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Dienstag, 14. Juni 2011

Riechen im Raum

„Hier erleben Sie mit Ihren Gästen die ganze Faszination des Weltalls, hautnah und mit allen Sinnen - Raumfahrt als unmittelbares Erlebnis bei HandsOn-Trainingseinheiten und im Gespräch mit erfahrenen Astronauten.“ Das verspricht uns das „European Astronaut Centre / EAC - PRO TOURA Astronautentraining“ in 51143 Köln-Porz.[1]
„Mit allen Sinnen“ schrieb man schon in der Zeit der Romantik recht gern. Die moderne Geschichte dieser Formulierung aber begann nach meiner Erinnerung um 1970. „Mit allen Sinnen“ wurde zum Fahnenwort im Kampf gegen das Denken, welches man damals in weiten, vornehmlich akademischen Kreisen als lästig zu empfinden begann. Die „Kopflastigkeit“, die man auch da wahrzunehmen vermeinte, wo garantiert kein Kopf beteiligt war, z. B. in den Reihen der entschiedenen Kämpfer für oder gegen die Weltrevolution, sollte durch Einsatz der „Bauchgefühle“ niedergerungen werden.
Vor allem aber sollte man halt immerzu „mit allen Sinnen“ „erleben“. Der Glaube gewann an Gläubigen, daß man von einem Sonnenuntergang mehr hat, wenn man ihn nicht nur anschaut, sondern auch hört und riecht und schmeckt und – darauf kommt’s besonders an – fühlt. Deshalb wird er wie alles am besten „hautnah“ erlebt, denn anders kann ja der Tastsinn seine Funktion nicht ausüben, und der gehört nun mal zu „allen Sinnen“.
Nun, der Kampf ist inzwischen gewonnen. Gedacht wird zwar hier und da immer noch, aber das Denken hat seinen guten Ruf verloren und ist nur noch in Gestalt der Denke (siehe Volk der Denke), gesellschaftsfähig, besonders bei Bundes- und Ministerpräsidenten (ebd.), hier und da, z. B. bei Vodafone, in Form der Tätigkeit sogenannter Vorausdenker (siehe Neue Art von Denkern entdeckt).
Doch zurück zu den HandsOn-Trainingseinheiten. Wie mag es dort – nicht in Köln-Porz, sondern im Weltall, wo man hautnah mit allen Sinnen erlebt – wohl riechen? Ob es nicht wenigstens ganz weit oben, wo es keine Luft mehr gibt, angebracht wäre, die Zahl der beim Erleben eingesetzten Sinne etwas zu verkleinern?

Mittwoch, 8. Juni 2011

Elastische Vermählung


Am 25. Juni 2010 wachte ich auf und ein gefallener Engel hatte mir im Traum ins Ohr geflüstert: „elastische Befindlichkeiten“. Ich gab es gleich bei Google ein und in der Tat: Das gibt es. In einer „Analyse längsschnittlicher Veränderungen in Strukturgleichungsmodellen“, die in einer Psychologie-Fachzeitschrift steht, kommen elastische Befindlichkeiten vor.[1]
Das kann Anlaß geben zu tiefschürfenden sprach- und ideologiegeschichtlichen Untersuchungen. Ich überlasse sie einem Berufeneren, nur ein paar Andeutungen möchte ich machen. Nach dem Befinden etwa des werten Herrn Gemahls erkundigte man sich schon vor hundert Jahren. Die Befindlichkeit wurde aber sicher erst vom Jargon der Eigentlichkeit (Adorno) erfunden. In Sätzen wie diesem (aus dem besagten Psychologie-Aufsatz): „Für die Beschreibung längsschnittlicher Veränderung in einem Merkmal werden ein Kovariationsmodell, ein trait/state-Modell, ein autoregressives Modell sowie ein Modell von Startwert und absoluter Merkmalsveränderung dargestellt“ – in Sätzen wie diesem also sahen die Schöpfer und Sprecher jenes Jargons den Untergang des Geistes im Abendland und des Abendlands und des Geistes überhaupt, und sie wehrten sich mit einer Flut von Innerlichkeitsschwulst etwa dieser Art: „Ort der Begegnung“, „echtes Gespräch“,  „Mitmenschlichkeit“, „aufeinander zugehen“ und eben auch „Eigentlichkeit“ und „Befindlichkeit“, am besten „existenzielle“ – halt all die Phrasenbausteine, die einem selbst bei einem Gespräch über Zahnbürstenpreise das Gefühl geben, einem Gottesdienst beizuwohnen.
Und eben dieser Jargon hat sich nun dem anderen, dem vom Geist des Positivismus getränkten der Erforscher längsschnittlicher autoregressiver Stukturgleichungsmodelle, vermählt. Das ist ein Grund zum Feiern. Alle Menschen werden Brüder; ach was, Geschwister. Die feindlichsten aller Welten oder doch Weltanschauungen finden zueinander. Allerdings hat Adorno schon seinerzeit vermutet, daß der Abstand gar nicht so groß ist, wie sie sich selber, auf beiden Seiten, einbilden.



[1] Analyse längsschnittlicher Veränderungen in Strukturgleichungsmodellen. Trierer Psychologische Berichte, 30, Heft 1. (http://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/PSY/tripsyberichte/2003_30_1.pdf).

Dienstag, 17. Mai 2011

Tiefstsinn

Manchmal widerfährt es einem, daß man Sätze liest von dieser Art: „Ge-stell heißt das Versammelnde jenes Stellens, das den Menschen stellt, d. h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des Bestellens zu entbergen.“ Oder: „Die Freiheit ist das lichtend Verbergende, in dessen Lichtung jener Schleier weht, der das Wesen aller Wahrheit verhüllt und den Schleier als den verhüllenden erscheinen läßt.“ Man sieht sich von verborgenen Kräften, die sich ganz unbestellt um einen versammeln und deren Entbergen einem nicht gelingen will, hingestellt vor eine Kette von Wörtern, und fühlt, daß hier höchster Tiefsinn west, auch oder gerade weil der Schleier als ein verhüllender weht und weht und sich nicht heben will und man rein gar nichts kapiert.
Ganz ähnlich geht es mir bei Sätzen wie diesem: „Erfahrung in jedem Fall ist eine – wie eine Energie, die aufgenommen wird – von deinem Körper im Hier und Jetzt – in der Materie – so du willst, aber auch von deinem Selbst, da drin.“ Das steht auf esoterikforum.net.[1]
Es kann einfach nicht sein, daß etwas, was derart an den Grundfesten, an dem am tiefsten und festesten Gegründeten alles Denkens mindestens seit Platon und Aristoteles und alles Sprechens nun, sagen wir mal, seit Goethe rüttelt, einfach nur Geschwätz ist. Und in der Tat: Nach langem Grübeln konnte ich, was den ersten, sich mir so lange hartnäckig entziehenden Satz angeht, diesen stellen, den Schleier lichten und einen verborgenen Sinn entbergen, und es ist nur das Wissen um die politische Rolle sowie der Stil Heideggers, das mich daran hindert, mich auf ihn, wie es in diesem Jargon der Eigentlichkeit (Adorno über Heidegger) heißt, „einzulassen“. Mal sehen, wie es mit dem Satz des Esoterikforums weitergeht.