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Donnerstag, 2. Februar 2012

Anschreiber beim Spielen


Das teilt uns die Zeit mit: „Am 1. Februar geht in Berlin die frisch gegründete Stiftung Futurzwei online. Ihr Erfinder ist ein namhafter Wissenschaftler, der bisher mit Büchern gegen den Klimawandel anschrieb: Harald Welzer. Nun wechselt er also das Spielfeld.“[1]
Kann man denn nicht verbieten, daß immerzu jemand gegen etwas „anschreibt“? Können die denn nicht beim Anrennen bleiben? Und wenn schon, dann bitte mit Tinte oder Bleistift oder einem Laptop, aber nicht mit Büchern. Mit Büchern kann man gar nicht schreiben, weder abschreiben noch anschreiben.
Zum Glück scheint es nicht ernst zu sein, was da passiert; es geschieht ja nur auf einem Spielfeld

Dienstag, 6. Dezember 2011

Ruhig stellen

Ohne Kundenqualifizierung sieht sich ein Verkaufsteam dazu genötigt, sich bevorzugt den ‚unangenehmen’ laut schreienden Kunden zuzuwenden, um diese ruhig zu stellen.“[1]
Warum das ganz unbescholtene Wort unangenehmen in Anführungszeichen steht, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Sich den angenehmen laut schreienden Kunden zuzuwenden – die es ja auch geben muß, sonst hätte man nicht betonen müssen, daß sich das Verkaufsteam den unangenehmen unter den laut schreienden zuwendet –, dazu sieht das Team sich offenbar nicht genötigt. Was aber soll „um diese ruhig zu stellen“ heißen? Ich sehe mehrere Möglichkeiten: Vielleicht möchte man sie in aller Ruhe stellen, d. h. erwischen, fassen, so ruhig, wie ein routinierter Polizeihund den Dieb stellt. Oder man will die Kunden in aller Ruhe stellen, d. h. hinstellen und nicht etwa legen oder setzen. Oder ruhig ist im Sinne von „Das kannst du ruhig machen“ gemeint, d. h. du kannst sie stellen, ich hab nichts dagegen. Ausgeschlossen ist aber die Bedeutung: den Kunden so behandeln, daß er aufhört, im Laden herumzukrakeelen. Denn dann müßte es ruhigstellen heißen, nicht ruhig stellen.

Damit man nicht denkt, solche Konfusion sei nur in den bildungsfernen Schichten möglich, die Beiträge zur Kundenbewertung in Vertriebslexika verfassen: Auch in unserem Bildungsbürger-Zentralorgan geht es neuerdings so zu:
„Es gäbe ja durchaus einiges zur Rolle Albert Speers im Dritten Reich und zu Hitlers letztem Tag richtig zu stellen“.[2]

Donnerstag, 8. September 2011

Starkult

„Robert Koch, der Superstar der Medizin“ (ein dem Tagesspiegel entnommener Artikel in zeit.de, 27.5.2010).
Was ist ein Star? Wikipedia belehrt uns folgendermaßen:
„Es ist das Wesen der Stars, die Bedürfnisse gerade in die Pubertät eingetretener Jugendlicher nach Freiheit, Liebe oder auch Sex anzusprechen, ohne sie jedoch direkt zu erfüllen.“[1]
Das Foto von Robert Koch, das in zeit.de zu sehen ist, weckt erhebliche Zweifel daran,  ob die in der Überschrift aufgestellte Behauptung einer Prüfung standhielte. Lediglich einem Teil der Definition („ohne sie jedoch direkt zu erfüllen“) scheint mir das Wesen des Gelehrten ein wenig entgegenzukommen.
Im Übrigen ist die Überschrift ein Beleg dafür, daß der sogenannte seriöse Journalismus inzwischen im Dreck angekommen ist und sich dort zusammen mit dem Boulevardjournalismus suhlt. Ich kenne die Rechtslage nicht, aber das Gerechtigkeitsempfinden verlangt doch, daß die Nachkommen Kochs die Möglichkeit haben müßten, Zeit und Tagesspiegel wegen Beleidigung oder Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu verklagen. Eine Verjährung ist in derart schweren Fällen sicher ausgeschlossen.


[1] Stichwort Star, 29.1.11

Donnerstag, 16. Juni 2011

Bakkalaureati im Bildungsbürger-Zentralorgan

„Brauchen wir mehr Studenten?“ So lautete die Überschrift eines Artikels in der Online-Ausgabe unseres führenden Bildungsbürgerblattes vom März 2010.[1] Er löste eine Debatte aus, an der sich, wie es sich für Die Zeit gehört, nur Leute mit Hochschulreife, meist Studenten, beteiligten. Jedenfalls war das mein Eindruck. Die folgenden Auszüge[2] lassen Zweifel daran aufkommen, daß der Bildungsbürger von heute in jeder Hinsicht dem Bild entspricht, das man sich von einem solchen immer noch gerne macht:
„Unfair finde ich als Bachelor Student wie dieser Abschluss dargestellt wird. Es stimmt nicht, dass es keinen Bedarf nach BA-Absolventen gibt. Doch muss sich die Wirtschaft erst 100%ig auf diese einstellen (Anfänge sind gegeben)! Es ist die Aufgabe der Wirtschaft auch ihr System an BA-Absolventen anzupassen.“
„Werde halt zu sehen müssen wie ich [mit meinem Bachelor-Abschluß] überlebe.... aber ihr mit Diplom könnt ja mein Hartz-IV finanzieren, denn ihr seit die Leistungsträger!“
„Ich finde es gut die Wahrheit zu sagen/schreiben und ich finde es gut, wenn wir uns damit auseinander setzen. ... Ein Industriebetrieb braucht einen Techniker und einen Ingenieur! und keinen Bucheler oder Bachelor.
Und diese Leute müssen Eisen bearbeitet und eine Lehre gemacht haben.
Nur mit dummen Sprüchen und schönen Folien können sie ihren Job nicht gut machen.“
„Achso und das Wissen sollte natürlich im Internet verfügbar sein, in schön aufbereiteter Form, ein erster Schritt, der fast nichts kosten würde, wäre die Millionen von Skripte die unsere Profs jedes Jahr produzieren (und dann meist wieder löschen) einfach mal in einer zentralen Datenbank zu verlinken.“
„Wenn, wie vorgeschlagen, die Abiturienten betriebliche Ausbildungen anstreben hat dies nur zur folge das die Schulabgänger ‚unterhalb’ Abi verdrängt werden.
Folge: Noch mehr Judendliche ohne Ausbildung und/oder Abi als Mindeststandard und/oder eine Schwemme an Abgängern aus betr.Ausbildung - Wer will das?“
„Ein Diplom Ingenieur was besser ausgebildet, hatte praktisch aber keine/ kaum Erfahrung. Der Bachelor will die Balance zwischen Theorie und Praxis halten. Also verkennt die Möglichkeiten nicht. Es sind nämlich wir (meine Generation und unsere Kinder) die Eure Rente erwirtschaftet!“
„Meiner Meinung anch sollte eine Person, welche es über ein Abitur an die UNI oder FH geschafft und dort einen Bachelor oder Master erworben hat in die Grundlagenforschung eintreten. Es ist Tatsache, dass solche Personen nach ihrem Studium noch lange nicht Arbeitsfähig sind und daher der Teil mit den Innovationen sehr schwach ausfällt.“

Das waren die Zeit-Leser. Nun aber Die Zeit, Kulturteil, selber:
„Lohengrin will nicht der Schützer von Brabant sein. Er will seine Liebe zu Elsa leben, ohne sich für seine Herkunft zu rechtfertigen. Doch eine Liebe jenseits aller Kontexte ist unmöglich.“[3]
Da drang aus meinem Stöhnen / ein Laut so klagevoll / der zu gewalt’gem Tönen / weit in die Lüfte schwoll.




[2] Ich habe die Zitate kopiert, nicht abgeschrieben, auch die Tippfehler sind also nicht von mir. – Es gab nicht besonders viele Debattenbeiträge, die oben wiedergegebenen machen einen sehr großen Teil aus.

Sonntag, 29. Mai 2011

Krone der Schöpfung

„Ein Bakterium, das Leben neu definiert“, hat Zeit.de am 2. Dezember 2010 entdeckt.
Da müht man sich ein Leben lang ab, Studenten beizubringen, was man beim Definieren alles beachten muß, damit nicht völliger Blödsinn rauskommt, erklärt ihnen den Unterschied zwischen Realdefinition und Nominaldefinition und was weiß ich noch alles. Und nun können es sogar die Bakterien. 

Samstag, 30. April 2011

Bildungsbürger-Revolution

DEBATTE UM WORK-LIFE-BALANCE
Früher hat man Führungspositionen besetzt oder man hatte sie inne. Wie man es wohl macht, sie zu machen? Noch dazu „in Teilzeit“?
Tja, unser Bildungsbürger-Zentralorgan. Früher hatten Bildungsbürger den Ruf des Gediegen-Konservativen. Heute marschieren sie an der Spitze der sprachlichen Revolution. Ob ausgerechnet sie sich dazu eignen? Ob ihnen dabei nicht vielleicht Work und Life aus der Balance geraten?

Sonntag, 17. April 2011

Erhalt und Erhaltung 3

„Von der Neuregelung verspricht sich die Regierung Mehreinnahmen von 100 Millionen Euro für den Verkehrshaushalt, die in den Bau und Erhalt von Straßen gesteckt werden sollen.“ Das teilt uns die Zeit am 15. April 2011 mit.[1]
Das „und“ ist fehl am Platz. Denn wie sollen wir Strassen anders erhalten, d. h. bekommen, außer dadurch, daß sie gebaut werden? Anders wäre es, wenn die Millionen in den Bau und die Erhaltung der Straßen gesteckt werden sollten. Da wäre das „und“ angebracht. Aber das Wissen um den Unterschied zwischen Erhalt und Erhaltung, das es doch einige Jahrzehnte tapfer gegen die Sprachkompetenzunterschicht verteidigt hat, ist unserem Bildungsbürger-Zentralorgan offenbar abhanden gekommen.