – doch was ist für die schon angenehm? Aber muß sie sich denn so wandeln? 



[1] taz, 31.1.13

Mittwoch, 24. Juni 2015

Kreative

„Als Künstler werden heute meist die in der Bildenden Kunst, der Angewandten Kunst, der Darstellenden Kunst sowie der Literatur und der Musik kreativ tätigen Menschen bezeichnet, die Kunstwerke schaffen.“ (Wikipedia, 14.1.12)
Man wird das erst für einen Zirkel halten; aber es muß keiner sein. Es wäre ja möglich, daß „Kunstwerk“ nicht definiert wird als das, was Künstler schaffen, sondern unabhängig vom Begriff des Künstlers. Zudem legt die Formulierung nahe, daß es auch nicht-kreative Menschen gibt, die Kunstwerke schaffen.  – Bewundernswert ist, daß es unser Autor überhaupt geschafft hat, das Wort „kreativ“ unterzubringen. Das war notwendig, um dem Zeitgeist oder der Pflicht zu modischem Geschwätz Genüge zu tun. Immer häufiger findet man in letzter Zeit „die Kreativen“ als Synonym für „die Künstler“. Nun gibt es aber zugleich, und in rasender Zunahme begriffen, auch andere Kreative, z. B. die kreativen Wilden (die kommen in NRW vor, haben irgendwas mit Politik zu tun), die kreativen Strolche, die kreativen Botschafter, die kreativen Spezialisten mit guter Laune, die kreativen Mitdenker, die kreativen Zerstörer, und zwar im Manager-Magazin, und sogar kreative Industrien gibt es, was vielleicht ein neues Wort für Kulturindustrie ist und in diesem Fall mit Künstlern nichts zu tun haben kann, wie man seit Adorno weiß. Vor 50 Jahren gab es in Bayreuth (ich lebte damals dort) gar keine Kreativen, wenn ich mich richtig erinnere, zumindest ist mir keiner aufgefallen und die Zeitungen schrieben auch nichts oder nur sehr wenig über sie. Jetzt wimmelt es dort nur so von ihnen.
Ursprünglich wurde der Begriff Kreativität als Bezeichnung für alle Arten von schöpferischer Tätigkeit verwendet.“ (Wikipedia, Stichwort Kreativität) Heute nicht mehr, denn Kreativität besteht in der Neukombination von Informationen“ (ebd.), so daß also beispielsweise auch ein Journalist kreativ genannt werden könnte, und das wird ja doch keiner wollen.

Übrigens, „schöpferisch“ habe ich mit „Google“ ca. 390.000 mal gefunden, "kreativ" ca. 37 Millionen mal. Wahrscheinlich mag man „schöpferisch“ nicht mehr sagen, damit man nicht in den Verdacht gerät, ein religiöser Mensch, der an den Schöpfer glaubt, zu sein, und das gilt ja irgendwie als old-school oder old-fashioned oder so ähnlich. Daß creator auch in der Bibel steht und Schöpfer heißt, scheint man vergessen zu haben.

Dienstag, 23. Juni 2015

Impulstheorie

In einem vor einigen Jahren verfaßten „Impulspapier“[1] beklagt der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands deren Zustand und weiß auch, wie dieser sich bessern ließe: durch „Lernen von den wirtschaftlichen Kompetenzen“ der „Marktwirtschaft“. Man müsse sich auf das „Kerngeschäft“ und die „Kernangebote“ konzentrieren, den „Imageschaden“ kleinhalten, „Qualitätsmanagement“ betreiben, den Weg der „good-practice-Orientierung“ und der „Angebotsorientierung“ einschlagen, gegebenenfalls ein „360-Grad-Feedback“ vornehmen, bei der „Aufwärtsagenda“ das „Agendasetting“ nicht vergessen, „Kundenbindungsinstrumente“ einsetzen, auf „Alleinstellungsmerkmale“ setzen und vor allem „Profilierungskompetenz“, „kybernetisch-missionarische Kompetenz“ und schließlich „gabenorientierte Motivations- und Qualifikationskompetenz“ entwickeln.
Als ER noch auf Erden wandelte, er wäre mit Blitz und Donner dreingefahren. Wenigstens hätte er veranlaßt, daß sich die wahrhaft Gläubigen zu einem Heerhaufen zusammenrotten und dieser abscheulichen Unzucht mit Spießen und mit Stangen ein Ende bereiten, die da der Geist des Protestantismus, der ja nach Max Weber den Kapitalismus geboren hat, mit dessen mißratenstem Sproß, dem Marketingwesen (für die Älteren unter Ihnen: dem Reklameunwesen), treibt.
Aber wenn er auch noch das
„Teste dein Bibelwissen: Wer wird Biblionär?“[2]
lesen muß, wird er sich vielleicht zu einem Atomschlag entscheiden. Zum Glück schwächelt das evangelische Pressewesen derart, daß er über die Stelle sicher nicht zufällig stolpert, und gezielt danach suchen wird er wohl nicht. So könnten wir noch einmal davonkommen.





[1] Herausgegeben 2006

Montag, 22. Juni 2015

Bildungselend

„Viele junge Deutsche sind gebildeter als ihre Eltern – das belegt eine neue Studie. Seltsam nur: Kürzlich behauptete eine andere Studie das Gegenteil.“[1]
Welch ein Elend, und das im Zentralorgan des Bildungsbürgertums! Die Behauptung, viele junge Deutsche seien gebildeter als ihre Eltern, widerspricht keineswegs der Behauptung, viele junge Deutsche seien ungebildeter als ihre Eltern. Hundertausend junge Leute, die gebildeter sind als ihre Eltern, sind ziemlich viele. Die Behauptung, daß viele junge Leute gebildeter sind als ihre Eltern, wird nicht widerlegt dadurch, daß hundertausend andere junge Leute, also auch ziemlich viele, weniger gebildet sind als ihre Eltern.





[1] http://www.zeit.de/2013/08/Bildung-Absteiger-Studie

In eigener Sache

In Deutsche Sprak ist seit langem nichts mehr erschienen. Das liegt daran, daß ich schwer erkrankt bin. Es  ist fraglich, ob ich je mit diesem Blog werde fortfahren können. Nun habe ich aber eine große Anzahl von Artikelchen zum Thema auf Lager. Sie sind z.T. etliche Jahre alt und der Anlaß ist nicht mehr ganz aktuell. Darauf werde ich jetzt keine Rücksicht nehmen, sondern einfach Tag für Tag etwas ins Netz stellen. Die Reihenfolge wird zufällig sein. Kommentare sind natürlich erwünscht, auch wenn ich sie wohl größtenteils nicht beantworten werde.

L. T.

Freitag, 9. Januar 2015

Forscherdrang


„Die Suche nach Spuren von Intelligenz ist ein Forscherdrang, den Menschen in allen möglichen Alltagssituationen ausgesetzt sind, mit mehr oder weniger befriedigenden Ergebnissen.“ (Telepolis[1])
Das „den“ ist sicher ein Flüchtigkeitsfehler, da wollen wir nicht so sein. Aber daß eine Suche ein Drang sein soll, will mir gar nicht in den Kopf. Ich dachte immer: Einen Drang zu suchen kann man zwar verspüren, aber das ändert nichts daran, daß eine Suche und ein Drang ihrem Wesen nach doch höchst verschiedene Dinge sind. – Na ja, auch das könnte man hinnehmen, wenn nicht Murks dieser Art so typisch wäre für den engagierten Journalismus. Wenn man einmal vom Sprachlichen absieht und sich gleich an das vermutlich Gemeinte hält: Den Drang, Spuren von Intelligenz zu entdecken, verspüre ich hauptsächlich beim Lesen von Zeitungen und ganz besonders von Internetzeitungen, also in der Tat in Alltagssituationen, und die Ergebnisse sind eher weniger als mehr befriedigend.



[1] 27.5.11

Freitag, 19. Dezember 2014

Deutscher Knalltütenpreis


Mit Spaß kindgerecht Entspannung erlernen.“[1]
Durchaus preiswürdig, aber zwei der fünf Wörter stehen nicht in der zu erwartenden Neuauflage des Dummdeutsch-Wörterbuchs. Es gibt also noch Steigerungsmöglichkeiten.




[1] www.mehr-lachen.de

Sonntag, 7. Dezember 2014

Jugendliche Kinder


Professor  E. aus Mainz schrieb mir:
„ZDF, Heute: '... die Einbrecher schicken teilweise jugendliche Kinder’. 
Wie alt die wohl sind? Vielleicht gibt’s im Verbrechermilieu ja noch Alternativen, von denen wir nichts ahnen.“

Ich glaube, daß es einfacher ist: Es ist schlicht eine Folge der rasant voranschreitenden Vergreisung unserer Gesellschaft. Kinder sind, so ist’s offiziell definiert, unter 14, Jugendliche zwischen 14 und 18. Jetzt altern die Dreizehnjährigen halt rascher und sind schon 17. Nur was das „teilweise“ soll, versteht man nicht. Vielleicht sind nur manche Körperteile schon der Kindheit entwachsen?


Donnerstag, 27. November 2014

Überpapst


Diesmal geht es nicht um Sprachliches; Der Beitrag ist off topic, wie der Deutsche sagt.
Kürzlich hörte und sah und ich mir auf Youtube eine Aufnahme der Tannhäuser-Overtüre an. Da bemerkte ich im Publikum an herausgehobener Stelle eine kleine weiße Gestalt. Voller Freude erinnerte ich mich: Ich hatte diese Aufnahme schon einmal gesehen, vor einigen Jahren im Fernsehen. Es war eines der großen Bildschirmerlebnisse. Dem frischgebackenen bayerischen Papst gaben die Münchner Philharmoniker ein Konzert. Der Hl. Vater saß auf einem Thron mitten drin, um ihn herum ein Ring rotmütziger geistlicher Würdenträger, um oder unter diesen ein weiterer Ring, und zwar aus weltlichen Würdenträgern. Unter ihnen war Otto Schily, damals Minister einer Republik; er kauerte wie ein Hofschranze zu Füßen des Kirchenfürsten und nährte so meine Zweifel an seiner Verfassungstreue. Dann kam ein gehöriger Abstand, dann die Masse des Publikums.
Nun trat Christian Thielemann ans Pult. Straff aufrecht, federnden Schrittes, ein Herr von der Halsbinde bis zu den Frackschößen, wie es ihn heute nicht mehr gibt, bzw. eben nur noch in diesem einen Exemplar. Eine gebieterische Geste mit der Linken, die Rechte hob den Taktstock, alles duckte sich, Musiker und Publikum, und auch Herr Ratzinger. Man spürte: Es gab einen Stellvertreter des Allerhöchsten im Saal, aber das war jetzt nicht er.
Und mit dem, dem Allergrößten auf Erden, habe ich schon mehrmals zusammen gespeist, ja, man könnte fast sagen: pflege ich zusammen zu speisen! Zwar an verschiedenen Tischen, aber doch im Garten des gleichen Restaurants, eines Ausflugslokals in der Nähe von Bayreuth, wo er alljährlich während der Festspiele zu logieren geruht. Höher kann ich in diesem Leben nicht mehr steigen. Oder vielleicht doch? Er trägt kurze bunte Hosen wie ein deutscher Tourist in einer italienischen Kirche und sieht viel kleiner aus als am Pult. Ob ich ihn einfach mal anspreche, vielleicht sogar duze?

Sonntag, 16. November 2014

Wachstumsschmerzen


„Deutschland ist zuletzt weniger gewachsen als Griechenland“ schreibt heute die FAZ in ihrer Internetausgabe.[1]
Und wir dachten alle, das hätten wir hinter uns, das machen nur noch die Russen. – Wenig zwar, aber immerhin gewachsen. Man möchte natürlich wissen, was denn dazugekommen ist. Vielleicht Hinterpommern? Ostpreußen jedenfalls nicht, da war ich kürzlich, das ist immer noch teils polnisch, teils russisch. Aber Hinterpommern ist eigentlich auch zu groß, um „weniger gewachsen als Griechenland“ zu rechtfertigen, denn Griechenland ist garantiert nicht um eine noch größere Fläche gewachsen, davon hätte man gehört. Vielleicht fand das Wachstum ganz woanders statt als dort im Osten, woran der Deutsche nach alter Gewohnheit  zuerst denkt. Mallorca? Hat es endlich geklappt?




[1] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/stagnierende-wirtschaft-der-mindestlohn-ist-nicht-schuld-13267983.html


Donnerstag, 13. November 2014

Anything goes


„Warum werden im Zusammenhang mit gender und diversity so viele englische Begriffe verwendet? Der Gender Begriff bietet im Englischen die Möglichkeit den Begriff des sozialen Geschlechts vom biologischen abzugrenzen. Dies ist im Deutschen so einfach nicht möglich, da nur ein Wort zur Verfügung steht, und immer eine längere Erklärung angefügt werden müsste, um welchen Begriff es denn nun geht. Das Wort Gender ist also viel klarer zu gebrauchen, als das im Deutschen möglich wäre.“ Das fand ich auf einer Internetseite der Eliteuniversität TU München.[1]
Bisher dachte ich, es gäbe nur einen einzigen Grund, warum nicht nur im Zusammenhang mit gender und diversity, sondern auch sonst so viele englische Begriffe verwendet werden, nämlich die Angst, man könnte als Provinztrottel enttarnt werden. Aber es gibt, wie man an dem Zitat sieht, einen weiteren: Deutsch können sie einfach nicht mehr. Die neue Mischsprache hat fast keine Regeln, da kann jeder beim Schreiben mitmachen, sofern er nur in der Lage ist, Buchstaben aneinanderzureihen. Beim Verstehen wird’s schon schwieriger, da kann nicht jeder mitmachen, das ist wohl auf die Kreise unserer Eliten beschränkt.



[1] Frequently Asked Questions (FAQ) 1. Allgemeine Fragen, auf einer Seite namens „Gender Studies in Ingenieurwissenschaften“ der TU München (http://www.gender.edu.tum.de/faq.html).

Sonntag, 9. November 2014

Verkehrsunfall


„Verkehr ist die Bewegung von Personen, Gütern oder Nachrichten in einem definierten System.[1] Dabei werden Einheiten entlang von Kanten eines Netzwerks oder auf Routen einer Verkehrsinfrastruktur bewegt.“
Die Redaktion von Wikipedia hat darübergesetzt: „Dieser Artikel erläutert Verkehr im Sinne von Transport.“[1]
Das wird wohl als eine Nominaldefinition, eine Festsetzung des Sprachgebrauchs gedacht sein, denn eine Realdefinition, eine Feststellung des Sprachgebrauchs, ist es schwerlich. Bei einer Nominaldefinition ist man frei. Niemand kann einem verbieten, als Walfisch zu definieren, wozu bisher alle Welt Ameise gesagt hat. Sollte es aber doch als Realdefinition gemeint sein, und bei Wikipedia weiß man ja nie, stellen sich einige Fragen. Darf man es wirklich mit Fug und Recht einen Verkehr im Sinne von Transport nennen, wenn sich Nachrichten durch die Luft oder einen Draht von einem Mund zu einem Ohr bewegen? Und ist es denn kein Verkehr, wenn sich Personen nicht auf Kanten oder in einer Verkehrsinfrastruktur von einem Ort zum anderen bewegen, sondern z. B. einfach quer durchs Gelände fahren? Oder wenn ein Schiff übers Meer fährt und sich nicht an die Seefahrtsrouten hält? Oder wenn das alles nicht in einem Netzwerk oder einem definierten System geschieht?

Dienstag, 4. November 2014

Entspannung


In Henscheids Dummdeutsch-Lexikon fehlt zwischen Entsorgungspark und Erbrezeption die Entspannung, obwohl die damals, zu Beginn der 90er, ihr Unwesen schon trieb, und wie! (Segensreich wirkte sie 20 Jahre früher, in der Politik.) Nichts gab es und gibt es heute, von der Arbeit (für die Jüngeren unter Ihnen: dem Job) abgesehen, was nicht entweder der Entspannung wegen getan wird oder weil es Spaß macht. Diese beiden Wörtchen schließen die ganze Welt uns ein wie weiland dem Burschen das Ja und das Nein der geliebten Müllerin. Der Unterschied ist nur, daß zwischen diesen ein gewaltiger, ja unendlich großer Abstand lag, eben die ganze Welt, während zwischen Entspannung und Spaß eigentlich gar keiner besteht, weshalb die Welt ziemlich geschrumpft erscheint. „Spaß entspannt“, belehrt uns wirtschaftspsychologie-aktuell.de, und es gibt ein Hotel, das einen „Anfänger Bereich“ hat, und das ist ein „Bereich, in dem fun entspannt“.[1] Die italienischen Hotels scheinen noch nicht so weit zu sein. Spaß gibt es da scheint’s nicht, sondern außer der Entspannung bekommt man nur Relax: „Das herrliche Wellness Center des Hotel Carlos V sorgt bestimmt rundum für Relax und Entspannung.“[2] Aber vielleicht ist dort ja die Verschmelzung von Spaß und Entspannung schon so weit fortgeschritten, daß es reicht, nur eines von beidem zu erwähnen.
In dem Radioprogramm BR Klassik dürfen sich täglich Kinder ein Musikstück bestellen (für die Jüngeren unter Ihnen: ordern). Sie wünschen sich gern „etwas mit Geige“ von Mozart, weil sie selber Geige spielen, oder „etwas mit Klavier“ von Haydn, weil das entspannend ist. So bedrohlich, wie man glauben möchte, ist es aber noch nicht. Die Kinder plappern halt nach, was sie von den Erwachsenen hören, und in bildungsbürgerlichen Häusern redet man heute nun einmal so. Das Kind, das Musik hört oder überhaupt irgend etwas tut, weil es sich entspannen will, muß erst noch geboren werden. Sollte das geschehen, wäre den Eltern zu raten, einen Arzt zu Rate zu ziehen.
Auch bei den Erwachsenen ist's nicht ganz so schlimm. Nur ein Bruchteil derer, die es behaupten, tut etwas wegen der Entspannung. Es ist durchaus fraglich, ob schon einmal jemand aus diesem Grund einen Spaziergang gemacht hat. Bei einem solchen kann zwar durchaus eine Entspannung eintreten, jedoch nur nebenher, sie ist keinesfalls das Motiv. Den Irrglauben, sie liefen ihretwegen, haben den Menschen die Vertreter der Lebenshilfeindustrie eingeschwatzt, um ihnen leichter ihre Produkte aufschwatzen zu können.
Die wahren Gründe sind ganz andere. „Ein Mann von Verstand und Logik“, schreibt Jean Paul, „würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.“[3] Die beiden oberen dürften heutzutage unter den aus der Logik bekannten Begriff der leeren Klasse fallen: Solche Spaziergänger gibt es nicht mehr, „in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fließet“. Das wären die der zweiten Kaste von oben, und über ihnen stehen noch die „Menschen, die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen ... die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen....“. Die kommen also nicht mehr vor, übrig geblieben sind die beiden unteren Kasten. Die Angehörigen der vorletzten spazieren „weniger, um zu genießen, als um zu verdauen, was sie schon genossen haben ... oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter“, und schließlich,  ganz unten, da „laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.“
Ich komme zurück. Entspannung und Spaß schließen, wie gesagt, die ganze Welt uns ein, allerdings nur, soweit sie nicht in Arbeit besteht. Doch man arbeitet emsig daran, diesem Mißstand abzuhelfen: Natürlich gibt es den entspannenden Job und den entspannten Job und seit langem die Entspannungsarbeit, schon gibt es aber auch den Entspannungsjob, und sogar den Funjob und die Funarbeit. – Entspannung und Spaß sind nicht, wie wir gesehen haben, zwei Pole, zwischen denen sich die Freizeitwelt aufspannt. Vielmehr bedeutet Entspannung tendenziell nichts anderes als Spaß und Spaß ist das, wozu man auch Entspannung sagen kann, zumindest ist Spaß entspannend, und genau deshalb möchte man Spaß haben, und Entspannung macht Spaß, genau darum entspannt man sich.
Nun mischt sich aber ein drittes Wort ein, so daß man vielleicht die These wagen könnte, die Welt werde nach eine Phase der Verödung wieder komplexer, nicht zwei-, sondern dreipolig: Spannung. Doch die Hoffung trügt. Es ist nur ein weiteres Wort, kein weiterer Begriff. Spannung bedeutet tendenziell eben das, was Entspannung bedeutet und was Spaß bedeutet: „Spannung entspannt“, haben die Top-Forscher von muellerscience.com herausgefunden, und wunderbar-media.at bittet uns: „Lassen Sie uns für Sie planen und organisieren, damit alle das Ereignis mit Spannung entspannt geniessen können“.[4] Sie hätten auch schreiben können: damit alle das Ereignis entspannt gespannt genießen können.
Einen Funken der Hoffnung aber läßt ein anderes Ereignis aufglimmen: In BR Klassik wünschte sich die elfjährige Laura aus dem Landauer Gymnasium das Air von Bach, und zwar nicht weil es entspannend, sondern weil es berühmt ist.[5] Ich schlage vor, das Mädchen umgehend aus seinem Lernumfeld, das sicher suboptimal ist, weil es dort von Underachievern nur so wimmelt, herauszulösen und in eine Hochbegabtenklasse aufzunehmen, und ich wünsche ihm eine glanzvolle Karriere.




[2] www.gioricohotels.it/de
[3] Darüber habe ich hier schon geschrieben.
[4] www.wunderbar-media.at/wm_event_und_Messeplanung.htm
[5] 11.6.2010, kurz nach 7 Uhr