Zu den einlußreichsten
Sprachneuerern gehören bekanntlich die Fußballreporter bzw. -kommentatoren,
vielleicht die einzigen, die es mit den politischen Sprachkommissaren – den
Leuten, die sich Wörter ausdenken wie „Studierende“ oder „Migranten“ –
aufnehmen können. Vor kurzem noch, nach meiner Erinnerung bis ins vorige Jahr
hinein, sagten sie, die Fußballreporter, „Der ist Stürmer“, wenn einer Stürmer
war; jetzt sagen sie „Der ist als Stürmer unterwegs“. Und wenn der Torwart eine
Mütze aufhatte, sagten sie „Der Torwart hat eine Mütze auf“; jetzt sagen sie „Der
Torwart ist mit Mütze unterwegs“. Spielte einer in der Nationalmannschaft,
sagten sie „Er spielt in der Nationalmanschaft“, manchmal auch „Er ist Nationalspieler“.
Jetzt heißt es „Er ist in der Nationalmannschaft unterwegs“. In, nicht etwa mit. Das kommt zwar auch vor, aber selten; vielleicht, weil sie uns
in der Tat nicht mitteilen wollen, daß er mit der Nationalmanschaft herumfährt
oder herumfliegt, sondern eben, daß er in ihr spielt, vielleicht aber auch,
weil ein Satz mit „mit“ zu sehr an richtiges Deutsch erinnert.
Hier finden Sie in loser, wenn's gut geht rascher Folge Kommentare zu Vorboten der allgemeinen zerebralen Zerbröselung und des ihr auf dem Fuße folgenden Weltuntergangs sowie zum Thema „Deutschland schafft sich ab“.
Mittwoch, 22. Oktober 2014
Sonntag, 19. Oktober 2014
Titel geben
„Auch wird Ken Dukens
Titel gebende Klugscheißer-Figur, die einem zunächst herzlich unsympathisch ist
.....“[1]
Eine Figur gibt also Titel. Wie das wohl zugehen
mag? Sie vergibt nicht Titel, wie Königin Elisabeth oder die Fakultät einer
Universität, sondern gibt Titel. Vielleicht muß man es sich ähnlich vorstellen wie bei einem Hund, der
Pfötchen gibt.
Samstag, 18. Oktober 2014
Nato kleiner als alle glaubten
Also wohlgemerkt: Er zweifelt nicht etwa daran, daß es richtig ist,
die Türkei in der Nato, zu der sie jetzt gehört, zu lassen, sondern daran, daß die
Behauptung richtig ist, die Türkei sei Mitglied der Nato. Da bürdet er - oder der Spiegel-Journalist - sich
aber einiges an Beweislast auf.
[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/kobane-bernard-henri-levy-zweifelt-nato-mitgliedschaft-der-tuerkei-an-a-996783.html
Donnerstag, 9. Oktober 2014
Bildungsnotstand bei der Zeit
„Viele junge Deutsche sind gebildeter als ihre Eltern – das
belegt eine neue Studie. Seltsam nur: Kürzlich behauptete eine andere Studie
das Gegenteil.“[1]
Welch ein Elend, und das im Zentralorgan des Bildungsbürgertums!
Die Behauptung, viele junge Deutsche seien gebildeter als ihre Eltern, widerspricht
keineswegs der Behauptung, viele junge Deutsche seien ungebildeter als ihre
Eltern, selbst wenn man den gleichen Maßstab angelegt hat. Hundertausend junge Leute, die gebildeter sind als ihre Eltern, sind
ziemlich viele. Die Behauptung wird nicht dadurch widerlegt, daß hundertausend
andere junge Leute, also auch ziemlich viele, weniger gebildet sind als ihre
Eltern.
Dienstag, 30. September 2014
Journalisten
Das Wesen des
Journalisten ist nicht so leicht zu ergründen. Er ordnet die Welt mittels
weniger Begriffe, die er von anderen Journalisten aufgeschnappt hat und die
sich im allgemeinen durch eine ungewöhnliche Dümmlichkeit auszeichnen, ähnlich
wie die Worte des Jahres. Aber nach welchen Gesetzen geht es da zu? Ich dachte
immer, es verstanden zu haben. Was sie mögen, wird, wenn sich nicht mehr länger
verheimlichen läßt, daß da etwas faul daran ist, mit einem Euphemismus benannt,
beispielsweise „Steuersünder“, damit die Leute denken, Verbrecher dieser Art seien
ähnlich einzusortieren wie Parksünder. Mögen sie etwas nicht, machen sie es
umgekehrt. Wer Putin analysiert, wird zum „Putinversteher“, damit man denkt, er
hätte Verständnis für Putin. Das gibt es natürlich auch, aber „Putinversteher“
sind ja nicht nur Leute, die für ihn Verständnis haben, sondern auch solche,
die sich seine Motive erklären wollen, ohne sie damit zu billigen. Aber warum,
frage ich mich nun, gibt es „Europaskeptiker“? Der Journalist als solcher
haßt diese Leute, sonst wäre er
keiner, jedenfalls wäre er nicht bei einem richtigen Medium wie etwa der Zeit
oder der ARD, und er könnte doch, sollte man meinen, sich für sie einen Namen
ausdenken, der dazu beiträgt, daß man sie haßt, z. B. „Europahasser“. Damit
würden sie in die Nähe von anderen Europahassern gerückt, z. B. in die Nähe von
Putin oder der Islamisten, und das müßte dem Journalisten doch recht sein. Aber
Skeptiker zu sein ist an sich nichts Schlechtes, skeptisch ist sogar der Jounalist
selber, jedenfalls manchmal. „Europaskeptiker“ müßte in seinen Augen doch eine
Verniedlichung sein, die man auf keine Fall verwenden darf. Versteht das einer?
Sonntag, 28. September 2014
Sportreporteräre Probleme
Wenn sich ein Spieler an den Oberschenkel faßte, sagten die
Sportreporter bisher: Der hat Muskelprobleme. Seit kurzer Zeit, meinem Eindruck
nach erst seit der letzten Fußballweltmeisterschaft, sagen sie das nicht mehr,
sondern behaupten, er habe muskuläre Probleme. Was werden sie wohl aus
Knochenproblemen machen?
Mittwoch, 27. August 2014
Der Schokoriegel als Respektsperson
Manchmal hat die Vernunft
sogar Wikipedia auf ihrer Seite. Wenn
gilt
„Respekt (lateinisch respectus ‚Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung’“,
auch respecto ‚zurücksehen, berücksichtigen’) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einer
anderen Person (Respektsperson)
oder Institution“,[1]
dann ist das:
„Satt zum Billigtarif. Wo
bleibt der Respekt vor dem Essen?“[2]
Blödsinn.
Donnerstag, 21. August 2014
Warum einfach?
„Die Interviewauswertungen weisen eher
einen Notfallcharakter für dieses Netz aus: wenn dringend Hilfe in Form von
Kinderbetreuung, Fahrdiensten oder emotionalem Beistand benötigt wird, wird auf
diese personellen Ressourcen zurückgegriffen.“[1]
Gemeint sind Pflegedienste. Aber es bringt
einen ja auf der Karriereleiter nicht voran, wenn man’s so einfach sagt, da greift man besser auf personelle Ressourcen zurück.
[1] https://www.yumpu.com/de/document/view/13212311/gesundheitliche-belastungen-und-ressourcen-allein-erziehender-/3
Freitag, 4. Juli 2014
Anstachelnder Zufluchtsort
„Privat geführtes Resort im
Naturpark Oberer Bayerischer Wald mit vielfältigen Incentive-Möglichkeiten:
Umgeben von Natur werden Wellness, authentisches Ayurveda, Golfsport und
ausgewählte Teambuilding-Programme angeboten.“[1]
Die wichtigsten Wörter in
diesem Satz waren mir unbekannt, darum hab’ ich nachgedacht und nachgesehen.
Resort heißt Ferienort, Badeort, Zufluchtsort; Ayurveda ist eine traditionelle indische Heilkunst; normalerweise besteht eine
Behandlung aus Medizin, spezieller Diät und vorgeschriebener Tagesroutine. Teambuilding müßte z. B.
das sein, was ein Nationaltrainer tut, wenn er aus Spielern, die verschiedenen
Vereinen entstammen, eine Mannschaft formt. Was Wellness
heißt, glaubte ich schon zu wissen. Incentive aber, so erfuhr ich, heißt
Anreiz, Ansporn, Aufreizen und wird darum sicher auch hier etwas Ähnliches
bedeuten. Dann ist aber der Doppelpunkt fehl am Platz. Er bedeutet, daß
Wellness, Ayurveda, Golfsport und Teambuilding Möglichkeiten des Anreizens
sind. Nun sind aber, wenn meine Quellen nicht lügen, die drei erstgenannten
doch eher mit der Vorstellung des Beruhigenden verbunden.
Mittwoch, 2. Juli 2014
Wüste Spiele
Beim Spiel Algerien gegen
Deutschland haben Massen von Kommentatoren Wüstensöhne auf dem Platz gesehen.
Nun dürfte der Anteil der Wüstenbewohner an der Bevölkerung Algeriens ähnlich
hoch sein wie der der Alpenbewohner an der Bevölkerung Deutschlands. Da Fußballberichterstatter
in Algerien sicher von ähnlicher Intelligenz sind wie ihre deutschen Kollegen,
hat man dort, vermute ich, vom Spiel der Nationalmannschaft gegen die
Gletschersöhne oder die Almdudler geschrieben.
Freitag, 27. Juni 2014
Bitte nur noch Englisch!
Manchmal wünscht
man sich, daß die Anglisierung schneller vorankommt und man nicht mehr solche Übersetzungen
aus dem Amerikanischen lesen muß:
„Aus der Todesgruppe herauszukommen war immer eine Frage des Überlebens
für die Vereinigten Staaten. Überleben und in die zweite Runde. Nun, da die USA
voranschreiten, wechselt sich der Fokus.“ (USA Today, www.gmx-net; es geht um die Fußball-Weltmeisterschaft.)
Mittwoch, 25. Juni 2014
Volk von Königen
„Kopten: Die christlichen Nachfolger der Pharaonen“, titelt evangelisch.de.[1]
Es könnte schon sein, daß ich ein Nachfahre Augusts des Starken
bin; der soll ja über hundert uneheliche Kinder gezeugt haben, und zumindest
einige von ihnen waren sicher recht fruchtbar. Aber sein Nachfolger bin ich ganz
bestimmt nicht.
Freitag, 20. Juni 2014
Volltreffer
„Der große
Satan trifft die Achse des Bösen“. Das war vor drei Tagen die Schlagzeile der taz.
Man fragt
sich, womit er die denn getroffen hat. Mit dem Pfeil? Aber der Satan hat
vielleicht gar keinen, er ist weder Amor noch Apollo. Oder volley aus 20 Metern mit dem Außenrist? Nicht ausgeschlossen in diesen Tagen. – Treffen in der von
der taz gemeinten Bedeutung kann der
Satan seine Großmutter, das geschieht vielleicht sogar täglich; oder George W.
Bush jr. nach dessen Ableben. Oder ist der große
Satan mit diesem identisch? Ich weiß es leider nicht, zwischen den
USA und ihren Feinden geht es derart teuflisch zu, daß einem ganz wirr im Kopf
wird. Aber wie auch immer: In der Redaktionskonferrenz der taz werden die Überschriften-Designer sicher für ihre mißratene
Metapher gepriesen.
Freitag, 13. Juni 2014
Zentralsubjektstheorie
„Die Studierenden kennen und verstehen
zentrale wissenschaftliche und subjektive Theorien und Konzepte von Gesundheit
und Krankheit und deren Bedeutung für eine qualitativ hochwertige
Gesundheitsforschung und Gesundheitsversorgung, für die Pflege und die
Pflegewissenschaft.“[1]
Das hat’s aber in sich. Die Studierenden habe ich an anderer Stelle gewürdigt. Was hat es mit den zentralen Theorien auf
sich? Bei „zentrale wissenschaftliche
Theorien“ kann ich mir ja etwas denken. Aber was mögen zentrale subjektive
Theorien sein? Eine subjektive Theorie könnte eine sein, der ein
Wissenschaftler, also ein einzelner Mensch, also ein sogenanntes Subjekt, aber
nicht seine Wissenschaft anhängt. In welchem Sinne kann diese Theorie aber dann
zentral sein?
Oder es könnte um die Theorie des Sherlock
Holmes dazu gehen, wer in dem von ihm aufzuklärenden Fall der Mörder ist; diese
Theorie hat ja nur er, dieses eine Subjekt, alle anderen haben andere Theorien,
und zwar falsche. Was wäre in diesem Fall eine
zentrale subjektive Theorie? Vielleicht so etwas: wenn die Theorie des
Detektivs sich als richtig erweist und damit nicht nur der eine Fall gelöst
wird, sondern wie beim Spiel mit den Dominosteinen ein Ganove nach dem anderen
umpurzelt und am Ende eine ganze Bande einsitzt?
Oder ist mit der zentralen subjektiven Theorie
vielleicht gar keine Theorie gemeint, sondern eine Art fixer Idee, die das
ganze Denken und Leben eines Subjekts organisiert? Dessen Glaube, es sei
Napoleon oder Bin Laden?
Und wieso heißt es Theorien von Gesundheit? Ist denn die Theorie
Darwins eine Theorie von Evolution?
Und wenn es eine qualitativ hochwertige Gesundheitsforschung gibt, was ist dann
eine quantitativ hochwertige? Das geht also alles hinten und vorne nicht.
Na ja, denkt man, der Satz kommt aus einer
Fachhochschule. Das ist die untere Etage im tertiären Bildungswesen. An den
Universitäten wird’s sicher anders zugehen. Laßt uns nachsehen:
„Die Einigung zum Verfahren des
Wettbewerbs konnte bis zum Ende des Jahres 2004 noch nicht abgeschlossen
werden.“ So das Rektorat der Universität Heidelberg.[2]
Bis zum Ende des Jahres könnte man sich
vielleicht über das Verfahren einigen, aber nicht zum Verfahren. Beim Feilschen
einigt man sich am Ende über den Preis, nicht zum Preis. Wenn das Rektorat einer
Eliteuniversität das nicht weiß – wie mag es erst in den Rektoraten der
Universitäten minderen Ranges zugehen, etwa in Marburg, Jena oder Tübingen?
Freitag, 6. Juni 2014
Beliebt bei Alpen
„Milan Horacek,
Altgrüner, beliebt auch bei Sudeten“.
Wieder einmal
eine Unterüberschrift der taz[1],
die einen in Verwirung stürzt. „In“ den Sudeten müßte es heißen, dachte ich
erst, nicht „bei“. Man sagt ja auch nicht „beliebt bei Alpen“, wenn man meint,
daß jemand bei den Tirolern beliebt ist. Aber dann merkte ich, daß es doch
richtig sein könnte. Horacek könnte in einer Stadt, die in der Nähe der Sudeten
liegt, beliebt sein; unwahrscheinlich, aber möglich. Wahrscheinlicher ist, daß
die taz-Praktikanten, die, weil sie dafür noch zu klein sind, keine Artikel schreiben dürfen, sondern sich nur an den Unterüberschriften versuchen, nicht
wissen, daß die Sudeten ein Gebirge sind und die Leute, bei denen Horacek
beliebt ist, Sudetendeutsche heißen. Leider ist zu befürchten, daß sie es auch
nicht wissen werden, wenn sie groß geworden sind. Das Gebirge liegt ja nicht in
Kalifornien, da kennt sich der Gemeine Westdeutsche aus, sondern weit im Osten,
irgendwo in Westasien, denkt er, und darüber muß man nichts wissen, die anderen
wissen ja auch nichts.
Dienstag, 3. Juni 2014
Abtreten!
Niemand kann wollen, daß 68er-Bewegung nicht stattgefunden hätte. Wer das von sich behauptet, macht sich etwas vor. Ohne sie
hätten wir Zustände, die auch dem finstersten heutigen Reaktionär unerträglich
wären. Aber was von ihr noch übrig ist, sollte wissen, wann es Zeit ist,
abzutreten. Die taz schreibt heute: „Cameron und Merkel sorgen dafür, daß ihr
neoliberaler Kurs in Europa“ nun, nicht etwa „siegt“, sondern „obsiegt“. Kann
man noch tiefer sinken?
Samstag, 24. Mai 2014
Entwicklungswunder
„Mario
Götze und Marco Reus sind Deutschlands Hoffnungsträger für die Offensive. Die
beiden Freunde haben sich sportlich auseinander entwickelt“, schreibt der
Spiegel heute (24.5.14) in seiner Online-Ausgabe.
Etwas
rätselhaft ist das schon. Aus dem Samen entwickelt sich der Keimling, das
versteht man, und aus einer befruchteten Eizelle entwickeln sich manchmal sogar
zwei erwachsene Menschen, sogenannte eineiige Zwillinge. Die sind einander meist recht ähnlich, so wie im Falle der Brüder Bender (Leverkusen, Dortmund).
Manchmal aber kommt es vor, daß die Zwillinge sich auseinanderentwickeln und immer
unähnlicher werden. Aber Reus und Götze sollen sich auseinander entwickelt
haben. Wie ist das zugegangen? Reus hat sich, wenn auch nur sportlich, aus
Götze entwickelt, so wie umgekehrt Götze aus Reus? Das kann sich der Fußballfreund,
auch wenn er sich noch so sehr bemüht, gar nicht vorstellen.
Donnerstag, 22. Mai 2014
Breites Forum
„Forum will Planungen breiter und viel
demokratischer aufstellen“, schreibt die taz[1]
Man stelle sich vor, das hätte einer vor
50 oder 100 Jahren lesen müssen. Kein Anglizismus drin – jedenfalls nicht auf
den ersten Blick –, und doch wäre ihm kein Sinn aufgegangen. Das Wort Forum
hätte er wohl gekannt. Ein Forum ist etwas, auf dem man sich versammeln kann,
besonders wenn man Römer ist. Aber daß ein Forum etwas wollen kann, hätte er
nicht glauben mögen. Was eine Planung ist, wäre ihm auch bekannt gewesen. Kaum
hätte er sich aber vorstellen können, daß man Planungen aufstellen kann, und
wenn ihm einer gesagt hätte, daß man sie breit und sogar noch breiter
aufstellen kann, und sogar viel demokratischer, hätte er sich an den Kopf
getippt. – Nein, liebe Linguisten, ich habe nichts dagegen, daß sich die
Sprache wandelt. Und wenn sie sich mitunter so schnell wandelt, daß die ältere
Generation nicht mehr versteht, was die jüngere sagt, ist das zwar für die
ältere nicht angenehm – doch was ist für die schon angenehm? Aber muß sie sich
denn
so wandeln?
Dienstag, 13. Mai 2014
Populationsdynamik
„Untersucht werden solche Zusammenhänge heute vermehrt mit dem
Ansatz der ‚sozialen Milieus’“.[1]
Die Taliban sollen vermehrt Kinder einsetzen, Hitzewellen werden vermehrt zum Gesundheitsrisiko, und in einem „Terror-Ausbildungslager“ sind vermehrt deutsche Islamisten anzutreffen. Hunderttausende von Treffern ergibt „vermehrt“ in dieser Verwendungsweise bei Google. Wer hat dieses Monstrum erdacht? Ist das schon verjährt? Hoffentlich nicht, denn wenn es auch nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist – keiner merkt ja mehr, daß da etwas gewaltig knarrt und quietscht –, so wäre doch der Gedanke tröstlich, daß jemand dafür belangt werden könnte.
Die Taliban sollen vermehrt Kinder einsetzen, Hitzewellen werden vermehrt zum Gesundheitsrisiko, und in einem „Terror-Ausbildungslager“ sind vermehrt deutsche Islamisten anzutreffen. Hunderttausende von Treffern ergibt „vermehrt“ in dieser Verwendungsweise bei Google. Wer hat dieses Monstrum erdacht? Ist das schon verjährt? Hoffentlich nicht, denn wenn es auch nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist – keiner merkt ja mehr, daß da etwas gewaltig knarrt und quietscht –, so wäre doch der Gedanke tröstlich, daß jemand dafür belangt werden könnte.
Mittwoch, 7. Mai 2014
Neue Armut entdeckt
Bildungsarme und Bildungsreiche gibt es schon
seit einiger Zeit. Die haben nun Gesellschaft bekommen. Ein Vorsitzender eines
hochwichtigen Auschusses der Regierung oder des Parlaments hat sie entdeckt,
heute schreibt er in der taz darüber: Zukunftsarme und Zukunftsreiche. Wie bei den Bildungsarmen bleibt aber auch hier einiges im Dunklen. Sind die letzteren
arm, weil es ihnen an Bildung mangelt? Oder sind sie arm an Bildung? Oder arm
durch Bildung, handelt es sich also beispielsweise um Leute, die sich derart gebildet
haben, daß sie keiner mehr anstellen will und die darum jetzt als arme Poeten
in Dachstuben hausen?
In dem Artikel des Vorsitzenden geht es darum, daß Massen von Wissenschaftlern aus Südeuropa in den Norden ziehen (für die jüngeren: migrieren), weil sie zuhause keine Arbeit bekommen. Aber ob nun diese Wissenschaftler die Zukunftsarmen sind? Möglich, aber unwahrscheinlich, denn sie sind ja jetzt arm, also Gegenwartsarme, während sie in Zukunft als Institutsleiter in Cambridge oder Stockholm vielleicht recht wohlhabend sein werden. Oder ob vielleicht die Länder, aus denen sie kommen, als zukunftsarm zu bezeichnen sind? Man erfährt es nicht. Auch bleibt unklar, ob die südeuropäischen Länder zukunftsarm sein werden, also zukünftig arm sind, weil sie infolge des Mangels an Wissenschaftlern zukünftig weniger Steuern einnehmen, oder aber deshalb, weil sie, ganz unabhängig von Fragen des pekuniären Reichtums, einfach arm an Wissenschaftlern sein werden. Sicher gibt es noch einige weitere Möglichkeiten.
Das Wichtigste ist, daß man das Wort "Zukunft" untergebracht hat. Um dessen Bedeutung wußte schon Helmut Kohl, der darum "zukunftsfähig" erfunden hat und in keiner Rede ausließ. "Pfupfmdsfäch" oder so ähnlich klang es bei ihm.
Jedenfalls: "Zukunftsarme und Zukunftsreiche" ist preiswürdig. Man sollte es bei der Wahl zum Wort des Jahres berücksichtigen.
In dem Artikel des Vorsitzenden geht es darum, daß Massen von Wissenschaftlern aus Südeuropa in den Norden ziehen (für die jüngeren: migrieren), weil sie zuhause keine Arbeit bekommen. Aber ob nun diese Wissenschaftler die Zukunftsarmen sind? Möglich, aber unwahrscheinlich, denn sie sind ja jetzt arm, also Gegenwartsarme, während sie in Zukunft als Institutsleiter in Cambridge oder Stockholm vielleicht recht wohlhabend sein werden. Oder ob vielleicht die Länder, aus denen sie kommen, als zukunftsarm zu bezeichnen sind? Man erfährt es nicht. Auch bleibt unklar, ob die südeuropäischen Länder zukunftsarm sein werden, also zukünftig arm sind, weil sie infolge des Mangels an Wissenschaftlern zukünftig weniger Steuern einnehmen, oder aber deshalb, weil sie, ganz unabhängig von Fragen des pekuniären Reichtums, einfach arm an Wissenschaftlern sein werden. Sicher gibt es noch einige weitere Möglichkeiten.
Das Wichtigste ist, daß man das Wort "Zukunft" untergebracht hat. Um dessen Bedeutung wußte schon Helmut Kohl, der darum "zukunftsfähig" erfunden hat und in keiner Rede ausließ. "Pfupfmdsfäch" oder so ähnlich klang es bei ihm.
Jedenfalls: "Zukunftsarme und Zukunftsreiche" ist preiswürdig. Man sollte es bei der Wahl zum Wort des Jahres berücksichtigen.
Samstag, 3. Mai 2014
Das Wesen des Journalismus
„Die wohl überraschendste These des
Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Arlt und des Publizisten Wolfgang Storz ist,
dass es sich bei der Bild gar nicht um ein journalistisches Produkt handelt. Um
journalistischen Mindeststandards zu genügen, müsste die Bild nicht nur
journalistisch arbeiten, sondern zunächst einmal überhaupt den Vorsatz haben,
den Leser zu informieren. Das ist bei der Bild aber gerade nicht der Fall.“[1]
In der
Tat, das überrascht. Ist doch, seit vor hundert Jahren Karl Kraus das Wesen des
Journalismus aufgedeckt hat, kein einigermaßen ernstzunehmender Mensch mehr auf
den Gedanken gekommen, es könnte darin liegen, den Leser informieren zu wollen.
Montag, 28. April 2014
PraktikantInnen beim Gärtnern
„Die Bamberger Gärtnerstadt
gehört zu den ältesten urbanen Gärten“, stand vor einiger Zeit in einer
Unterüberschrift der taz[1].
Liebe PraktikantInnen, die
Ihr Euch bei der taz an den
Unterüberschriften versuchen dürft, Ihr seid jung und habt noch nicht viel von
der Welt gesehen. Schaut Euch mal die Gärtnerstadt an: In ihr sind Gärten,
doch sie ist kein Garten und kann
darum auch nicht zu den ältesten urbanen Gärten gehören. Eigentlich muß man
aber gar nicht erst nach Bamberg fahren, man sieht das dem Wort Gärtnerstadt
schon an.
Sonntag, 13. April 2014
Perfekt perfekt
„Stell dir vor, du nimmst einen Grashalm oder ein Getreidekorn
direkt aus der Natur (fast das ganze Jahr erhältlich, im Winter unter dem Schnee).
Den Grashalm kannst du direkt in den Mund nehmen und ihn kauen. Das
Getreidekorn kannst du anfeuchten und 2 Tage lang ankeimen lassen. Dann kannst
du es so wie es ist verzehren. Damit gibst du deinem Körper genau die Urzutat
von Brot. In dieser Form passt sie vollkommen perfekt zu deiner Körpernatur.“[1]
Die modischen
Natur-Religionen schießen ja wie Fliegenpilze aus dem Boden. Da ist es nicht
verwunderlich, wenn zwar alles perfekt, aber nicht gleich vollkommen perfekt
gelingt. So scheinen mir die agrarwissenschaftlichen Kenntnisse noch
perfektionierungsbedürftig, ja geradezu vervollkommnungsbedürftig; es dürfte einige
Mühe bereiten, unter dem Schnee so viele Getreidekörner zu finden, daß es für
eine ordentliche Urzutat reicht, und daß ein einziges genügt, will mir nicht einleuchten. Aber ich muß zugeben: Perfekt vollkommen ist mein Wissen auf diesem Gebiet auch nicht.
Sprachlich
sollte man sich an den hergebrachten Religionen ein Beispiel nehmen: „Sie zitieren mit Andacht etwa Psalm 19,8: ‚Das Gesetz des Herrn
ist vollkommen (perfekt).’“[2]
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