Donnerstag, 26. September 2013

Stolz auf Erschöpfung der Kultur greift um sich


Nach dem Superintendenten jetzt eine Generalsuperintendentin, nämlich die Generalsuperintendentin Trautwein:
„Wir müssen wegkommen von einem Erschöpfungsstolz zu einer Erlaubniskultur“.[1]
Eventuell täte es fürs Erste auch eine Erschöpfungskultur oder eine Stolzkultur. Vielleicht sollte man aber schrittweise vorgehen und vor die Erlaubniskultur eine Phase des Erlaubnisstolzes einfügen, damit wir nicht gleich überfordert werden und vor Erschöpfung aufgeben. Ganz am Schluß könnte man dann die Erlaubnis zur Erschöpfungsstolzkultur erteilen. Oder so ähnlich.




[1] Die Kirche, 1.9.2013

Montag, 23. September 2013

Die Mühen der Ebenen


„Es ist ‚echt evangelisch’, dass sich alle Ebenen einbringen, sagt Christoph Pistorius über die Synode. Der Trierer Superintendent ist einer der 126 Synodalen in Magdeburg.“[1]
Ich glaub’ auch, daß es echt evangelisch ist, daß sich alle Ebenen einbringen; Betonung auf echt, auf Ebenen und auf sich einbringen. Ein „Alleinstellungsmerkmal“ ist es allerdings nicht. So reden sie ja auch an den Universitäten und in den Parteien und überhaupt ziemlich überall. Aber wie das die Ebenen anstellen, wenn sie sich einbringen, hat mir noch keiner erklären können. Was waren das für Zeiten, als Ebenen sich damit begnügten, weit zu sein oder fruchtbar oder einfach flach!


[1] evangelisch.de, 8.11.11

Samstag, 14. September 2013

Irrwege eines Wahrheitssuchers


„In Ihrem o.s. Artikel als einzigen Vertreter der Kritiker ausgerechnet einen Sprecher der ‚Linken’ zu nennen, der noch dazu keinerlei wirkliche Argumente liefert, ist doch wirklich schwach. Gerade die sogenannte ‚DDR’ war Paradebeispiel des politisch unmündigen Bürgers.“
Das schreibt ein wütender Leser unter dem Pseudonym „gralsritter“ im Tagesspiegel.[1]
Der Ritter wollte sicher sagen, daß die DDR gar nicht DDR hieß, sondern nur so genannt wurde oder sich selber so nannte. In Wirklichkeit hieß sie, wollte er sagen, „sogenannte DDR“ oder „DDR“; so hielten es ja seine Lieblingszeitungen über Jahrzehnte.
Indem er aber „sogenannte ‚DDR’“ schreibt, behauptet er das Gegenteil dessen, was er behaupten wollte: Dieser Staat wird nur „DDR“, in Anführungszeichen, genannt, nämlich von den westdeutschen Politikern. In Wahrheit, so unser Lohengrin, hieß er anders, nicht „DDR“; vielleicht sogar DDR, ohne Anführungszeichen. Das bedeutet das „sogenannte“ vor DDR in Anführungszeichen.

Dann aber vertritt er die merkwürdige Auffassung, daß dieser Staat gar kein Staat war, sondern ein Beispiel, ja ein Paradebeispiel eines Bürgers, also selbst ein Bürger.

Montag, 9. September 2013

Leckerlies mit Deppen Leer Zeichen


„Selbst gebackene Leckerlies“, also nicht nur gebratene und gekochte, sondern selbst, d. h. sogar gebackene, gibt es beim Pferdeforum hottelino.[1] Das Wort Leckerlies schauen wir uns lieber gar nicht erst näher an, sonst vergeht uns der Appetit.




[1] www.hottelino.de/ftopic10248.html

Mittwoch, 28. August 2013

Sparen!


„Wir ermöglichen Ihnen Fehlbesetzungen zu minimieren und Kosten zu reduzieren. ... Unsere Untersuchungen mit Hunderttausenden von Vertriebsleuten auf der ganzen Welt haben gezeigt, dass der Vertriebsbereich Qualitäten verlangt, die nicht jeder Mitarbeiter mitbringt.“ Damit dient sich eine Beraterfirma potentiellen Kunden an.[1]
Fehlbesetzungen in Branchen, in denen man die Kommaregeln einigermaßen kennen muß, lassen sich mit den Methoden der Firma offenbar nicht so leicht minimieren. Na ja, mit Branchen dieser Art hat die Firma sicher wenig zu tun. Erstaunlich ist aber, daß man selbst im eigenen Haus solche Fehlbesetzungen nicht bemerkt, die dazu führen, daß man Verschwendung erheblichen Ausmaßes nicht bemerkt. Um zu erfahren, daß der Vertriebsbereich Qualitäten verlangt, die nicht jeder Mitarbeiter mitbringt, wären nicht Untersuchungen „mit“ Hunderttausenden von Vertriebsleuten auf der ganzen Welt nötig gewesen. Das hätte den Forschern jeder Mitarbeiter, selbst der mit den geringsten Qualitäten, aus dem Stand und mit völlig hinreichender Zuverlässigkeit sagen können.


[1] http://www.cpm-bk.ch/de/pdf/Dokumentation_fuer_CPM_Homepage_mit%20Logo_23_04_09.pdf

Mittwoch, 21. August 2013

Eliteuniversität nimmt Anlauf


Das folgende Zitat sollten Sie gleich lesen, speichern und in ein paar Jahren wieder ansehen. Dann werden Sie vermutlich nicht mehr verstehen, was daran auszusetzen sein soll. Natürlicher Abgang und kollektive Gehirnwäsche werden dafür gesorgt haben, daß keiner mehr weiß, was mit dem Wort „Universität“ über die letzten paar Jahrhunderte hin gemeint war. Vermutlich wissen es auch jetzt nur noch wenige. „LMU“ steht für die (Münchener) Ludwig-Maximilians-Universität.
„Corporate Wording. Eine korrekte und einheitliche Verwendung der englischen Sprache ist die Basis für die internationale Außendarstellung der LMU.“[1]




[1] http://www.uni-muenchen.de/einrichtungen/zuv/uebersicht/komm_presse/verteiler/corporate_wording/index.html

Donnerstag, 8. August 2013

Endlich: Wesen des Todes entdeckt!


„Der Tod ist eine Angst, mit der jeder Mensch lebt.“[1]  
Bisher dachten manche, er sei ein Sensenmann, andere stellten ihn sich eher als einen dicken schwarzen Punkt vor. Doch daß er eine Angst ist, darauf ist bisher selbst von denen keiner gekommen, denen er Angst macht.

Samstag, 3. August 2013

Sieg der Demokratie


„Unter Angeln oder Sportfischen versteht man die Ausübung der Fischerei mit einer Handangel.“ (Wikipedia)[1]
Früher ist wohl auch der beschränkteste Verstand in der Lage gewesen zu begreifen, daß Sportfischen auch dann Sportfischen ist, wenn man sich dabei nicht einer Handangel bedient, sondern z. B. eines Keschers, und daß das Fischen mit einer Angel, die keine Handangel ist, auch unter Angeln fällt. Auch wäre ihm das „oder“ seltsam vorgekommen, denn man vermutet ja, daß gemeint ist, Angeln sei mit Sportfischen identisch, während es doch auch Fischer gibt, die mit Angeln ihren Lebensunterhalt verdienen.
Zumindest hätte früher einer, dem das zu hoch ist, nicht gewagt, seine Auffassung in Schriftform der Welt mitzuteilen. Der Zeitgeist aber ist damit einverstanden, daß er das tut, ist es doch einer der wenigen Erfolge der seit einigen Hundert Jahren anhaltenden Demokratisierungsbestrebungen. Während sonst immer weniger immer mehr haben und zu sagen haben, darf immerhin jeder, aber auch wirklich jeder seine Gedanken dem Publikum mitteilen, und kein Mangel an den Mitteln, von denen man meinen sollte, daß sie dafür nötig sind, kann ihn davon abhalten.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Angeln_(Fischfang) (1.9.2010)

Donnerstag, 25. Juli 2013

Auf den Punkt gebracht


„Wo jetzt Schienen liegen, sollen künftig Wohn- und Gewerbebauten entstehen. Kostenpunkt: 4,1 Milliarden Euro“ (taz)[1].
Liebe taz-JournalistInnen: 4,1 Milliarden Euro – so ein Betrag wirkt schon wuchtig und ihn hinschreiben zu dürfen, macht Sie groß genug; das müssen Sie gar nicht mehr dadurch zu überbieten (für die Jüngeren unter Ihnen: zu toppen) versuchen, daß Sie einen Punkt an die Kosten anhängen. Also: nicht Kostenpunkt, sondern einfach „Kosten: 4,1 Milliarden Euro“.



[1] 7./8. August 2010

Mittwoch, 3. Juli 2013

Hochpreisige Wohnungen


werden, so heute die taz, in Berlin gebaut. Dutzende von Durchschnitts-Anglizismen würde ich in Kauf nehmen, wenn man dafür das wieder aus der Welt schaffen könnte.


Montag, 1. Juli 2013

Parkverbot!


Gewerbepark, Erlebnispark und Forschungspark, Wohnpark, Ferienpark, Urlaubspark, Wellnesspark, FitnessPark und Fitneß Park und Fitnesspark und Fitness-Park, Sportpark, Golfpark, Tennispark, Lernpark, Bildungspark (37.000 Treffer), aber weit übertroffen von Bildungscenter (126.000), Ausbildungspark, Seniorenpark, Datenpark, Schlagerpark, Walkingpark, Umweltpark, „Der Schlosspark wird zum Sprachpark“, Musikpark, Klassikpark, Pflegepark, Filmpark, Zukunftspark, Innovationspark, Verkehrspark, Jobpark, auch  Parkjob (und das kann, scheint’s, dreierlei bedeuten: 1. Job, auf dem man parkt, d. h. auf einen besseren wartet, 2. Laub harken, 3. einparken), Kompetenzpark, Teampark, Kreativpark, Partnerpark, Servicepark, Softwarepark, Hardwarepark, biblischer Sinnpark, KarrierePark, Ökopark, Windpark, Abenteuerpark und adventure park, Cleanpark und Clean-Park, Entsorgungspark, natürlich Entspannungspark, Eventpark, Saunapark, Outdoorpark, Indoorpark, Vitalpark, Beautypark, Anti-Aging-Park, Gesundheitspark, Spaßpark, Funpark (in Trittau heißt er fun-parc), Party-Park, Nachhaltigkeitspark, „Die Netzwerk Arena als interaktiver Netzwerk Park mit einem ‚Live Chat Room’“, Kommunikationspark, Trauerpark, Projekt Trauerpark, Wettbewerbspark, Marketingpark, überraschend selten Dynamikpark und Prozeßpark, Investmentpark natürlich sehr oft, auch Chatpark gibt es oft, Aktiv Park, Actionpark (Zehntausende von Treffern), Kulturpark, Fantasiepark, Fantasy Park und Phantasiepark, Baby Park und Babypark, Basis-Park, Begegnungspark, Lyrik-Park, Prosapark (die Werke von Jane Austen), Urlaubspark, Biopark, Biologiepark, Wir sind kein Betroffenheitspark, Business-Park, Paradies-Park und, was auch deutsch sein soll, Paradise Park, Erinnerungspark, Modell-Park, Model Park (deutsch), Design-Park, Connection-Park, Integrationspark, Stabilitätspark, Drive-Park, ferner Entsorgungspark, Ereignispark, Wohlfühlpark, Gender-Park (in Wien eröffnet), Frauenpark, Freiraumpark, Friedenspark, Konzeptpark, Gefühlspark, Glückspark, Hygienepark, sowie über 100.000 mal Ideenpark und IdeenPark.
Ein Park scheint etwas völlig Beliebiges zu sein, ein x, das sich mit jedem Wort, das es überhaupt nur gibt, verbinden läßt, vor allem aber mit Wörtern aus dem Dummdeutsch- und dem überfälligen Deppendeutsch-Lexikon.
Aber nein, selbst unter diesen Wörtern gibt es einige, die sich beharrlich sperren. Kernkompetenzpark gibt’s seltsamerweise ebensowenig wie Sprachkompetenzpark, obwohl es doch bereits Kompetenzpark gibt; und es gibt keinen Einkaufspark, keinen Einwegpark, wohl aber einen Mehrwegpark; keinen Du-Darfst-Park und keinen Frische-Park, keinen Fairnesspark, völlig überraschend auch keinen Komplexpark, und weder einen Ganzheitlichkeitspark noch einen Ganzheitspark.[1]



[1] Ich habe das schon vor einiger Zeit geschrieben, vielleicht gibt es das Eine oder Andere davon inzwischen doch.


Donnerstag, 20. Juni 2013

Merkels Neuland


Daß mir das passieren muß! Ich werde eine CDU-Kanzlerin verteidigen: Wenn mir das früher einer prophezeit hätte! Nicht auszudenken, vielleicht hätte ich mir etwas angetan.
Bei Twitter, bei Facebook und bei Spiegel-Online und wo es nur immer möglich ist, ist ein Getöse ausgebrochen, ein Quieken, Wiehern und virtuelles Schenkelklatschen, daß einem die Ohren dröhnen. Was ist geschehen? Die Kanzlerin hat gesagt: „Das Internet ist für uns alle Neuland“.
Für die Kanzlerin ist das Internet Neuland! Obwohl es das schon seit 20 Jahren gibt, weiß sie immer noch nicht, wie man damit spielt! Und so was will uns regieren! Man biegt sich vor Lachen. Aber was hat die Kanzlerin gesagt?
Für uns alle, hat sie gesagt, also auch für dich, Computerfuzzy, der du nicht weißt, daß „Freund“ in der wirklichen Welt etwas anderes bedeutet als in deiner, für dich, du Netztrottel, der nicht weiß, daß 20 Jahre in der Geschichte der Menschheit eine ganz kurze Zeit sind, viel zu kurz für sie, um sich Neuland zu erschließen. Für uns alle ist das Internet Neuland, und gerade für euch Webdeppen, die ihr zwar alle technischen Tricks beherrscht, aber so wenig wie wir alle begreift, was da mit uns vor sich geht. Also für die Menschheit, nicht für mich und meine Minister. Das mag sein oder nicht, aber dazu habe ich, die Kanzlerin, nichts gesagt. Aber du bist nicht einmal in der Lage, einen so einfachen Satz zu lesen, was aber kein Wunder ist, denn du und deinesgleichen seid ja allesamt auf dem geistigen Niveau etwas zurückgebliebener Vierzehnjähriger stehengeblieben, für die es keine größere Freude im Leben gibt, als stundenlang in ein Kästchen hineinzuglotzen, weil sich da etwas bewegt, wenn man die Finger bewegt. Das sagte ich dir, Webdepp! Ich, deine Kanzlerin!
Recht hat sie.

Freitag, 14. Juni 2013

Deutsch und Deutsche


„Und ich nehm euch nicht ab, dass es aus ‚reiner Boßhaftigkeit’ her kommt. Es hat viele und gute Gründe. Unter anderem weil sie ‚Bildungsferner’ Schicht sind und zum anderen, dass sie sich nicht Integrieren wollen. Sie sagen immer, dass sie in Deutschland nicht ihre ‚Heimat’ finden. Hm, ja, woran kann das wohl liegen, wenn man sich nicht einmal bemüht, Deutsch zu lernen und etwas dafür zu tun?
Klappt ja bei Japaner etc auch sehr gut. Und hinterher fühlen sie sich auch als Deutsche. Genauso wie bei manchen Türken/Araber, die aber leider bei uns die ‚Einzelfälle’ sind.
Ich kann es nur nicht ab haben, wenn man jede Quelle als Lüge abstempelt und es schleichend wieder so rüber kommt, das der andere wieder denkt: ‚ist sowieso ein Nazi’. Unter der vorraussetzung ist eine normal führende Diskution sowieso nicht möglich.“[1]

„Die Gutmenschen, die Islam-Liebhaber, die Ströbeles und Roths dieser scheinheiligen Demokraten-brd, versuchen wider des menschlichen Naturells, Kulturen und Menschen zusammenzuführen und zu vermengen ...“[2]

„Deutsch ist die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht Deutsch können.“ (Karl Kraus)

Freitag, 7. Juni 2013

Starkdeutsch


Fünfzehn „forschungsstarke“ Universitäten hab sich zusammengeschlossen, steht eben in den Zeitungen. Schuld sind mal wieder die Fußballberichterstatter, die haben die Lawine losgetreten. Da haben sich die spielstarken Dortmunder gegen die kampfstarken Mainzer durchgesetzt und die laufstarken Düsseldorfer waren leider nicht kopfballstark genug. Was kommt als nächstes? Gewinnen die schreibstarken Journalisten gegen die intrigenstarken Politiker? Werden die redestarken Politiker die sitzstarken unterkriegen oder umgekehrt? Ein riesiges Feld tut sich da vor unseren Sprachinnovatoren auf.


Mittwoch, 29. Mai 2013

Eliteuniversitätsrektor demonstriert Kompetenz


„Wer Latein oder Griechisch hatte, ist oft auch an der ETH gut. Deshalb muss die nächste Maturareform die Kompetenz einer exakten Sprache stärker gewichten.“ (Ralph Eichler, Rektor der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, der wohl renommiertesten Technischen Hochschule Europas).[1]
Ein grelles Licht auf die politische Kompetenz heutiger Universitätsrektoren wirft das „Deshalb“. Man sollte auch die Kindergärten der Schweiz einer Reform unterziehen unter dem Leitgedanken, wie die Kleinen für die ETH brauchbar gemacht werden könnten. Bemerkenswert ist aber vor allem das Schicksal, das dem Wort Kompetenz offensichtlich bevorsteht. Wie alle anderen besonders penetranten Modewörter, z. B. Nachhaltigkeit, beginnt es nach einiger Zeit, Purzelbäume zu schlagen. Kompetenz war bisher eine Eigenschaft derer, von denen man früher sagte, sie seien für etwas zuständig oder sie können etwas, z. B. sprechen; jetzt haben sie Sprachkompetenz. Nun scheint die Sprache selber kompetent zu werden, in Zürich hat’s schon angefangen. Hoffentlich schließt das ihre Fähigkeit ein, derartige Attacken abzuwehren.

Dienstag, 21. Mai 2013

Fakten Fakten Fakten


„Fakt ist“ ist unter den Wendungen aus dem Deppendeutsch-Sprachschatz wohl die erfolgreichste. Über fünf Millionen Treffer ergab sie bei Google. Eingesetzt wird „Fakt ist“ vorzugsweise von Politikern, ihren Journalisten und im Internet politisierenden Laien, und zwar dann, wenn sie etwas behaupten, zu dessen Nachweis sie sich nicht in der Lage sehen. 


Dienstag, 14. Mai 2013

Elterteam


In der Biologie war, als man in diesem Fach noch im wesentlichen deutsch sprach, „das Elter“ üblich. „Dieser Operator trennt das Elter mittels zweier durch Zufallszahlen“ usw.[1]. Nicht gleich böse werden, die dürfen das. In einer Fachsprache sind die seltsamsten Dinge erlaubt, allerdings nur unter der Bedingung, daß streng darauf geachtet wird, daß kein Nicht-Fachmensch (darf ich das? muß es nicht vielleicht FachmenschIn heißen?) zuhört.
Aber nun geht ein Gerücht um: Die Schweiz hat beschlossen, in der Amtssprache nicht nur „Mannschaft“ durch „Team“ zu ersetzen, sondern auch „das Elter“ anstelle von „Vater“ und „Mutter“ zu setzen, denn letztere seien, wie „Mannschaft“ auch, irgendwie nicht gendergerecht oder wie das heißt. Beim Europarat hat man eben dies, heißt es, auch vor. Sollte das stimmen, so möchte ich in diesen wie in ähnlichen Fällen auf Verhängung von mindestens drei, ach was, dreißig Jahren mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen groben Unfugs plädieren. Anders sind die SprachverwaltungsbeamtInnen scheint’s nicht mehr zu bremsen. Keine Angst, es wird eine Ausnahme bleiben. Die erforderliche Gesetzesänderung soll ausschließlich für derartige Fälle von Schwerstkriminalität gelten.
Aber es gibt noch Hoffnung. Die Meldung stand in einem Boulevardblatt, dem „Blick“, wird also wohl erfunden sein. Daß man sich einmal darüber freuen muß, daß die wo’s nur geht lügen, hätte ich früher nicht gedacht.


[1] http://www.google.de/#q=%22das+elter%22+genetik&hl=de&prmd=b&ei=Ibu9TOb3OYGEswbp9fjYDQ&start=10&sa=N&fp=1d280f31b083caa6

Montag, 6. Mai 2013

Arbeitsplatzjob


Job-Akzeptanz, Jobabsage, Job-Aussichten, JOB-Runde, sind Dialekte im Job nicht angebracht? Job-Interview, JOB-AMPEL - Chancen für Akademiker auf dem Arbeitsmarkt, Job-Partner, Job-Test, Jobbesitzer, Job- und Karrierechancen, mit diesem Mini-Job-Rechner können Sie errechnen, wie viel Arbeitnehmer in einem Mini-Job netto ausgezahlt bekommen, das Job-Ticket ist ein Angebot für Berufstätige, welchen (Job)Weg kann ich gehen? Die BRAVO Job-Attacke: Gegen die Job-Angst! BRAVO will dir helfen: Mit der Job-Attacke, unterstützt von McDonald's und der Bundesagentur für Arbeit! Job-Lexikon, Job & Stellenangebote, Job-Thema, in der JOB BUDE ist ein Zimmer für dich frei, Job-Boom, Job-Anzeigen! 1 Euro Job, Job Portal, Job-Chancen, Job-Voraussetzungen.
Und natürlich Jobcenter. Auch gibt es Job-Angst, Job-Ängste, Angstjob, Job-Schwemme, Aktiv-Job, AKTIV JOB-CENTER, Action-Job; Kulturjobber brachte vor 3 Jahren 4 Treffer bei Google, jetzt etwa 3000, Kulturarbeiter damals 24.000, jetzt ist es auf 19.000 zurückgefallen; Alternativjob, Arbeitsjob, intelligenter Arbeitsjob, Arbeitsplatzjob, Jobstelle : Lukrativ und Sicher, STELLENJOB GESUCHT; um den Job trauer ich echt nicht, jedoch gibt’s seltsamerweise noch keine Jobtrauer und auch keinen Trauerjob (vor drei Jahren, heute fünf Treffer), aber 110.000 Treffer für Trauerarbeit (vor drei Jahren, heute über 300.000); Beziehungsjob gibt es allerdings schon ein paar mal, noch ein wenig häufiger Partnerjob, aber immer noch 22.000 mal Partnerarbeit, und es gibt den Mehr Mut bei Migranten – Job, Babyjob (das scheint manchmal die Arbeit zu sein, die darin besteht, ein Baby zu versorgen, manchmal eine Arbeit, die babyleicht ist, aber nie die Arbeit des Babys selbst, z. B. seine Trauerarbeit, wenn der Schnuller weg ist), Bildungs-Job; Erinnerungsjob war seltsamerweise nicht zu finden, jobgerecht brachte nur 218 Treffer (dagegen – wer versteht das? – gendergerecht 11.000 Treffer); Jobforschung.
Und so weiter und so fort.

Kaum eines dieser Wörter gab es vor 20 Jahren schon, wenn, dann führte es ein so verstecktes Dasein, daß es keiner bemerkte. Welch eine Karriere! Teils gab es sie nicht, weil man vor 20 Jahren noch weit weniger Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatte und man „Job & Stellenangebote“ richtig geschrieben hätte, nämlich „Job- & Stellenangebote“. Das hätte damals aber etwas anderes bedeutet als heute: Die Formulierung „Job- und Stellenangebote“ wäre noch möglich gewesen, während man sich heute wundert: Ist ein Job denn etwas anderes als eine Stelle? Damals aber war das ein großer Unterschied.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das Wort Job im Deutschen bereits heimisch. Ein Schüler konnte sich für die Ferien einen Job suchen. Sein Lehrer aber hatte keinen, auch wenn er nicht arbeitslos (für die Jüngeren: joblos) war. Er hatte einen Beruf und eine Stelle. Auch ein normaler Arbeiter hatte, im Unterschied zum Ferienarbeiter, keinen Job; er hatte Arbeit.
Nun sind solche Veränderungen von Wortbedeutungen nichts besonders Aufregendes. Ärgerlich ist allenfalls, daß Dschobb blöd, ja unappetitlich klingt, nach Verstopfung, und daß es sich um ein amerikanisches Wort handelt, der Grund seines Gebrauchs also allein in Minderwertigkeitsgefühlen liegt. Das hat der Job aber mit tausend anderen Wörtern gemein und rechtfertigt nicht, ihm besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die verdient er deshalb, weil er eine ganz besondere Geschichte hat.
Wann es genau war, weiß ich nicht mehr, vielleicht vor zehn oder vor zwölf oder vor fünfzehn Jahren. Davon abgesehen ist mir die Situation noch deutlich vor Ohren: Der Nachrichtensprecher im Bayerischen Rundfunk sagte, daß soundsoviele Menschen ohne Job seien. Und er meinte eindeutig nicht nur Ferien-Jobber, sondern auch z. B. arbeitslose Lehrer. Ich stutzte, denn niemand außerhalb sehr isolierter Kreise redete zu jener Zeit so. Während etwa das Ticket über 20 oder 30 Jahre hin allmählich die Vielfalt der Bahn-, Flug-, Eintrittskarten usw. verdrängt hat und irgendwann es auch die Nachrichtensprecher, erkennbar widerstrebend, übernahmen, kam der Job mit einem Schlag aus dem Äther, also von oben. Er traf aber offenbar auf ein brennendes Bedürfnis: Nur ganz kurze Zeit später war die ganze Fülle der Job-Wörter da und wenn einer eine Stelle suchte oder seinen Arbeitsplatz verteidigte, wurde er angesehen, als wäre er vom Mond gefallen.
Was ist da passiert? Man ist ja ein vernünftiger Mensch, meidet normalerweise jeden Kontakt mit den Spinnern, die mehr oder weniger wahnhaften Welterklärungssystemen anhängen. Aber hier, das muß man zugeben, helfen nur noch Verschwörungstheorien weiter. Irgendwo in einem entlegenen Winkel trafen sich die Rundfunkgewaltigen und heckten einen Plan aus. Nur, fragt man sich, was wollten sie damit erreichen? Was haben ausgerechnet sie davon? Vielleicht ist es ja eine Rationalisierungsmaßnahme. Job ersetzt, wie vorher Ticket, eine ganze Reihe alteingeführter Wörter mit ganz bestimmten, genauen Bedeutungen. Und wenn das so weitergeht, muß man eines Tages weit weniger in die Ausbildung von Nachrichten- und anderen Sprechern investieren, denn sie kommen mit viel weniger Wörtern aus. Man muß sie vielleicht bald überhaupt nicht mehr eigens ausbilden, sondern nimmt einfach irgendeinen Joblosen von der Straße. Die paar Wörter, die es dann noch gibt, wird er schon richtig aussprechen können.

Eines, dachte ich, gibt es nicht: Weil die Arbeitsplatzeffekte, wenn auch nur die positiven, gar zu schön sind und kein Politiker es sich nehmen läßt, auf sie hinzuweisen, egal was er vorschlägt, wird man wohl für ihre Erhaltung (für die Jüngeren unter Ihnen: ihren Erhalt) sorgen. Aber nein: über 30.000 Treffer ergab „Jobeffekt“ bereits bei Google.


Montag, 29. April 2013

Gott im Center des Stützpunkts


„Nach den Ansprachen und Glückwünschen segnete Ortspfarrer Heribert Schauer das Neue Agro-Center,“ das der Fliegl-Gruppe gehört, das „der wohl größte Stützpunkt für Agrartechnik in Deutschland“ ist und das in Kastl/Oberbayern die Gegend verschandelt. Das gibt fliegl.com bekannt.[1] Ich liege wohl richtig mit der Vermutung, daß einer nun schon an die zweitausend Jahre währenden Tradition folgend das Vaterunser im Center des Gottesdienstes stand.
Interessant ist die Verwendung von „Stützpunkt“ durch ein Organ des westdeutschen Kapitals. Stützpunkt ist DDR-Jargon und seine Verwendung also erfreulich, denn die Reste des letzteren haben Seltenheitswert. In der DDR gab es z. B. den Getränkestützpunkt. Das war meist eine Flaschenbierhandlung. An solchen Wörtern lag es übrigens, daß die DDR zugrundegegangen ist. Andere Erklärungen, beispielsweise daß der Sozialismus grundsätzlich nicht effizient zu wirtschaften versteht oder daß die Menschen sich halt nach Freiheit sehnen, halten einer nüchternen Überprüfung nicht stand; dergleichen ist nichts als westliche Propaganda. Aber Wörter zu erfinden wie Getränkestützpunkt, Jahresendflügelpuppe, Winkelement, Komplexannahmestelle oder Ferienobjekt, das beschwört den Zorn der Himmlischen herab.
Aus eben diesem Grund wird auch die BRD untergehen, wenn's auch andere Wörter sind. Im allgemeinen sind es schlimmere, denn was schon ist die Umbenennung des guten alten Altersheims in Feierabendheim gegen die Umbenennung in Seniorenresidenz?




[1] http://www.fliegl.com/content/index.cfm/fuseaction/57,dsp,0,2,0,126,1,0,home_fliegl_agro_center.html